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Einen Essay anfangen

Jean-Philippe Toussaint: Fernsehen. Frankfurter Verlagsanstalt

Nennen wir ihn der Einfachheit halber Jean - den Ich-Erzähler in Jean-Philippe Toussaints letztem Roman "Fernsehen". Wir erfahren zwar so einiges über ihn und die detaillierten Umstände seines Lebens, aber nie, wie er heißt. Und so wissen wir denn bald, dass Jean ein Historiker belgischer Abstammung ist, Essays schreibt und sich gerade in Berlin aufhält. Er hat ein Stipendium für eine Studie über Kunst und Macht erhalten, in deren Zentrum der Maler Tizian steht. Warum er dafür ausgerechnet ein Jahr in Berlin verbringen muss, gehört zu den Rätseln der akademischen Welt - und natürlich zu den Rätseln eines Romans, in dem alles so einfach, so freundlich übersichtlich erscheint.

Von Walter van Rossum

Bibliothek in Berlin (Nicolas Hansen)
Bibliothek in Berlin (Nicolas Hansen)

Übrigens hat Jean noch nicht angefangen mit seinem Essay. Knapp 250 Seiten lang versucht er, die Witterung des Anfangs aufzunehmen. Man möchte fast sagen: er begehrt zu beginnen.

"Ich schlug bedächtig das Buch zu, legte es neben mich auf den Rasen und schloss die Augen. Regungslos lag ich da und fragte mich, ob ich nicht dabei war, mich vor meiner Arbeit drücken zu wollen. (....) Aber war zugleich nicht genau das Arbeiten, sagte ich mir, dieses langsame und fortschreitende Sich-Öffnen des Geistes und diese allumfassende Verfügbarkeit der Sinne, die nach und nach in mir einsetzte? (...) Bekanntlich schaute sich Michelangelo lange die riesigen Marmorblöcke an, die er aus den Steinbrüchen von Carrara hatte herausbrechen lassen, so als seien die künftigen Werke im Rohmaterial der Marmormassen vor seinen Augen bereits existent, in ihnen eingeschlossen, und als bestünde seine Aufgabe nur noch darin, sie gefühlvoll aus der starren Hülle, die sie gefangen hielt, zu befreien, einfach mit dem Meißel abzuschlagen, was die Reinheit ihrer ewigen Form störte. "

Nun mag vielleicht der Eindruck entstehen, ein Roman, der allein vom Anfangen einer Schrift handelt, könnte auf Dauer doch ein wenig langweilig sein. Doch, erstens, handelt das Buch nicht nur vom Anfangen, sondern, zweitens, zugleich auch vom Aufhören, denn während Jean mit dem Scheiben seiner historischen Abhandlung beginnen will, will er mit dem Fernsehen aufhören - wodurch sich schon mal der Titel des Romans erklärt - überdies ist, drittens, Jean-Philippe Toussaint ein Schriftsteller, der auf unvergleichliche Weise von etwas sonderbar anmutenden und nicht gerade aufregenden Projekten erzählen kann. So dass der Leser bis zur letzten Seite in Spannung gehalten wird mit dieser eigentlich nicht wahnsinnig aufregenden Frage, ob es Jean gelingt, die Begegnung Tizians mit Kaiser Karl V. so zu schildern, dass sein Buch endlich seinen Lauf nehmen kann. Und ob er es schafft mit dem Fernsehen aufzuhören.

Es trifft sich gut, dass Jean in Ruhe nach dem Anfang suchen kann: Seine schwangere Frau und sein Sohn verabschieden sich nach Italien in den Sommerurlaub. So ist er ganz auf sich gestellt. Er kennt nicht viele Leute in Berlin und er hat nicht viele Pflichten - außer etwa die Blumen der Nachbarn zu gießen, die sich ebenfalls in den Sommerurlaub verabschieden. Und so gerät jetzt sein Leben in aller Ruhe zwischen die Mühsteine zweier gegenläufiger Projekte: das Anfangen und das Aufhören. Zur Entspannung pflegt er morgens ins Schwimmbad zu gehen, in der unbestimmten Hoffnung, dass sich beim Drehen der Runden, beim Betrachten junger Mädchenblüten die Rhetorik seines Essays einstellt und endlich in Fahrt kommt. Zwischendurch fragt er sich auch, warum er eigentlich mit seinen alles in allem eher harmlosen Fernsehgewohnheiten gebrochen hat. Doch so richtig kommt er nicht dahinter. Auch wenn er jetzt den Fernseher nicht mehr anmacht, so ist er jetzt doch sehr mit dem Nicht-Schauen beschäftigt.

" "Übrigens herrschte, so hatte ich schon mehrfach bemerkt, eine Art allgemeine Scham, uneingestanden und schuldhaft, wenn man sagen sollte, wie man zum Fernsehen stand, man tat es nur widerwillig, als ginge es um eine schwere Krankheit, die einen nicht etwa indirekt betraf, sondern hautnah. Zwar konnte kaum jemand leugnen, dass auch er persönlich in Mitleidenschaft gezogen war, versuchte aber zumindest die Folgen herunterzuspielen, indem er vornehmlich auf die Augenblicke der Ruhe abhob, die ihnen die Krankheit ließ, die - noch zahlreichen - Perioden des Abklingens, in denen sie nicht allzu litten, in denen ihre Auswirkungen noch vergessen werden konnten und sie ein normales Leben führten, jene seltenen Abende in der Woche, in denen sie noch ausgehen konnten, ins Theater oder ins Konzert. "

Was sein anderes Projekt - den Essay - betrifft, so scheint er auch hier nicht richtig zu ahnen, worauf die Sache hinauslaufen soll. Mit anderen Worten: Jean, der sich auf den ersten Blick so strukturiert, so organisiert darbietet, gleitet über das dünne Eis seines Lebens: durchscheinend und zerbrechlich. Doch aus Toussaints Roman weht uns kein Hauch metaphysischer Erregung entgegen, kein existentielles Pathos, sondern seltsamerweise eine merkwürdige Erregung und Spannung: Alles ist möglich. Wenn Jean in einem Café frühstückt und ein Mädchen sich an seinen Tisch setzt, hält man den Atem an: Kommt jetzt der Ehebruch, kippt gleich alles um? Und wenn er bei seinen verreisten Nachbarn die Blumen gießt, erwartet man Einbrecher in der leeren Wohnung oder geheime Dokumente. In Wahrheit hat Jean bloß vergessen, den Farn zu wässern. Nichts in dieser Geschichte ähnelt auch nur von Ferne einer Krise - und doch atmet alles in gewisser Weise den Geist einer umfassenden Krise, gedämpft von gelassener Ironie. Alles könnte ständig anfangen oder aufhören: die Macht, die Kunst, der Essay, das Fernsehen, die Liebe, das Leben, der Roman.

" "Ich hatte keinen Handschuh an, natürlich nicht, aber wie ich da reglos in meinem Regiestuhl saß, mit ernstem Gesicht und nichts Maliziösem im Blick, eine Hand achtlos auf eine Stuhllehne gelegt, musste von mir der selbe Eindruck von Gelassenheit und besorgter Ruhe ausgehen, wie ihn die Person des Kaisers vermittelte, so wie ihn Tizian in Augsburg vor einem kostbaren Hintergrund aus vergoldetem Maroquin erfasst hatte, der Körper würdig und abgespannt, mit demselben unruhigen Blick. Woran dachten wir also? Wovor hatten wir so leidenschaftslos Angst?"

Ironie, die Toussaint so meisterlich beherrscht, ist oft ein Stilmittel der Verlegenheit. Sie erlaubt sich nicht festzulegen und gleichzeitig Eleganz und gewitzt zu schweben. Auch bei Toussaint fehlt es nicht an Grazie und Humor, aber es geht um was anderes: Es geht um einen Widerspruch, den wir zwar ständig leben, aber in der Regel nur auf zwei völlig verschiedenen Ebenen abhandeln können. Nichts hat das Geicht einer Notwendigkeit, und doch inszenieren wir die geringste unserer Handlungen als mehr oder weniger dringende Notwendigkeit. Ohne zu zögern mag man eingestehen, dass vom eigenen Walten auf Erden nichts übrig bleibt als Achselzucken der Unendlichkeit. Und ohne zu zögern, stürzen wir uns dann wieder in die Imperative unseres Arbeitslebens. Man kommt da logisch nicht raus, nur ironisch lässt sich der Pegel der Ambivalenz aussteuern. Toussaint holt das memento mori aus der Kirche und lässt es durch die Fußgängerzone unseres Lebens streifen.

Jean, der bekanntlich gar nicht Jean heißt, ist der Held fast aller Romane Toussaints, und er hat in keinem seiner Bücher einen Namen. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Autor, was Herkunft, Lebenslauf, Beruf oder Ehestand angeht. "Badezimmer" hieß der erste Roman von Jean-Philippe Toussaint aus dem Jahre 1985. Und da war Jean, der schon damals keinen Namen trug, ein Intellektueller, der beschloss, das Badezimmer nicht mehr zu verlassen. In dem Roman "Der Köder" von 1991 geht es um einen Künstler, der in Madrid weilt und beschließt mit dem Rauchen aufzuhören. Und so wie der reale Jean-Philippe Toussaint eine Weile in Madrid gelebt hat, so hatte er auch in den 90er Jahren ein Stipendium in Berlin. Er ist auch verheiratet und hat mittlerweile zwei Kinder. Doch auch wenn Toussaint seinen Ich-Erzähler mit den Umständen seiner eigenen Biographie auflädt, so können wir doch nicht umhin, in ihm einen Phänotyp unserer Zeit zu erkennen, und in dem Phänotyp finden wir reichlich vertraute Züge: uns selbst.

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