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StartseiteBüchermarktEine Welt aus "transitorischen Existenzen"15.10.2012

Eine Welt aus "transitorischen Existenzen"

Ursula Krechel: "Landgericht", Jung und Jung

Für ihren Roman "Landgericht" über einen jüdischen Richter, der 1948 aus der Emigration zurückkehrt, ist Ursula Krechel mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Seine große Leistung besteht darin, eine Geschichte zu erzählen und tausend andere Geschichten mitzubedenken.

Von Ulrich Rüdenauer

Die Schriftstellerin Ursula Krechel auf der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2012 im Frankfurter Römer. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Die Schriftstellerin Ursula Krechel auf der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2012 im Frankfurter Römer. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

"Und als ich wiederkam, da – kam ich nicht wieder", schrieb Alfred Döblin über seine Rückkehr aus dem Exil, in das ihn die Nazis getrieben hatten. Döblin war wie viele andere Emigranten ein mehrfach Verwundeter: Man hatte ihm seinen Ort und sein bürgerliches Leben genommen. Döblin hat - wie auch weitere historische Persönlichkeiten - einen kleinen Cameo-Auftritt in Ursula Krechels neuem Roman "Landgericht", und das ist selbstverständlich kein Zufall. Ein anderer zurückgekehrter Emigrant, Krechels Hauptfigur Richard Kornitzer, sieht diesen kleinen, von Krankheit gezeichneten Schriftsteller am Bahnhof in Mainz sitzen, Ausschau haltend nach Trägern, und auf gewisse Weise erkennt er in Döblin sich selbst. Da heißt es:

"Er kräht etwas, das Kornitzer nur so ungefähr versteht. Etwas wie: So helfen sie doch. Aber niemand hilft ihm, und es ist auch unklar, wie man ihm grundsätzlich hätte helfen können."

Wie man grundsätzlich jenen fünf Prozent Vertriebenen hätte helfen können, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekommen waren, das ist eine der Fragen, die Ursula Krechel beschäftigen. Schon in "Shanghai fern von wo", dem letzten Roman der als Lyrikerin bekannt gewordenen Krechel, ging es um die Schicksale von Emigranten, um Flucht und die Unmöglichkeit, sich mit all den demütigenden Erfahrungen im Gepäck eine neue Heimat zu schaffen. "Die Flüchtlinge trugen eine Vergangenheit in sich, die keinen Ort mehr fand", schrieb sie darin, und für Dr. Richard Kornitzer gilt dieser Satz mindestens ebenso sehr.

Der Jude Kornitzer kehrt 1948 als Displaced Person nach zehnjähriger Odyssee zurück aus Kuba. Bereits 1933 wurde der promovierte Gerichtsassessor am Landgericht Berlin in den Ruhestand versetzt, die Restriktionen und Gängeleien nahmen nach und nach zu. Dass er mit der "Arierin" Claire, einer selbstbewussten Geschäftsfrau, verheiratet ist, schützt ihn zunächst noch – aber spätestens Ende der 30er-Jahre wird die Situation immer bedrohlicher. Ihre beiden Kinder Georg und Selma schicken sie per Kindertransport nach England, um sie zu schützen und ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Die Pläne, ihnen nachzufolgen, scheitern. Auch das Vorhaben, Claire nach Kuba nachkommen zu lassen, in dem Kornitzer als Emigrant aufgenommen wird, misslingt – und so schlagen sich alle in ihren jeweiligen Unterschlupfen durch die Kriegsjahre.

"Es sind gefundene Personen, denen ich natürlich vieles, was ich nicht wusste, ihr Eheleben zum Beispiel, erfinden musste. Aber ich habe eine Akte eines Landgerichtsrates gefunden, durfte sie aus personenrechtlichen Gründen verwenden, weil das Vorbild schon 30 Jahre tot war, und eine solche Personalakte zu lesen, die von Krankheiten, von Fehlzeiten, von Zeugnissen, von Versetzungen, von Beförderungen handelt, auch von Konflikten im Beruf, das ist schon sehr sehr intim und ein reiches Material. Und zufälligerweise, das heißt nicht zufälligerweise, sondern mit einer gewissen Energie, als ich diese Person hatte, fand ich auch in einem ganz anderen Archiv die Wiedergutmachungsakte, da erfuhr ich einiges eben über die Frau, über den Beruf der Frau, sie war Filmwerberin, also eine ganz eigenwillige und eine ganz modernistische Tätigkeit für eine Frau in den 30er-Jahren. Und ich hätte sonst gar nicht im Traum daran gedacht, einer Person einen solchen Beruf zu erfinden. Manchmal ist die Realität einfach sehr viel heilsamer und sie macht die Augen offener als das, was man sich am Schreibtisch alleine so aus seiner eigenen Erfahrungswelt ausdenken kann."

Kornitzer lernt in Kuba spanisch, erledigt Hilfsarbeiten für einen Anwalt und gerät in eine Emigrantenszene aus Kommunisten und Sozialisten. Ursula Krechel schildert diese Welt aus "transitorischen Existenzen", die sich mit politischer Arbeit aufrecht erhalten, äußerst eindringlich, anknüpfend an Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands". Dabei verflicht Krechel in "Landgericht" Dokument und Fiktion so, dass man immer auch die Nähte sehen kann. Dieses Verfahren der Collage prägt wie schon ihren letzten Roman auch dieses Buch: Man merkt ihm die enorme Sachkundigkeit der Autorin an, auch die Akribie, mit der sie ihre Leser über das Gefundene unterrichtet, um es mit dem Erfundenen kunstvoll und sorgfältig zu verbinden.

"Ich finde es auch ganz unangemessen, in diesem Fall, wenn es um traumatische Vergessensleistungen der deutschen Geschichte geht, zu viel zu erfinden. Das heißt: Ich zügele mich im Erfinden, erfinde eher die Lücken, auch die Emotionalität der Leute, die ja nicht gesprochen haben. Aber alle Personen haben reale Hintergründe, haben sozusagen Daten, Namen und Adressen, aus Personenrechtsgründen muss ich manchmal die Namen ändern. Das ist ein Austarieren zwischen den realen Funden und dem Anreichern dadurch, dass es wirklich erzählbar werden muss. Viele Dinge sind ja auch im Herzen vergraben, Schweigsamkeiten, und manchmal merkte ich, dass meine Frage – ich sage mal nicht Fragetechnik, das hört sich so therapeutisch an -, aber dass mein Interesse an den Dingen, die jemand noch nicht erzählt hat, jemanden auch zum Erzählen brachte, was sonst in ihm selbst begraben gewesen wäre."

Richard Kornitzer kehrt als gebrochener Mann zurück, als "Rumpfexistenz" empfindet er sich. Und zugleich möchte er am Aufbau eines anderen Deutschland mitwirken, will Recht sprechen, will selbst gestalten. Zunächst scheint ihm der Weg zurück offen zu sein. Er bekommt eine Stelle am Landgericht, wird bald Landgerichtsdirektor. Aber bereits die Bürde, mit ehemaligen Mitläufern und jenen "furchtbaren Juristen" des Dritten Reichs zusammenarbeiten zu müssen, lastet schwer auf ihm. Die berechtigten Forderungen nach Wiedergutmachung werden nur schleppend oder gar nicht bearbeitet.

"Es war dermaßen demütigend, und eben auch Leute, die in Israel waren oder im hintersten Winkel Australiens, brauchten einen deutschen Rechtsanwalt, um nachzuweisen, was ihnen passiert ist. Und wer hatte noch so viele Dokumente? Die meisten sind ja doch mit einem winzigen Gepäck geflüchtet – alles musste nachgewiesen werden."

Die Zerrissenheit der Familie zeigt sich deutlich in der Entfremdung der in England aufgewachsenen Kinder, die nicht zu ihren Eltern zurückkehren wollen – ja, noch nicht einmal ihre Eltern als solche mehr begreifen können. Man muss in diesen Passagen an W.G. Sebalds Roman "Austerlitz" denken, der wie die "Ästhetik des Widerstands" in Krechels "Landgericht" einen Resonanzraum bildet.

Der Kampf ums pure Überleben weicht Verzweiflung. Und der traurigen Erkenntnis, allein zu sein mit seinen Erfahrungen, nicht gewollt zu sein, in diesem Land, das einen schon einmal vertrieben hatte. Kornitzer wird darüber zu einem Michael Kohlhaas, der Petition um Petition schreibt, Klage um Klage erhebt, zusehends verbittert und sich quält und krank wird, am Körper und an der Seele.

"Kohlhaas läuft bekanntermaßen in der Kleistschen Erzählung Amok, das tut Kornitzer nicht. Er implodiert eher, die Figur zersetzt sich förmlich, er verbittert, er sitzt alleine in einem Siedlungshäuschen in Mainz. Die Welt läuft an ihm vorbei. Claire, seine Frau, stirbt vor seinen Augen; er verliert die Kinder in England, sie wollen nicht nach Deutschland zurückkehren. Es ist eine Person, die zerbröckelt, zerbröselt eigentlich, innerlich zerbröselt. Ich habe mich vielfach auch mit anderen Wiedergutmachungsverfahren beschäftigt, auch im Zusammenhang mit Shanghai, sehr sehr viele Menschen, die diese Verfahren erlebt haben, die dauernde Rechtfertigung ihrer schwierigen psychischen und auch medizinischen Situation - die Traumafolgen sind ja meistens Spätfolgen - haben einfach ihre Lebensfähigkeit eingebüßt haben. Das ist eigentlich das Tragische daran."

Es ist gar nicht so unklar, wie man Kornitzer und anderen Emigranten grundsätzlich hätte helfen können. Allerdings macht dieses Buch anschaulich, dass es nicht im Selbstverständnis der sich neu konstituierenden Republik lag, die Vertriebenen wieder aufzunehmen, weil sonst vieles möglicherweise hätte hinterfragt werden müssen, über vieles nicht so leicht hätte hinweggegangen werden können. So sind die Exilanten nicht nur einmal ausgestoßen worden, sondern nach ihrer Rückkehr ein zweites Mal.

Ursula Krechel erzählt uns die Biografien von Richard und Claire Kornitzer, ihre Gebrochenheiten in Rückblenden ins Berlin der frühen 30er-Jahre und ins Kuba der 40er. Und die 1947 in Trier geborene, in Berlin lebende Autorin arbeitet intensiv mit dem Archiv und hält uns ihre Fundstücke nicht vor. Die Klarheit des Faktischen wird in Literatur verwandelt; es entsteht eine doppelte Ebene. Das Zeithistorische reichert sie an mit Leben; jene Lücken, die von den Akten belassen oder erst aufgerissen werden, füllt Krechel einfühlsam und dezent.

"Die Vorstellung, quasi fiktive Personen, von denen man nicht so viel wissen kann, und Realien zu mischen, was ja auch Musil im "Mann ohne Eigenschaften", was Proust macht, das sind Dinge, die mir große Freude machen, weil sie geben der Figur, über die man wirklich schreibt, die im Mittelpunkt steht und die natürlich auch Fiktion haben muss, einen anderen Hallraum, sie geben ihr eine Sicherheit auf den Füßen, sie steht in einem anderen Raum, einem Raum, der nachvollziehbar ist. Diese Art von Doppelbelichtung des zeithistorischen Materials mit Angereichertem, mit Möglichkeitsformen, das interessiert mich in der Tat sehr. Und wenn Sie von der "Ästhetik des Widerstands" sprechen: Das große Eingangsbild, das Peter Weiss verwendet, hat mich ermutigt, die große Hollywoodszene des Ankommens, des Heimkehrers Odysseus-Kornitzer in Lindau, am wunderschönen Bahnhof, am Bodensee und das Wiedersehen mit seiner Frau nach zehn Jahren, an den Anfang zu stellen. Das Buch ist kompliziert geschnitten. Es hätte auch in der Mitte stehen können, aber genau das war mein Motiv, groß anzufangen, und mit einem riesig entfalteten Bild."

Diese komplexe Schnitttechnik, die Montage und die verschiedenen Perspektiven machen die Qualität von "Landgericht" aus: Es wird eben nicht alles in Erzählung aufgelöst, nicht alles auf ein einziges Schicksal heruntergebrochen. Es ist gerade die große Leistung dieses Romans, eine Geschichte zu erzählen und tausend andere Geschichten mitzubedenken, im Hintergrund mitlaufen zu lassen. Deshalb muss sich dieser Roman immer wieder vom Einzelnen entfernen, wegzoomen von Claire und Richard, um sie dann umso schärfer wieder in den Blick nehmen zu können. Und so jenen ein Denkmal zu setzen, die in Geschichtsbüchern nur als statistische Größe einen Auftritt haben.

Ursula Krechel: Landgericht.
Roman
Jung und Jung, Salzburg und Wien 2012, 495 Seiten, 29,90 Euro.

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