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Eines Rechtstaates würdig

Die letzten Prozesstage gegen Anders Behring Breivik in Oslo

Von Marc-Christoph Wagner

Blick in den Gerichtssaal in Oslo. Das Urteil im Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik soll am 24. August fallen.
Blick in den Gerichtssaal in Oslo. Das Urteil im Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik soll am 24. August fallen. (picture alliance / dpa - Heiko Junge)

Wer den Prozess gegen Anders Behring Breivik vor Ort erlebt hat, kann die Norweger nur beglückwünschen. Dieses Gerichtsverfahren war die Fortsetzung jener besonnenen Reaktion, mit der die Norweger - obwohl geschockt und ins Mark getroffen - auf die Bluttaten des 22. Juli 2011 reagierten.

Genau elf Monate nach den Anschlägen des 22. Juli im Osloer Regierungsviertel und auf der Insel Utøya ging am Freitag der letzte Verhandlungstag im Prozess gegen Anders Behring Breivik zu Ende. Sowohl die Beteiligten im Gerichtssaal, die Polizisten, die das Gebäude sicherten, die Journalisten, die den Prozess begleiteten, wie überhaupt die Norweger wirkten erschöpft. 43 Prozesstage und die eingehende Beschäftigung mit der Frage, ob Breivik ein geistesgestörter Täter ist oder ein kaltblütiger, politisch-ideologisch motivierter Terrorist, ging wohl an den wenigsten spurlos vorüber.

Insbesondere der letzte Verhandlungstag hatte es noch einmal in sich, rief die Gesamtpalette menschlicher Gefühle ab. Am Nachmittag berichtete eine Mutter, wie sie vom Tod ihrer Tochter durch die Bombe im Osloer Regierungsviertel erfuhr, wie sie später deren Wohnung ausräumte, wie sie das erste Weihnachten ohne sie verbrachte. Ein aus dem Irak stammendes Mädchen sprach von ihrer Schwester, die auf Utøya erschossen wurde - erzählte, wie die Familie vor Saddam Hussein geflüchtet war, wie die Fremde Norwegens die Schwestern zusammenschweißte, wie sie am Ende meinten, in dem Land eine neue, sichere Heimat gefunden zu haben.

Ein zu Tränen gerührter Gerichtssaal hörte diesen Schilderungen zu, applaudierte spontan - und wurde dann von der Eiseskälte des Anders Behring Breivik wie ein Schock getroffen. Einmal mehr rechtfertigte er sein Massaker als einen Warnschuss. Schon bald würden Sinnesgenossen neue Aktionen durchführen, um ein multikulturelles, muslimisch-dominiertes Europa zu verhindern. Sogar den Angriff auf Atomkraftwerke mit Zehntausenden Opfern stellte er in Aussicht - und verteidigte derlei als Notwehr und Selbstverteidigung.

Wurde Breivik im Gerichtssaal eine Bühne geboten? Kamen die Opfer, Überlebenden und Hinterbliebenen im Laufe des Verfahrens zu kurz? War es nötig, sich so eingehend mit der geistigen Verfassung dieses Massenmörders zu befassen? Und hätte man dies auch getan, würde dieser nicht der Mitte der norwegischen Gesellschaft entspringen, sondern muslimischer Herkunft sein?

Natürlich lassen sich diese und andere Fragen formulieren, doch wer den Prozess vor Ort erlebt hat, kann die Norweger nur beglückwünschen, ja bewundern. Dieses Gerichtsverfahren war eines Rechtsstaats würdig. Und es war die Fortsetzung jener besonnenen Reaktion, mit der die Norweger - obwohl geschockt und ins Mark getroffen - auf die Bluttaten des 22. Juli reagierten. Mehr Offenheit, mehr Demokratie, mehr Humanität, formulierte Ministerpräsident Jens Stoltenberg damals. Unvergessen auch die Worte eines Mädchens, das sagte: "Wenn ein Mann so viel Hass zeigen kann, wie viel Liebe können wir dem alle gemeinsam entgegenstellen."

Am 24. August nun wird das Urteil gegen Breivik gesprochen. Und egal wie es ausfällt, ob die Richter den 33-Jährigen als geistesgestört oder straffähig einschätzen, er wird viele, viele Jahre hinter Schloss und Riegel landen. Ein Kapitel wird damit geschlossen - aber eben nur ein Kapitel und noch lange nicht die gesamte Geschichte des 22. Juli. Erstens sind da all die Opfer, Überlebenden, Hinterbliebenen und Traumatisierten, die ein Leben lang geprägt sind. Zweitens bleiben kritische Fragen, was Arbeit und Reaktion von Polizei und Behörden betrifft. Drittens ist da die Tatsache, dass Breiviks Verbrechen in seiner Grausamkeit zwar beispiellos, er gewiss aber kein Einzelfall ist. Das Gedankengut, das diesen Norweger antrieb, ist in ganz Europa, ja weltweit verbreitet. Die Mittel, mit denen er das Osloer Regierungsviertel in die Luft sprengte und eine idyllische Insel in eine Hölle verwandelte, sind es ebenso. Mit anderen Worten: Es bleiben Fragen offen, die in keinem Gerichtssaal dieser Welt abschließend geklärt werden können.

Wie konnte aus einem jungen Mann ein empathieloser Massenmörder werden? Wie konnte das niemand auffallen? Und welche Rolle spielten dabei etwa die unergründlichen Weiten des Internets, die ja irgendwo auch ein Spiegel sind einer anonym-vereinzelten Gesellschaft? Wer Breivik abstempelt als einen geisteskranken Einzelfall, macht es sich zu leicht. Zwar ist der 22. Juli 2011 ein norwegisches Trauma. Angehen aber tut es uns alle. Je eher wir dies begreifen und beginnen, uns mit den wahren Fragen dieses Prozesses zu beschäftigen, desto größer die Chancen, das wir ein vergleichbares Verfahren nicht schon bald an anderem Orte führen müssen. Erneut fassungslos und am Ende erschöpft.

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