Sonntag, 19.11.2017
StartseiteKultur heute"Eine würdige Preisträgerin"07.09.2012

"Eine würdige Preisträgerin"

Debatte über die Kritik an der Adorno-Preisträgerin Judith Butler

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hält die Philosophin Judith Butler, für eine "bekennende Israel-Hasserin". "Ich sehe darin eher den Reflex auf eine Lage, die zumal im Nahen und Mittleren Osten immer unübersichtlicher wird", deutet der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik solche und ähnliche Kritik.

Micha Brumlik im Gespräch im Gespräch mit Michael Köhler

Die US-amerikanische Philosphin Judith Butler (Stephan Töpper/Freie Universität Berlin / dpa)
Die US-amerikanische Philosphin Judith Butler (Stephan Töpper/Freie Universität Berlin / dpa)

Michael Köhler: Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat seine Kritik an der Verleihung des Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin Judith Butler heute erneuert. Eine "bekennende Israel-Hasserin", die sich "mit den Todfeinden des israelischen Staates" verbündet habe - so lautet die Kritik -, werde da nächsten Dienstag mit dem Theodor-Adorno-Preis in der Frankfurter Paulskirche geehrt. Micha Brumlik, den Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizisten, habe ich zuerst gefragt: Ist Judith Butler eine würdige Preisträgerin?

Micha Brumlik: Sie ist, was das Werk, das systematische Werk von Theodor W. Adorno betrifft, auf jeden Fall eine würdige Preisträgerin. Freilich hat sie sich vor einigen Jahren politisch unklug geäußert. Das hat sie längst und mehrfach dementiert und sich von diesen Äußerungen distanziert.

Köhler: Zumal in Deutschland ist man ja sehr sensibel, was die Kritik an der israelischen Nahost-Politik angeht – aus gutem Grund. Nun zieht ja, wer die palästinensische anti-israelische Boykottbewegungen so wie Judith Butler unterstützt, ja nicht gerade Sympathien auf sich. Wundern muss einen die Kritik also nicht?

Brumlik: Wundern muss einen die Kritik nicht. Butler hat ja präzisiert, inwiefern sie diese Boykottbewegung unterstützt. Sie ist dagegen, in Firmen zu investieren, die schweres Gerät herstellen, die palästinensische Siedlungen zerstören. Und sie ist nicht bereit, mit israelischen Organisationen zu sprechen, die sich nicht eindeutig gegen die Besetzung und Besiedlung des Westjordanlandes aussprechen. Und dann wird natürlich der Kreis derer, mit denen man überhaupt noch reden kann, sehr klein.

Köhler: Professor Brumlik, Sie haben Anfang der Woche eine Petition, eine Internetunterstützungserklärung mitunterschrieben, die die Preisverleihung für in Ordnung hält. Sie haben über zwei Jahrzehnte oder mehr noch an der Frankfurter Goethe-Universität selber als Professor für Erziehungswissenschaft gelehrt, Ihnen ist Klima und Personen der Preisverleihung vertraut, Sie haben sich als Antisemitismusforscher einen Namen gemacht, waren Direktor des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts zur Erforschung von Geschichte und Wirkung des Holocaust. Ist, wer als jüdisch-amerikanisch, lesbisch-linke Friedensaktivistin Israel kritisiert, von "jüdischem Selbsthass" befallen?

Brumlik: Das kann ich überhaupt nicht sehen. Ich würde eher umgekehrt pointieren, dass Frau Butler das, was sie für die jüdische Ethik hält, ausgesprochen lebt und von dieser, vielleicht ein bisschen zu großartigen Haltung, nennen wir es mal, prophetischer Kritik aus die israelische Politik kritisiert.

Köhler: Kritik an der Preisverleihung ist legitim, wie auch die Kritik an Israel. Ist dieser Vorwurf des "jüdischen Selbsthasses", der ja gemacht wurde von Stephan Kramer und anderen, nicht selber – und damit komme ich zum Glutkern unseres Gespräches - ein Stückchen Antisemitismus?

Brumlik: Nein. Also, das kann ich nun überhaupt nicht finden. Ich sehe darin eher den Reflex auf eine Lage, die zumal im Nahen und Mittleren Osten immer unübersichtlicher wird. Es ist ja klar: Die Juden, wir Juden Europas mussten im Holocaust einen schrecklichen Blutzoll von sechs Millionen zahlen. Inzwischen ist es so, dass das klerikal-faschistische Regime im Iran Israel mit der Vernichtung droht. Und aus einer solchen Bedrohungssituation heraus kann ich durchaus verstehen, dass man sehr gereizt gegen alle Formen der Kritik reagiert.

Köhler: Heute erneuert der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, seine Vorwürfe in der "Frankfurter Rundschau" mit einem doppelseitigen Beitrag, spricht von "Komplizenschaft" Butlers mit der Boykottbewegung. Er hält das für ein "systemisches Versagen auch des Kuratoriums". Es sei eine deutsche Vorliebe, Juden auszuzeichnen, die für einseitige Israel-Kritik stehen. Soll da, um jetzt mal mit der Sprache Butlers zu sprechen, eine Person denunziert und delegitimiert werden?

Brumlik: Ich glaube weniger, dass es um die Person geht, sondern dass diese Position eines beanspruchten jüdischen Universalismus, die sich in der Tat gegen die fatale Besatzungs- und Besiedlungspolitik wendet, dass die in der Öffentlichkeit keinen Raum gewinnen soll. Anders kann ich auch gar nicht die öffentlichen Interventionen des israelischen Botschafters gegen die Preisverleihung und sein im Internet publiziertes Schreiben an den Frankfurter Oberbürgermeister verstehen.

Köhler: Ich habe erwähnt, dass Sie mit der Stadt Frankfurt auf vielfältige Weise verbunden sind. Sie haben die Preisverleihung wie auch andere miterlebt, auch in der Paulskirche. Was glauben Sie, was da am Dienstag passieren wird?

Brumlik: Ich fürchte, es wird enorm peinlich werden. Nach allem, was man hört, ist die Paulskirche bis jetzt im Unterschied zu vergangenen Zeiten nur bis zur Hälfte ausgelastet. Der Frankfurter Oberbürgermeister hat spät diplomatisch verkünden lassen, dass er angeblich ohnehin nicht kann, weil er auf Reisen sein muss. Ich bin also gespannt, wer Frau Butler diesen Preis verleihen wird.

Köhler: Das sagt der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik, der sich übrigens vier Tage nach der Preisverleihung mit Judith Butler im Jüdischen Museum über Zionismus und Judentum in Berlin trifft und dort debattieren wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk