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StartseiteInterview"Eingriff in die Wettbewerbsfähigkeit"11.09.2010

"Eingriff in die Wettbewerbsfähigkeit"

Banker Bernhard Speyer über das Regelwerk Basel III

Die neue Eigenkapitalvorschrift der Banken, die sogenannte Basel III, soll unter anderem vor einer neuen Finanzkrise schützen und die Banken stabiler aufstellen. Bernhard Speyer, Ressortleiter Finanzmarktregulierung bei Deutsche Bank Research, unterstreicht, wie wichtig eine globale Regelung ist.

Bernhard Speyer im Gespräch mit Sandra Schulz

Basel III soll eine globale Finanzregulierung schaffen, um eine neue Krise zu vermeiden. (AP)
Basel III soll eine globale Finanzregulierung schaffen, um eine neue Krise zu vermeiden. (AP)

Sandra Schulz: Und am Telefon begrüße ich jetzt Bernhard Speyer, Referatsleiter Banken, Finanzmärkte, Regulierung bei Deutsche Bank Research, guten Morgen!

Bernhard Speyer: Guten Morgen, Frau Schulz!

Schulz: Wie groß ist Ihre Sorge vor einer Kreditklemme?

Speyer: Nicht ausgeprägt zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Wir sind ja gegenwärtig in einer Situation, in der auch die Kreditnachfrage aufgrund der nach wie vor schwachen Konjunktur eher gering ist. Insofern ist das kein pressierendes Problem zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Die Frage, die sich natürlich stellt, ist, wie wird das aussehen in einem Umfeld, in dem die Konjunktur wieder auf normale Wachstumsraten zurückkehrt und in dem gleichzeitig die Banken die höheren Kapitalanforderungen und nicht zuletzt auch die darüber hinausgehenden neuen Regulierungen erfüllen werden müssen?

Schulz: Also die Warnung, die wir auch gerade gehört haben vom Bankenverband, von Manfred Weber, mit denen mehr als 100 Milliarden, die an Mehrbelastung auf die Banken zukommen würde, das ist im Grunde dann ein Lobbyargument?

Speyer: Das ist kein Lobbyargument, das ist eine realistische Einschätzung mit Blick auf die Anforderungen, die vermutlich am Ende in Basel beschlossen werden, und man muss in der Tat dann schauen, wie, in welchem Zeitraum diese neuen Anforderungen zu erfüllen sind. Dazu kommt – und ich glaube, das ist gerade für die deutsche Diskussion relevant –, dass wir in Deutschland ein Bankensystem haben, was von seiner Fähigkeit, neues Kapital aus dem laufenden Geschäft zu bilden, doch eher eingeschränkt ist. Sie müssen sich immer vor Augen halten, dass das deutsche Bankensystem selbst in einem guten Jahr wie 2006 gerade mal Profit von insgesamt 18 Milliarden generiert hat. Und dann ist klar, wenn man das ins Verhältnis zu einer neuen Kapitalanforderung von über 100 Milliarden setzt, dass hier gewaltige Anforderungen auf die Banken zukommen.

Schulz: Ja, trotzdem haben Sie die Sorgen ja gerade relativiert, wir haben das von vielen Bankmanagern gehört, wir schultern das schon, wir stemmen das schon. Wenn der Protest so mau ausfällt, heißt das, dass die Regeln dann zu lasch sind? Denn die Banken hatten ja immer vor einer Überregulierung gewarnt.
Speyer: Ja noch mal, Frau Schulz, ich glaube, man muss zwei Dinge sehen: Erstens, die Reaktionen der Bankenindustrie reflektieren so etwas die Maßnahmen, die zumindestens jetzt im Umriss bekannt sind, dahingehend, dass wir doch relativ lange Übergangsfristen bekommen werden, sodass die Einführung der neuen Kapitalregeln machbar erscheint in diesem Zeitraum. Gleichzeitig muss man aber sehen, wir reden ja nicht nur über neue Kapitalanforderungen, wir reden auch über einen ganzen Sprung von anderen Maßnahmen, die die Banken belasten werden und für die ebenfalls höhere Teile der Profite zurückgelegt werden müssen. Denken Sie an die Bankenabgabe, denken Sie an die höhere Einlagensicherung, denken Sie an die Diskussion über Finanztransaktionssteuer, denken Sie darüber, dass durch viele andere regulatorische Maßnahmen die Profitabilität des Bankensektors insgesamt reduziert werden wird. Und in dieser Kumulation stellt sich dann schon die Frage, ob das Bankensystem in der Lage sein wird, aus dem laufenden Geschäft heraus so viel Kapital zu generieren und dann die Anforderungen erfüllen zu können, die die Wirtschaft im Sinne der Kreditnachfrage hat.

Schulz: Ja trotzdem sprechen wir jetzt über eine Kernkapitalquote von sechs Prozent, das hat der Bankenstresstest jüngst gezeigt, die meisten Institute erfüllen das jetzt schon. – Was ist daran denn überhaupt ein entscheidender Hebel?

Speyer: Nun, man muss sehen, wenn Sie die Ergebnisse des Bankenstresstests angucken, dass viele Institute in Europa eher die sechs Prozent relativ knapp genommen haben. Das heißt, der Puffer über die neuen regulatorischen Anforderungen hinaus ist bei vielen Instituten vergleichsweise gering. Wir müssen auch sehen, dass die regulatorischen Kapitalanforderungen natürlich nur eine Seite der Medaille sind, die andere Frage ist, was sind eigentlich die Kapitalanforderungen, die Investoren, die Gegenparteien, die Kunden an die Banken stellen? Und hier stellen wir heute schon fest, dass die meisten Banken deutlich höhere Kapitalquoten halten müssen, als es den regulatorischen Anforderungen entspricht. Und noch mal: Man darf das nicht zu statisch sehen, es gilt ja, zukünftiges Wachstum und zukünftige Geschäfte zu finanzieren. Das heißt, wir müssen nicht von den gegenwärtigen Abdeckungen des jetzigen Geschäftes ausgehen, sondern immer denken: Wird die neue Anforderung erfüllt werden können, auch mit Blick auf mal wieder steigende Bankaktiva?

Schulz: Aber gerade vor dem Hintergrund verstehe ich nicht: Bisher haben wir eine Kernkapitalquote von vier Prozent vorgeschrieben, es sollen dann sechs sein; das ist doch eigentlich ein ganz kleiner Schritt nur?

Speyer: Na ja, die Kernkapitalquote ist ja nur ein Teil der Beschlüsse, die am Wochenende gefasst werden sollen. Sie wissen, dass darüber hinaus vermutlich die Gesamtkapitalquote noch mal erhöht werden wird, es wird geredet über noch zusätzliche Kapitalpuffer, die errichtet werden sollen, es wird geredet möglicherweise noch über eine zyklische Kapitalkomponente und es wird geredet über eine Beschränkung des Verhältnisses von Kapital zu Gesamtaktiva. Insofern geht es nicht nur um die Kernkapitalquote und es geht auch, nicht zu vergessen, um eine Veränderung der Zusammensetzung des Kapitals mit mehr Kernkapital und weniger sogenannten hybriden Kapitalformen. – Insofern in der Summe durchaus eine massive Verschärfung in der Anforderung an Quantität und Qualität des Kapitals.

Schulz: Und um sich darauf vorzubereiten, plant die Deutsche Bank jetzt eine Kapitalerhöhung, darüber gibt es Medienberichte von acht oder neun Milliarden Euro Anfang nächster Woche?

Speyer: Nun ich glaube, wir reden ja über Basel III, insofern die Anforderung für das gesamte Kapitalsystem, insofern ist es auch angebracht, auf das gesamte Bankensystem zu gucken und nicht nur auf einzelne Häuser. Ich denke, wir haben wie diskutiert festgestellt, dass in Deutschland nicht nur eine ganze Reihe von Häusern die Notwendigkeit haben werden, neues Kapital zu bilden.

Schulz: Ja, über die Pläne der Deutschen Bank haben Sie jetzt nichts gesagt.

Speyer: Frau Schulz, Sie wissen, dass wir zu Marktgerüchten keine Stellung nehmen.

Schulz: Noch kurz der Blick in die USA: Da hapert es im Moment ja noch an der Vorgängerregel, an der Umsetzung an Basel II. Wie zuversichtlich sind Sie denn überhaupt, dass Basel III mit den noch strengeren Vorschriften auch nur den Hauch einer Chance einer Umsetzung hat?

Speyer: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den Sie da ansprechen. Die USA haben sich verpflichtet, Basel II und Basel III umzusetzen, und es wird aus europäischer Sicht eine Voraussetzung sein, dass das auch tatsächlich passiert. Denn es ist klar auf der Basis des Diskutierten, Basel III, die Verschärfung wird einen massiven Eingriff in die Wettbewerbsfähigkeit haben, und wenn wir hier nicht zu gemeinsamen, globalen Regeln kommen, hat die europäische Finanzindustrie, hat das deutsche Finanzsystem ein Problem.

Schulz: Bernhard Speyer, Ressortleiter Finanzmarktregulierung bei Deutsche Bank Research und heute in den "Informationen am Morgen" im Interview. Danke Ihnen!

Speyer: Bitte schön, Frau Schulz, auf Wiederhören!

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