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StartseiteBüchermarktEinige bemerkenswerte Männer29.03.1999

Einige bemerkenswerte Männer

Mit den Romanen klappte es nicht so richtig. Immer wieder kommt James Lord in seinem Buch "Einige bemerkenswerte Männer" auf seine lange zurückliegenden Mißerfolge in der Schriftstellerei zu sprechen. Die Selbstironie, mit der er das tut, läßt darauf schließen, daß er auf einem anderen Gebiet genügend Erfolg hatte. Bekannt wurde James Lord in den 60er Jahren mit einem wunderbaren kleinen Bericht aus der Werkstatt Alberto Giacomettis. Lord saß dem Künstler Modell und erlebte am eigenen Leib Giacomettis enervierende Mischung aus Kreativität und Destruktion, die aus jedem Arbeitstag einen verzweifelten Neubeginn machte und aus einer Porträtsitzung, die einen Nachtmittag dauern sollte, ein Prozedere, das sich über Wochen und Monate hinzog. Diese Situation im Atelier ist eine exemplarische Schlüsselszene für die publizistische Tätigkeit des amerikanischen Autors und Kunstkritikers James Lord. Denn Giacometti malte nicht nur, er plauderte und philosophierte dabei auch ununterbrochen. Und James Lord saß nicht nur Modell. In ihm arbeitete ein Aufnahmegerät, das sich Satz für Satz merkte, was der nervöse Meister von sich gab.

Ursula März

So wurde James Lord zwar kein renommierter Romanautor, aber ein großartiger Künstlerbiograph, bei dem sich seriöse Kenntnis der Kunstgeschichte mit dem Talent zur Charakterstudie und einem Faible für das mondäne Gesellschaftsleben, für Klatsch und Tratsch zwischen Bett, Bar und Atelier mischt. "Es war mir schon immer ein dringlicher Wunsch", schreibt er in seinem Porträt des englischen Ästheten Harold Acton," mit den Männern und Frauen bekannt zu werden, die zu der künstlerischen Geschichte meiner Zeit beigetragen haben. Mit Picasso und Giacometti bekannt gewesen zu sein, Strawinski getroffen und mit Thomas Mann korrespondiert zu haben, bedeutet mir zum Beispiel weit mehr, als wäre ich mit Präsident Roosevelt oder Albert Einstein oder einem Papst auf vertrautem Fuß gewesen. Ich kann nicht sagen warum, doch von frühester Jugend an sehnte ich mich danach, emotionale und intellektuelle Bewunderung zu empfinden und zum Ausdruck zu bringen, und als Objekte dieser Sehsucht dienten mir immer schon Maler, Schriftsteller und Komponisten".

Die biographische Erzählung über Harold Acton ist einer von vier Texten, die in dem Band "Einige bemerkenswerte Männer" versammelt sind. Außer Acton handelt es sich bei den Bemerkenswerten um Jean Cocteau, den Maler Balthus - und um Giacometti, der für James Lord offensichtlich den Inbegriff des genialen Menschen verkörpert und dessen Uneitelkeit, Bescheidenheit und soziale Unambitioniertheit er bewundert - vielleicht, weil er sie selbst nicht besitzt. Auch die anderen drei Protagonisten des Buches entsprechen nicht dem Ideal, im Gegenteil. Das geheime Thema der Texte über Cocteau, Acton und Balthus ist die Geschichte der Selbststilisierung und der Selbstkostümierung als Begleiterscheinung künstlerischer Existenz. James Lord analysiert die Formen manirierter Lebensstile derart genau, daß man annehmen muß, er sei ihnen durch Haßliebe und faszinierte Abwehr verbunden. Da ist Jean Cocteau, den die affige Ruhmsucht künstlerisch behindert. Oder Balthus, der Maler bürgerlicher Herkunft, der vom Adel besessen war, sich und seiner Umgebung so lange suggerierte, blaublütig zu sein, bis diese Legende den Status der Tatsache annahm. Und Harold Acton, der Sohn einer hochkultivierten englischen Familie, der im Paradies einer florentischen Renaissancevilla aufwuchs und aus dem nie ein guter Schrifsteller wurde, da er immer blieb, was er von Anfang an war: ein ängstlicher, am Elternhaus klebender Sohn und Erbe, der in den Bohèmes der Welt zu Hause war und als 50jähriger Mann noch heimlich über die Mauer der Villa kletterte, wenn er nachts von amourösen Abenteuern mit italienischen Soldaten heimkehrte. Aus seiner Homosexualität machte Acton zeitlebens ein Geheimnis. James Lord aus der seinen nicht.

Man erfährt überhaupt so en passant recht viel Autobiographisches über den Autor selbst, sein Leben zwischen Europa und Amerika in den 50er und 60er Jahren, seine Gedanken, in diesen Studien, die eigentlich von anderen handeln, die elegant und unterhaltsam geschrieben und äußerst angenehm zu lesen sind. Auf dem Umweg über das Sachbuch ist James Lord doch noch Schriftsteller geworden.

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