Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 

Montag, 18.12.2017
 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteBüchermarktEinfach Erzählen12.11.2003

Einfach Erzählen

Klaus Modick und der kretische Gast

Klaus Modicks Romane handeln von deutscher Geschichte. Das gilt für den 1995 erschienenen Roman <em> Der Flügel </em> und jetzt wieder für <em> Der kretische Gast</em> . Es geht hier wie dort um vergessene Kapitel des Nationalsozialismus. Und Modicks Erzählweise stützt sich hier wie dort auf einem unter germanistisch geschulten Autoren in Deutschland sehr beliebten Zwei-Zeitebenen-Modell. Ulla Hahn zum Beispiel. In ihrem Roman "Unscharfe Bilder". Hier findet eine Tochter Fotos des Vaters, die ihn als Mittäter bei Wehrmachtsverbrechen in Verdacht geraten lassen. Bei Modick gibt es einen Sohn, der seinem Vater auf die Schliche kommt. War Vater dabei, als die deutsche Wehrmacht Exekutionen von Widerständlern auf dem besetzten Kreta anordnete?

Hajo Steinert

Coverausschnitt des besprochenen Bandes (Eichborn Verlag)
Coverausschnitt des besprochenen Bandes (Eichborn Verlag)

Anders als Ulla Hahn, deren Roman eher mit erhobenem Zeigefinger geschrieben ist, gelingt Modick ein Balanceakt zwischen historischer Recherche und Abenteuerroman, Liebesromanze und Hommage an eine Insel, die sich vor allem in den siebziger Jahren großer Beliebtheit unter Rucksacktouristen erfreute. Die Erzählebenenen bei Modick changieren Kapitel für Kapitel zwischen den vierziger und siebziger Jahren. Aber welcher Möchtegernhippie wusste schon, dass dieses "Paradies" Kreta 1941 von den Nazis besetzt wurde? Dass die Nazis im Zuge ihrer Tyrannei Dörfer verbrannten und tausende Kreter, darunter vor allem Partisanen, hinrichteten? Und wer von uns hatte eine Ahnung davon, dass sich nach der deutschen Kapitulation englische Siegertruppen besiegte deutsche Einheiten zur Hilfe holten, um die kretische Unabhängigkeitsbewegung "Andartiko", die im Krieg noch Seit an Seit mit den Engländern stand, zu zerschlagen? - Das sind Fragen, die Klaus Modick bewegten. Er stöberte in zahlreichen historischen Quellen. Stimmig und unspektakulär arbeitete er sie in sein Buch ein.

Die Romanhandlung. Auf der Basis der historischen Fakten läßt Modick 1943 einen fiktiven Archäologen die Insel betreten, um reinrassige Kunstgegenstände für Hitlers geplantes germanisches Museum zu sammeln. Ein Dr. Martens gerät immer mehr in den Bann der Schönheit und Vitalität der Insel, verliebt sich in eine Kreterin, hier beginnt und endet die Romantik. Als Martens Zeuge eines blutigen Massakers seiner Landsleute wird, die Partisanen vor weiteren Aktionen der deutschen Besatzer warnt und dabei auffliegt, wird er wegen Sabotage verhaftet. Die Schilderung des inneren Konflikts zwischen deutschem Gehorsam und mediterraner Lebenslust gehört zu den stärksten Seiten des Romans. Schwächer kommen jene Siebziger-Jahre-Seiten daher, in denen Modick sämtliche Klischees abruft, die man mit der Generation verbindet: außer Pop und Kiffen nichts gewesen.

Dennoch bietet Klaus Modick ein aufregendes Leserlebnis. Nicht nur, weil er ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte spannend für alle Lesergenerationen aufgearbeitet hat, sondern weil hier einer - selten genug in der deutschen Literatur - ohne großes Federlesen erzählt, einfach erzählt. Modick setzt das deutsche Schimpfwort "Schmöker" außer Kraft.

Klaus Modick
Der kretische Gast
Eichborn, 457 S., EUR 24,90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk