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StartseiteKultur heute"Einer der großen Weltdirigenten"18.09.2011

"Einer der großen Weltdirigenten"

Musikjournalist zum Tod des Dirigenten Kurt Sanderling

Kurt Sanderling sei eine der großen Figuren des Jahrgangs 1912, sagt Musikjournalist Harald Eggebrecht über den verstorbenen Dirigenten. In ihm habe sich "die ganze Kunst des Dirigierens" des 20. Jahrhunderts vereint.

Harald Eggebrecht im Gespräch mit Michael Köhler

Das undatierte Archivbild zeigt den Dirigenten Kurt Sanderling während einer Orchesterprobe. (AP)
Das undatierte Archivbild zeigt den Dirigenten Kurt Sanderling während einer Orchesterprobe. (AP)

Michael Köhler: Einer der großen deutschen Dirigenten ist gestorben: Kurt Sanderling. Er wurde 98 Jahre alt.

"Machen sie mal ein Crescendo, wenn es nach oben geht ... "sie merken es ja selbst, wie die Linie geht, nicht. Drei, vier, eins! – So, so, so, so, dass es lebt und keine Etüde wird, nicht."

Köhler: ..., dass es lebt und keine Etüde wird. Also kein Imperator, kein Tarzan am Pult offenbar. - Ein Probenausschnitt aus den 60er-Jahren war das, Tschaikowskys "Romeo und Julia". Kurt Sanderling dirigiert das Deutsche Sinfonieorchester.
Er starb heute im Alter von 98 Jahren. Morgen hätte er seinen 99. Geburtstag gefeiert. Kurt Sanderling galt als der Letzte aus einer Generation der großen Dirigenten, der als Sohn einer jüdischen Familien in Ostpreußen geboren wurde.

"Ich habe auch sehr, sehr viel Glück gehabt, dass ich durch dieses Jahrhundert als Jude, als deutscher Jude, als Emigrant, als Migrant durchgekommen bin. Aber vor allem: Ich habe das Glück gehabt, mein ganzes Leben lang das machen zu dürfen, was ich so leidenschaftlich gern getan habe. Wer kann das schon von sich sagen."

Köhler: Frage an den Musikjournalisten Harald Eggebrecht: Wie war dieser Kurt Sanderling, der noch mit Wilhelm Furtwängler und Erich Kleiber arbeitete und den man in Agenturen – so kann man es heute nachlesen - den "Nestor der ostdeutschen Dirigenten" nennt?

Harald Eggebrecht: Also ihn den Nestor der ostdeutschen Dirigenten zu nennen, ist ein bisschen verwegen. Man müsste ihn eigentlich schon einen der großen Figuren des Jahrgangs 1912 nennen, denn der Jahrgang 1912 ist reich gesegnet mit überragenden Dirigentenpersönlichkeiten wie Celibidache, wie Günter Wand, wie Erich Leinsdorf, wie Igor Markevitch und eben auch Kurt Sanderling. Und Kurt Sanderling, in dem vereint sich eigentlich die ganze Kunst des Dirigierens in diesem Jahrhundert, denn er wäre ja nächstes Jahr tatsächlich 100 geworden. Wir alle haben das gehofft, wir alle haben gehofft, in ihm noch den letzten dieses legendären Jahrgangs 1912, des Titanen-Jahrgangs – Georg Solti gehört noch dazu – eben zu feiern.
Das ganze Jahrhundert heißt, was Sie eben sagten: Er ist absolut geprägt von Furtwängler. Er hat sich sehr auf Furtwängler immer berufen. Er hat gesagt, man konnte bei ihm erleben, wie ein Stück entsteht. Das war der tiefste Eindruck, den er von einem Dirigenten überhaupt hatte. Er war auch sehr fasziniert von Otto Klemperer, er hat natürlich auch Bruno Walter sehr geschätzt. Insofern ist er nun wirklich nicht so sehr der Nestor der ostdeutschen Dirigenten, ich halte das geradezu für eine Verkleinerung. Im Gegenteil: Er ist wie gesagt einer der großen Weltdirigenten geworden, allerdings langsam. Er ist ein Autodidakt, er kommt erst vom Klavierspielen, dann bringt er sich das Dirigieren quasi bei, wird Korrepetitor, dann kommt das Dritte Reich und da er Jude ist, wird er ausgebürgert 1935, und 1936 kann er dann mit Glück in die Sowjetunion emigrieren, nicht recht wissend, was ihn dort erwartet in Stalins Reich. Aber er hat auch dort wieder Glück, weil er relativ schnell in die Lage kommt, der zweite Dirigent neben Jewgeni Mrawinski bei den Leningrader Philharmonikern zu werden.

Köhler: Genau. – Und dann kommt er 1960 zurück nach Ostberlin.

Eggebrecht: So ist es.

Köhler: Was macht er da? – Er wird Chef des Berliner ...

Eggebrecht: Er kommt also erst 1960 und dann wird er Chefdirigent dieses Berliner Symphonieorchesters, so nannte es sich damals. Das war interessant. Er hätte eigentlich auch andere Orchester haben können. Er wollte aber ein neues Orchester aufbauen. Er wollte also selbst seine Erfahrung umsetzen an einem dieser lebendigen großen, man nennt das ja immer Klangkörper, dieser Instrumente, die da zusammengekommen sind, und das Berliner Symphonieorchester war das jüngste, unerfahrenste und wurde durch Kurt Sanderling zu einem erstklassigen Ensemble ausgebildet in den 17 Jahren, in denen er dort Chefdirigent war.

Köhler: Sagen Sie was zu seinem Repertoire und seinem Dirigat: Mahler, Beethoven, Sibelius, aber auch Schostakowitsch war ihm aus unterschiedlichen Gründen sehr ans Herz gewachsen.

Eggebrecht: Er kannte ihn persönlich, und nicht nur das. Sie waren sehr befreundet. Schostakowitsch traute ihm. Dabei war er überhaupt kein Schostakowitsch-Apologet in jeder Beziehung. Es gab Symphonien, die er nicht so gerne mochte, II., III., IX. von Schostakowitsch mochte er nicht so gerne. Aber die, die er dirigierte wie die X. etwa – das war jene Symphonie, die unmittelbar nach Stalins Tod 1953 entstand und die gleichsam eine monomentale Abrechnung, kann man sagen, ein monomentales Epitaph auf diese grausige Stalin-Zeit gewesen ist für Schostakowitsch -, das hat Sanderling mit einer unnachahmlichen Mischung aus Sachlichkeit und Gefühl herübergebracht, sachlich im Stile des Dirigierens, altkapellmeisterlich, sehr präzise der Schlag von oben nach unten, kein Gezupfe, keine Fisimatenten, trotzdem energiegeladen und spannungsvoll, aber möglichst wenig Aufwand betreiben, und auf der anderen Seite der große, natürlich doch von den Gefühlen beherrschte Musiker, von dem er auch so viel hielt, dass er deswegen ein Problem hatte mit der Zwölfton-Musik, auch mit vieler moderner Musik. Da war er Skeptiker, da war er, wenn man so will, alte Schule. Das ist aber gar nicht negativ gemeint. Es muss nicht jeder alles können.

Köhler: Wenn man ihn so hörte, schon mal in gelegentlichen Interviews oder Pausengesprächen, ein sehr ruhiger, bedächtiger, Sie sagen es, tragender Mann. Er hat mal sinngemäß gesagt, andere machen Geschichte, ich mache Musik. Er hat nie also wie Kurt Masur vielleicht eine tragende oder katapultierende Rolle in der deutschen Geschichte gespielt, oder?

Eggebrecht: Nein, das hat er in diesem Sinne nicht. Aber er war der viel bedeutendere Dirigent.

Köhler: ..., sagt Harald Eggebrecht zum Tod des Dirigenten Kurt Sanderling.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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