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StartseiteInterview"Einer, der schon Vertrauen hat"20.02.2012

"Einer, der schon Vertrauen hat"

Bundesentwicklungsminister Niebel verteidigt Präsidentschaftskandidat Gauck

Als die FDP Joachim Gauck zum Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten machte, kam ihr Kritik von der Union entgegen. Von Vertrauensbruch soll gar die Rede gewesen sein. Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) zeigt dafür kein Verständnis. Die FDP wolle einen Bundespräsidenten, der nicht erst Vertrauen zurückgewinnen muss - deshalb Gauck.

Dirk Niebel im Gespräch mit Jürgen Liminski

Dirk Niebel (FDP) (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Dirk Niebel (FDP) (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Jürgen Liminski: Mit der Wahl des Bundespräsidenten verbinden sich spätestens seit der Wahl von Gustav Heinemann 1969 auch koalitionspolitische Überlegungen. Die Wahl des Präsidenten gilt seither auch als Signal künftiger Koalitionen. Trifft das auch auf die Wahl des Nachfolgers von Christian Wulff zu? Wenn das so sein sollte, ist das Signal schon gegeben. Die FDP hat sich bei der Kandidatenfrage festgelegt und damit möglicherweise eine Tür zur SPD geöffnet oder auch zu einer Ampelkoalition. Darüber und über den Kandidaten selbst sprechen wir jetzt mit dem FDP-Politiker Dirk Niebel. Er ist Mitglied im Präsidium seiner Partei und Bundesentwicklungsminister. Guten Morgen, Herr Niebel!

Dirk Niebel: Guten Morgen, Herr Liminski!

Liminski: Herr Niebel, was hat die Parteispitze bewogen, so hartleibig die Kandidatur des parteilosen Bürgerrechtlers Gauck zu verteidigen?

Niebel: Die Frau Bundeskanzlerin hat gesagt, dass wir jetzt einen Überparteilichen für alle wählbaren Kandidaten benötigen, und wir waren der Überzeugung, wir brauchen jetzt, nachdem das Amt des Bundespräsidenten ja schon in Mitleidenschaft gezogen worden ist, einen Präsidenten, einen Bürgerpräsidenten, der nicht erst Vertrauen zurückgewinnen muss, sondern einer, der schon Vertrauen hat.

Liminski: Hatte die Partei denn keinen eigenen, auf den das liberale Profil gepasst hätte?

Niebel: Wir hätten natürlich eine eigene Kandidatur haben können, aber wir hatten im Sinn, dass wir tatsächlich möglichst viele in der Bundesversammlung mitnehmen. Und deswegen haben wir hier die eigenen Parteiinteressen hinter die Interessen der Allgemeinheit gestellt, und ich glaube, das ist auch richtig. Übrigens darf ich dran erinnern, dass bereits bei der letzten Bundestagswahl Herr Gauck viele Sympathien in der FDP-Fraktion in der Bundesversammlung gehabt hat.

Liminski: Sie sind bei dieser Geschichte ja bis an den Bruch der Koalition gegangen, war das Politpoker?

Niebel: Wir haben nicht gepokert, sondern wir haben eine klare Position bezogen, der sich alle anderen Parteien dann auch angeschlossen haben. SPD und Grüne haben selbstverständlich nicht hinter ihren Kandidaten vom letzten Mal zurückgehen wollen. Ich finde gut, dass die Union sich hier bewegt hat, weil die Bürgerinnen und Bürger ein enormes Ansehen bei der Person Joachim Gauck sehen. Und ich glaube, hier sollten wir das gute Gefühl der Bevölkerung auch umsetzen in gute Politik.

Liminski: In der CDU wird nun Kritik laut, sachte aus Sachsen, kräftig aus der Unionsfraktion, und wird vermutlich auch heute aus anderen Teilen der Republik ertönen. Die FDP habe einen gewaltigen Vertrauensbruch begangen, lautet einer der Vorwürfe. Können Sie das verstehen?

Niebel: Nein, da habe ich überhaupt kein Verständnis dafür. Wir haben uns bemüht, den Knoten zu zerschlagen und den Weg zu ebnen für einen Bundespräsidenten, der Vertrauen bei großen Teilen der Bevölkerung genießt, der aufgrund seines persönlichen Lebenslaufes über alle Zweifel erhaben ist und – das sage ich auch mit großer Freude dazu – der weite Teile des liberalen politischen Spektrums abdecken kann.

Liminski: Die Kandidaten, die in der Union genannt wurden, warum waren Ihnen die nicht genehm?

Niebel: Wir haben uns für einen Kandidaten entschieden und nicht gegen andere, und ich finde, das ist auch das, was man tun sollte. Nur weil jemand als präsidiabel erscheint, muss man doch durch das Benennen der Gründe, die einen vielleicht davon Abstand nehmen lassen, ihn zu unterstützen, nicht die Persönlichkeit noch irgendwie beschädigen.

Liminski: Die FDP blieb standhaft, damit auch Mehrheitsbeschafferin für den Kandidaten der Opposition, so kann man das ja auch sehen. Kann man im Verhalten der FDP ein Signal für einen möglichen Allianzenwechsel sehen?

Niebel: Herr Gauck ist der Kandidat der Mehrheit der Bundesversammlung, und ich glaube, dass es gut ist, wenn die FDP den Weg dafür frei gemacht hat. Man sollte nicht viel zu viel hineininterpretieren, als in diese Personalentscheidung hineingehört. Deutschland braucht einen Präsidenten, der Vertrauen genießt, weil das Amt zu wichtig ist, um jetzt nach dem Abgang von Herrn Wulff erst wieder lange Zeit für Vertrauensaufbau zu benötigen. Und deswegen ist das eine sehr staatstragende und wie ich finde kluge Entscheidung gewesen.

Liminski: Aber als Warnsignal an die Kanzlerin oder die Union darf man das doch interpretieren?

Niebel: Wir arbeiten vertrauensvoll in der Koalition zusammen, wir müssen uns nicht gegenseitig drohen.

Liminski: Ein Signal ist eine Sache, der Vorrat an Gemeinsamkeiten eine andere. Ist der Vorrat erschöpft?

Niebel: Nein. Wir haben eine Menge erreicht in diesen gut zwei Jahren, aber es gibt noch einiges zu tun. Insbesondere was die Sicherung unserer Währung anbetrifft, kann Deutschland froh sein, dass diese Koalition regiert und keine andere. Bei anderen Koalitionen zum Beispiel ohne die FDP hätte es schon längst den Eurobond und die Schuldenunion gegeben, Länderfinanzausgleich auf europäischer Ebene – das ist, glaube ich, das, was die Bürger am wenigsten brauchen.

Liminski: Wie sieht denn das gemeinsame Programm für die nächsten Monate aus, welche Projekte werden denn jetzt angepackt, vermutlich mit neuem Elan?

Niebel: Nun, wir haben ja einen Koalitionsvertrag abzuarbeiten, der für jedes Politikfeld genau beschreibt, was zu tun ist, und wer bedenkt, wie viele externe Schocks diese Koalition schon überstehen musste und managen musste, der kann sich überlegen, dass es gut ist, wenn diese und keine andere Regierung arbeitet. Wir wollen den Wohlstand in Deutschland sichern, dadurch Wachstum ermöglichen, dazu gehört die Energiewende. Ich versuche das in meinem Politikfeld international umzusetzen, um die Fehler der alten Industriestaaten in anderen Ländern möglichst zu minimieren, damit wir alle bessere Chancen haben. Und so arbeitet jeder in seinem Bereich zur Stabilisierung von Wohlstand und Freiheit in unserem Land.

Liminski: Hat sich Ihre Partei in letzter Zeit etwas gedemütigt gefühlt durch die CDU?

Niebel: Wir haben unsere Herausforderungen in der Koalition immer bewältigt, und wir haben sie meistens nicht öffentlich bewältigt, und das ist ein Bestandteil des Erfolges dieser Regierung.

Liminski: Eigentlich hatte man ja geglaubt – ich komme noch mal zurück auf den koalitionspolitischen Aspekt –, die Ampel sei in Saarbrücken begraben worden. Hat die FDP diese Option jetzt wieder ausgegraben?

Niebel: Es stehen keine Koalitionsfragen an, und deswegen werden sie auch nicht beantwortet werden müssen. Ich glaube, generell müssen alle demokratischen Parteien untereinander koalitionsfähig sein, das gilt für die CDU und die SPD ohnehin schon, die Grünen machen es auch vor, warum nicht die FDP? Aber ganz klar, die Koalition hat eine deutliche Mehrheit. Wir wollen die Regierung erfolgreich zu Ende führen und wir streben an, sie fortzusetzen nach der nächsten Bundestagswahl.

Liminski: Es lebe der Kandidat, es lebe die Koalition – vielleicht lässt sich so die Lage zusammenfassen. Das war Dirk Niebel, Präsidiumsmitglied der FDP und Bundesentwicklungsminister im Kabinett Merkel. Besten Dank fürs Gespräch, Herr Niebel!

Niebel: Gerne, Herr Liminiski!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links bei dradio.de:

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