• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 09:55 Uhr Koran erklärt
StartseiteBüchermarktEine Seele in Bewegung24.07.2008

Eine Seele in Bewegung

Liebesgedichte des russischen Dichters Joseph Brodsky

Den Sommer, eine Fliege oder einen Schmetterling besingt Joseph Brodsky in seinen Liebesgedichten. Denn Liebe war für den russischen Nobelpreisträger eine der Wirklichkeit zugewandte Haltung, konnte sich folglich mit fast allen Themen beschäftigen. Einige Werke Brodskys wurden nun in dem Gedichtband "Liebesgedichte und andere Zuneigungen" veröffentlicht.

Von Brigitte van Kann

Ein Schmetterling oder auch ein Fliege können für Brodsky Gegenstand eines Liebesgedichts sein. (AP Archiv)
Ein Schmetterling oder auch ein Fliege können für Brodsky Gegenstand eines Liebesgedichts sein. (AP Archiv)

Den poetischen Titel verdankt das Taschenbuch seinem Herausgeber Michael Krüger, der selbst ein Dichter ist. Für dieses Bändchen hat er keine neuen Übersetzungen bestellt, sondern sich aus dem Fundus der letzten 30 Jahre bedient. So kommt es, dass die hier versammelten Liebesgedichte von fünf verschiedenen Übersetzern ins Deutsche gebracht wurden und auch so etwas wie die Geschichte und die unterschiedlichen Ansätze der deutschen Brodsky-Übertragungen spiegeln. Das früheste Liebesgedicht stammt aus dem Jahr 1962 und heißt lapidar "Sonett" - im Bild eines neuen Pompeji beschwört es Vergänglichkeit und Ewigkeit der Liebe.

"Wie gern würd ich in dieser schwarzen Stunde
mit einer Straßenbahn zum Stadtrand fahren
und in dein Haus eintreten,
wenn dann in Hunderten von Jahren
Ausgräber unser Viertel offenlegen,
möchte ich gern, dass sie mich wiederfinden
als Teil von dir für immer, fest umarmt
verschüttet von der neuen Asche."

Als er dieses Gedicht schrieb, war Joseph Brodsky gerade einmal 22 Jahre alt, ein Petersburger Dandy und Freigeist, ein unangepasster Bürger des sowjetischen Leningrad. Seine Verbannung in ein Arbeitslager im hohen Norden, die Ausbürgerung, das Exil in den Vereinigten Staaten, die schwere Erkrankung, der Nobelpreis - alles Elend und aller Glanz standen dem großen russischen Dichter noch bevor.

Das Gedicht, mit dem das Bändchen schließt, ist 33 Jahre später entstanden, im Jahr vor seinem Tod, und trägt als launigen Tribut an neue Welten und Zeiten den englischen Titel "Love song". Tatsächlich könnte man es sich sehr gut gesungen vorstellen, von smoothiger Popmusik untermalt.

"Bist du am Ertrinken segle ich dir zur Hilfe
pack dich in meine Decke gieß dir Tee in die Tasse.
Bin ich ein Sheriff würd ich dich einriegeln
und dann deine Zelle von innen betrachten.

Bist du ein Vogel ich würd eine Platte brennen
und nachtlang nichts hören als deine hohen Triller.
Bist du ein Spiegel stürm ich rein zu den "Ladies"
dir die Nase zu pudern meinen Lippenstift leihen."

Ja, man hört es - dies ist eines der wenigen Gedichte, die Joseph Brodsky in englischer Sprache schrieb. Als Dichter blieb er auch im amerikanischen Exil seiner Muttersprache treu - um es mit seinen Worten zu sagen: "Liebe ist immer eine monotheistische Erfahrung" - während er sich für seine Essays durchaus das Englische anverwandelte.

Auch davon bietet diese Sammlung eine Kostprobe, wenn auch mit ein wenig Etikettenschwindel - durch den Hinweis auf ein Nachwort des Autors, wenn man darunter nicht das gleichnamige Gedicht verstehen will. Ein verblichener Autor steuert leider kein Nachwort mehr bei, vielmehr hat der Herausgeber unter Brodskys ins Deutsche übersetzten Essays einen passenden Text gefunden und seiner Auswahl beigegeben.

"Altra ego" nannte Brodsky seine Abhandlung zum Thema "Liebesgedicht", denn er vertritt darin die Auffassung, der Dichter besinge ein Mädchen nur deshalb, weil er in ihrem Antlitz sich selbst erkenne. Das Liebesgedicht sei deshalb eher ein Porträt der eigenen Seele, eine Selbsterkundung: Es ist, schreibt Joseph Brodsky, "schlicht und einfach, eine Seele in Bewegung. Ist es gut, kann es auch die Ihre in Bewegung versetzen."

Ebenso rabiat wie sein großer Petersburger Kollege Vladimir Nabokov, der sich nach dichterischen Anfängen für die Prosa entschied, zieht Brodsky hier gegen die Erklärung des literarischen Werks aus der Biografie des Dichters zu Felde. Zitat: "Unter den vielen Ursachen für die geistige Verblödung des Publikums schießt das voyeuristische Genre der Biographie den Vogel ab."

Auch findet er, Publikum und Biografen sollten endlich die Finger von der vielstrapazierten "Muse" lassen - die mitnichten identisch mit der oder den konkreten Geliebten eines Dichters, sondern vielmehr die ehrfurchtgebietende ewige Stimme der Sprache selbst sei. Vielleicht war Joseph Brodsky einer der letzten Dichter, die sich als Seher, als Auserwählte verstanden, von der Muse exklusiv zum Diktat gerufen.

Mit der gebotenen Strenge versah Brodsky sein Amt, ohne permanent in die hohen Sphären abzuheben. Er war ein ironischer Dichter-Philosoph mit einer großen Leidenschaft für die irdische Welt. Für ihn konnte ein Gedicht über die Liebe "praktisch alles zum Thema haben". Er schrieb: "Dass sie ein von Liebe beseeltes Gedicht lesen, wissen die Leser jedoch dank der intensiven Aufmerksamkeit, die diesem oder jenem Detail des Universums zugewandt ist. Denn Liebe ist eine wirklichkeitszugewandte Haltung - gewöhnlich von jemand Endlichem gegenüber etwas Unendlichem."

So besingt Brodsky den Sommer, eine Fliege, einen Schmetterling, den Winter:

"Ich liebe den Geschmack deiner herben
Moosbeere zum Tee, Teller mit geschälten Mandarinen,
deine Mandeln und Erdnüsse, zweihundert Gramm nur.

Und das Brennholz, das auf den hallenden Höfen
der feuchten
Stadt, die am Meer friert, rumpelt und poltert,
wärmt mich bis heute, auch hierzulande."

Petersburg und die Ostsee-Landschaft blieben seine poetischen Bezugspunkte und Lieferanten seiner dichterischen Kraft. Genauso wie die russische Sprache und die russische Literatur, von denen alle seine Wirklichkeiten durchwirkt sind.

"und beim Wort "Zukunft" schießen Mäuse
scharenweise aus der Sprache Russisch und benagen
ein Stück Reibgedächtnis, das wie ein echter Käse
durch und durch gelöchert ist.
Das Leben, dem man - immerhin
ist's ein Geschenk - nicht gleich ins Maul schaut,
fletscht überall die Hauer und gibt Laut.
Vom Ganzen des Menschen bleibt - als Teil -
bloß Sprache übrig."

Joseph Brodsky, Liebesgedichte und andere Zuneigungen
Ausgewählt von Michael Krüger
Übersetzt von Ralph Dutli, Felix Philipp Ingold, Syliva List, Alexander Nitzberg und Birgit Veit Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig 2008, 125 Seiten

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk