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Seit 17:05 Uhr Kulturfragen
StartseiteInterview"Einige der Vorwürfe sind auch nicht neu"12.03.2010

"Einige der Vorwürfe sind auch nicht neu"

Autorin Hilal Sezgin plädiert für Verbleib des Islamrats bei Islamkonferenz

Die Autorin und Islamkennerin Hilal Sezgin sieht den Ausschluss des Islamrats von der Islamkonferenz wegen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen kritisch. Die Vorwürfe gegen die Organisation seinen schon lange bekannt und hätten dem Gespräch bisher nie im Weg gestanden.

Hilal Sezgin im Gespräcch mit Silvia Engels

Deutsche Islamkonferenz 2009 in Berlin (AP)
Deutsche Islamkonferenz 2009 in Berlin (AP)

Silvia Engels: Vier große islamische Verbände gibt es in Deutschland. Alle haben verschieden große Mitgliederzahlen. Aber alle treffen sich heute in Köln, um darüber zu beraten, wie sie mit dem Kurs von Innenminister de Maizière und der vom Innenministerium veranstalteten Islamkonferenz umgehen. Der CDU-Minister hatte eine der Teilnehmerorganisationen, den Islamrat, aufgefordert, die Mitgliedschaft wegen staatsanwaltlicher Ermittlungen in der gemeinsamen Konferenz ruhen zu lassen. Das Ganze hatte dann viele Reaktionen nach sich gezogen.

Am Telefon ist nun Hilal Sezgin, sie ist Islamkennerin und freie Publizistin, unter anderem für die "Frankfurter Rundschau", die "taz" oder die Wochenzeitung "Die Zeit". Guten Tag, Frau Sezgin.

Hilal Sezgin: Guten Tag.

Engels: Glauben Sie, dass die großen Islamverbände heute einen Ausstieg aus der Islam-Konferenz erklären, oder haben dann doch die eher beruhigenden Worte von Minister de Maizière Wirkung gezeigt?

Sezgin: Ehrlich gesagt, ich bin auch ziemlich gespannt. Ich kann es nicht sagen. So weit ich weiß, war es gestern auch noch offen. Ich habe mit einigen gesprochen und es war auch da noch nicht ganz klar, wie sie sich entscheiden werden, und ich kann das auch durchaus verstehen.

Es gibt ja noch andere Kritikpunkte außer denen des Islamrats. Dieses Interview übrigens von de Maizière heute in der "Süddeutschen Zeitung" finde ich auch höchst entscheidungshemmend, um es mal vorsichtig auszudrücken. In dem Beitrag eben wurde es sehr positiv beschrieben. Ich finde, da spricht auch was anderes heraus als Offenheit.

Engels: Dann können wir darauf direkt zu sprechen kommen. Herr de Maizière hat ja gesagt, er habe den Islamrat nicht ausgeschlossen, er habe ihn zu ruhender Mitgliedschaft aufgerufen, bis eben Vorwürfe der Staatsanwaltschaft im Blick auf Steuerhinterziehung ausgeräumt seien. Wie ordnen Sie diese Einschätzung von de Maizière ein?

Sezgin: Einerseits kann man es natürlich verstehen. Es geht nicht um ein läppisches Delikt oder so. Andererseits sind einige der Vorwürfe auch nicht neu, insofern versteht man nicht, warum die jetzt in Anschlag gebracht werden.

Es sind auch zwei verschiedene Sachen, die mit dem Verfassungsschutz, das ist ja eine ganz alte. Dass Milli Görüs vom Verfassungsschutz beobachtet wird, war die ganze Zeit klar und hat dem Gespräch bisher auch nie im Weg gestanden.

Die Frage ist einfach, wie offen oder wie sinnvoll kann man das Gespräch führen, wenn man gerade diese Vertreter nicht drin haben will. Eine Islamkonferenz will ja auch über potenzielle Extremismusgefahren sprechen und dann die auszuschließen, von denen man eventuell erwarten könnte, dass einige der Mitglieder in die Richtung neigen. Wenn man nicht mit ihnen spricht, wie will man es dann adressieren.

Engels: Das heißt, Sie ordnen die Strategie von Herrn de Maizière schon in die Richtung ein, dass der Islamrat - und im Islamrat ist ja Milli Görüs organisiert -, dass es in Wirklichkeit dem Minister darum geht, eine stärkere Abgrenzung zu Milli Görüs zu vollziehen? Es kommt ja immer wieder der Vorwurf auf, dort, in gewissen Zellen von Milli Görüs, würde auch radikal-islamistisch gedacht.

Sezgin: Die Motivlage des Ministers so ganz zu interpretieren, das traue ich mir nicht zu. Ich kann nicht spekulieren, was sozusagen in seinem Innern da genau vorgeht, ob das jetzt pragmatische Überlegungen sind, oder längerfristig strategische, die auch ihre Berechtigung haben. Ich kenne seine privaten Motive jetzt nicht.

Ich finde, es ist eine zwiespältige Entscheidung und es ist einfach in der Konsequenz dann nicht besonders effektiv. Man muss mit diesen Leuten reden. Wenn man es nicht macht, dann scheint mir einer der Punkte, die die Islamkonferenz sich selber gesetzt hat, einfach von vornherein nicht erreicht zu werden.

Engels: Es gibt ja auch weitere Kritik der großen Islamträgerverbände, beispielsweise den Punkt, dass zunehmend unabhängige islamische Vertreter in die Islamkonferenz berufen wurden, also Vertreter, die keinem Verband angehören. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?

Sezgin: Ja, das ist in der Tat eine sehr merkwürdige Sache. Die Islamkonferenz ist sowieso so ein Zwitterwesen. Einerseits soll sie Dialogforum sein, andererseits soll sie eine Ansprechadresse für die Muslime darstellen. Aber eine richtige Vertretung kann es ja nicht sein. Wir haben sie ja nicht gewählt. Wir normale Muslime sind überhaupt nicht beteiligt an der Besetzung der Islamkonferenz und durften jetzt in den letzten Wochen abwarten, wen das Ministerium jetzt auswählt und uns dann praktisch sozusagen als Vertreter oder Dialogführer vor die Nase setzt.

Ich muss das so ein bisschen zugespitzt sagen, weil: Es hat schon etwas Bevormundendes. Viele dieser Einzelpersonen, die da ausgewählt wurden, sind überhaupt nicht bekannt. Ich meine, die werden irgendwas arbeiten, die mögen auch sehr engagiert und gute Leute sein, nur sie sind gar nicht von der Gruppe, für die sie dann ja letztlich sprechen, gewählt oder nicht unbedingt für kompetent befunden worden.

In der ersten Islamkonferenz waren ja auch Necla Kelek und Seyran Ates dabei, die sehr umstritten sind unter Muslimen, wie Sie sich denken können. Auch die sollen weiterhin beratend tätig sein und insbesondere bei öffentlichen Auftritten noch irgendwie mit eingesetzt werden. Dass sich einem da als gläubige Muslime, egal ob man liberal, orthodox oder sonst wie ist, dass sich da die Nackenhaare aufstellen, das werden Sie vielleicht nachvollziehen können.

Engels: Jetzt schauen wir noch einmal auf die Trägerverbände, denn das Argument, was ja von staatlicher Seite immer geführt wird, ist, dass eben auf muslimischer Seite es so schwer ist, überhaupt Trägerverbände zu finden, die auch eine gewisse Zahl von Muslimen überhaupt vertreten.

Sezgin: Ja, das ist richtig. Das ist ein chronisches Problem, das einerseits im Islam selbst zum Teil angelegt ist. Wir haben nun mal keine verbindlichen Kirchen mit verbindlichem Katechismus, mit einer verbindlichen Hierarchie. Das ist bei uns nun mal so. Deswegen haben sich einige in irgendwelchen Vereinen zusammengeschlossen und andere nicht.

Ich habe aber den Eindruck, dass dieser Prozess voranschreitet. Die Vereinsgründungen blühen, die Leute schließen sich dann auch wieder zusammen zu irgendwelchen Allianzen. Ich kann mir vorstellen, dass das in den nächsten Jahren sehr viel besser und sehr viel übersichtlicher wird.

Sie müssen auch wissen: Je mehr verschiedene muslimische Gruppen es gibt, desto eher haben dann die Muslime, die überhaupt vertreten werden wollen von denen, die sich als Muslime verstehen, haben auch die Möglichkeit, entsprechend einzutreten und ihre Stimme dann vertreten zu lassen. Ich denke, das wird sich in den nächsten Jahren insofern praktisch von alleine regeln, dieses Problem der Verbände im strengeren Sinne.

Engels: Nun ist auf der anderen Seite auch immer wieder zu vernehmen, dass natürlich auch die muslimischen großen Verbände untereinander sehr verschiedene Positionen vertreten. Das heißt, um verbindliche Regeln oder überhaupt gemeinsame Linien zu entwickeln, ist die staatliche Seite doch vielleicht auch einfach überfordert, oder sehen Sie auch ein Zusammenrücken der vier großen muslimischen Verbände mittlerweile?

Sezgin: Ich denke, in vielen Sachen ja. Es gibt viele Differenzen, aber das ist ja auch nichts Schlechtes. Ich meine, das ist Pluralismus, das ist gelebter Pluralismus. Ich finde es immer so ein bisschen komisch, wenn den Muslimen so innere Meinungsunterschiede vorgeworfen werden, als ob das irgendwie ein Bruderzwist sei.

Nein, das sind Meinungsverschiedenheiten. Man wirft uns ja einerseits vor, dass wir zu dogmatisch seien und nicht mit Meinungsverschiedenheiten leben können. Dann wirft man uns vor, wir hätten zu viele Meinungsverschiedenheiten. Ich finde, es ist so und das ist auch okay: Man rückt zusammen.

Wenn ich noch mal eine Sache aufnehmen darf, die am Anfang erwähnt wurde. Die muslimischen Verbände haben alle gesagt, wir möchten auch über Islamfeindlichkeit und Islamophobie reden in dieser Islamkonferenz. Das ist ein Handlungsbedarf, der, glaube ich, bei allen Muslimen in Deutschland gesehen wird, und ausgerechnet da geht das Innenministerium sehr zögerlich mit um. Das wird eventuell noch irgendwie mit draufgesetzt, aber von sich aus angesprochen wird das nicht.

Engels: Was denken Sie, was kann die Islamkonferenz erreichen? Sie war ja eigentlich angetreten als Forum, wo man über Migration, aber auch bessere Einbindung des Islam, möglicherweise auch bis hin zu einer Stärkung der Institutionen für den Islam sprechen konnte. Könnte man dieses Ziel überhaupt noch erreichen, oder sollte man sich damit zufriedengeben, dass es eben ein breites, möglichst breites Forum bleiben soll?

Sezgin: Sie haben das Dilemma eigentlich schon ganz gut beschrieben: einerseits Migration, andererseits Institutionalisierung des Islam. Das sind ja gar nicht dieselben Sachen. Es gab mal einen Integrationsgipfel und dann gab es die Islamkonferenz. Das ist eigentlich vernünftig.

Integration und Einbindung des Islam sind nicht dieselben Sachen. Es gibt viele Leute mit Migrationshintergrund in Deutschland, die sind keine Muslime. Die haben auch Ansprüche und Bedürfnisse, die müssen auch eingebracht werden. Umgekehrt: Die Frage der Einbindung des Islams ist nicht nur eine Frage von Integrationspolitik. Das ist ja so ein bisschen sonderbar in der Darstellung von de Maizière, dass er sagt, Geschlechtergleichberechtigung, Extremismusbekämpfung und so. Der Islam ist ja jetzt nicht vorrangig eine Quelle von Problemen, die man irgendwie mit so einer Integrationsfeuerwehr in den Griff kriegen müsste. Den Eindruck erweckt das manchmal.

Ich denke, man müsste säuberlicher trennen: Was sind die Integrationsfragen im Sinne von gesellschaftlicher Teilhabe aller möglichen Leute mit Migrationshintergrund, und was sind die spezifisch muslimischen Fragen im Sinne einer Einbindung und Institutionalisierung des Islams in Deutschland. Dann kann man sich darauf besser konzentrieren und würde nicht andauernd den Muslimen sozusagen die Aufgabe zuschieben, gesellschaftliche Probleme, Bildungsprobleme und so weiter und so fort, alles mitzuverhandeln, wenn es ihnen doch eigentlich um eine religiöse Institutionalisierung geht.

Engels: Hilal Sezgin, Islamkennerin und freie Publizistin. Ich danke für Ihre Einschätzungen.

Sezgin: Ich danke Ihnen.

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