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Einiges Volk oder gespaltene Nation

Kulturelle Folgen der Präsidentenwahl in den USA

Claus Leggewie im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Claus Leggewie, Politikwissenschaftler und Direktor des Essener Kulturwissenschaftlichen Instituts
Claus Leggewie, Politikwissenschaftler und Direktor des Essener Kulturwissenschaftlichen Instituts (picture alliance / dpa)

Die Politik in den USA habe sich immer mehr polarisiert zwischen religiösen und liberalen Ansichten, sagt Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. "Dieses Filibustern, dieses Gesetze systematisch aus ideologischen Gründen zertrümmern, wie wir es jetzt von den Republikanern erlebt haben, das war auch in der Reagan-Ära nicht der Fall."

Doris Schäfer-Noske: Aus "Yes we can" ist "Four more years" geworden. Diesen Slogan twitterte Barack Obama nur wenige Minuten, nachdem sein Wahlsieg sicher war - zusammen mit einem Foto, auf dem er seine Frau Michelle umarmt. Zwei Stunden nach dem Tweet war die Botschaft schon über 400.000 Mal weitergetwittert worden - ein neuer Rekord, mit dem Obama sogar den Mädchenschwarm und Popsänger Justin Bieber abgehängt hat. In seiner Rede in Chicago machte Obama dann seiner Frau eine Liebeserklärung. Gleichzeitig erklärte er Amerika zur Familie und beschwor die Einheit seines Landes.

- Frage an den Amerika-Experten Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen: Herr Leggewie, es sah ja diesmal vorher sehr knapp aus, obwohl Obama jetzt doch einen deutlichen Wahlsieg geschafft hat. Was halten Sie denn von der These des Schriftstellers John Irving, der vor ein paar Tagen erklärte, Romney habe nur so stark werden können, weil die USA ein ungebildetes Volk seien?

Claus Leggewie: Das würde ich niemals behaupten, dass die USA ein ungebildetes Volk seien – schon aus Höflichkeit nicht. Aber in keinem Land ist die Kritik an Amerika, die Selbstkritik, so ausgeprägt wie in den USA selbst. Es ist so, dass sich jemand wie Romney und in einer gewissen Weise ja auch Barack Obama mit seiner Inszenierung als Familienvater und Vater der Nation, dass man sich so inszeniert, weil man denkt, das sei eben die Art und Weise, wie die Amerikaner Politik möchten, dass sie diese Sorte von Heimlichkeit, von Gemütlichkeit, von ja Patriarchalismus in einem moderaten Sinne, dass sie das mögen.

Schäfer-Noske: Obama hat in seiner Rede in Chicago versprochen, dass das Beste noch kommt. Gleichzeitig hat er Amerikas Einheit beschworen. Welche auch kulturellen Gräben sind denn da noch offen?

Leggewie: Na ja, die "Culture Wars", die kulturellen Kriege, wo es dann wirklich um im Grunde genommen die normativen Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft geht, wo es um Religion, Familie, Vaterland geht, die sind eigentlich nach dem Vietnam-Krieg aufgebrochen. Sie sind auch von den Neokonservativen und dann später eben von der republikanischen Partei systematisch geschürt worden. Auch die andere Seite ist nicht ganz unschuldig an dieser Eskalation. Es ist außerordentlich interessant, zu beobachten, im Vergleich zu den europäischen Parteiensystemen und auch Gesellschaften, dass die ideologische Polarisierung in den USA seit den 1960er-Jahren massiv zugenommen hat, während sie in Europa eher immer weiter zurückgeht bis hin zur völligen Verwechselbarkeit der großen Volksparteien. In den USA ist eben eine scharfe weltanschauliche Trennung, die letztendlich sehr weit zurückgeht - wenn man sehr weit in die Vergangenheit schaut, bis hin zu den Bürgerkriegen. Und wenn man noch weiter zurückschaut, sogar bis in die Geschichte der unterschiedlichen Besiedlungen an der Ost- und Westküste. Das ist eben eine sehr unverarbeitete Gemengelage in der Modernisierung der amerikanischen Gesellschaft, die einerseits immer religiöser geworden ist und andererseits natürlich eine moderne Industriegesellschaft sein will, die eben säkular ist, die eben individualistisch ist, die eben sehr liberal gesonnen ist. Da schlagen seit Jahrzehnten, wenn man so will sogar seit Jahrhunderten, zwei Seelen in Amerikas Brust. Und im Moment ist das kein Gleichklang.

Schäfer-Noske: Wie können denn diese Gräben wieder geschlossen werden?

Leggewie: Dieses Filibustern, dieses Gesetze systematisch aus ideologischen Gründen zertrümmern, wie wir es jetzt von den Republikanern erlebt haben, das war auch in der Reagan-Ära nicht der Fall. Da gab es eine große Zusammenarbeit zwischen dem Präsidenten, dem republikanischen Ronald Reagan, der rechts genug war, und Tip O'Neal, dem Mehrheitsführer der Demokraten. Das ist eigentlich mehr der amerikanische Stil gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob man dahin zurück kann. Auch die amerikanischen Medien sind extrem polarisiert, wenn Sie sich anschauen, wie Fox News sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Es ist sehr schwer, sich von diesen extremen Positionen zu lösen. Es ist auch ein bisschen Denkfaulheit dabei. Die amerikanische Gesellschaft, die ununterbrochen postuliert, "Jobs, Jobs, Jobs, das ist unser Problem, wir müssen die Wirtschaft wieder ans Laufen bringen", hat ja eigentlich relativ wenig Ideen, wie man das nicht mit einem "Business as usual" und einem "weiter so" propagiert, sondern wie man beispielsweise im Umstieg auf erneuerbare Energien, eine wirklich moderne Infrastruktur und dergleichen auch neue Akzente setzen kann. Und da sind solche extremistischen Polarisierungen gewissermaßen auch Ausdruck von Fantasielosigkeit, von gesellschaftlicher Stagnation.

Schäfer-Noske: Waren Sie eigentlich überrascht, dass Obama noch mal gewonnen hat?

Leggewie: Nein, ich war jetzt nicht mehr überrascht. Ich hatte ja sogar eine Wette laufen, dass Romney gewinnt. Die habe ich bei seiner Nominierung gegen meine deutschen Freunde, die alle für Obama sind und deswegen auch immer glauben, weil sie dafür sind, müsste der auch gewinnen. Das hätte auch genau anders herumgehen können. Wie gesagt: Ein besserer Kandidat der Republikaner und Obama hätte das Schicksal von Jimmy Carter erlitten.

Schäfer-Noske: Der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie war das zur Wiederwahl Obamas.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:
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