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StartseiteBüchermarktEinladung zum Geldausgeben05.08.2009

Einladung zum Geldausgeben

Bücher aus dem Callwey Verlag

Der Callwey Verlag gehört nicht zu den Großen der Branche, aber wer sich berufsmäßig oder als Bauherr mit Bauen, Restaurieren und Wohnen näher beschäftigt hat, wird seinen Fachzeitschriften schon begegnet sein. Das Buchsortiment des die 125-jährigen Familienunternehmens ergänzt und vertieft das von den Periodika vorgegebene Spektrum um Alltagsästhetik und Lifestyle, um Wellness und Feng-Shui.

Von Martina Wehlte

"Investieren Sie in die Klassiker des 20. Jahrhunderts"  Vespa, Hersteller: Piaggio,  Designer: Corradino D'Ascanio, 1946 (Museum  für Kunst und Gewerbe Hamburg)
"Investieren Sie in die Klassiker des 20. Jahrhunderts" Vespa, Hersteller: Piaggio, Designer: Corradino D'Ascanio, 1946 (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)

Einen Band aus dem Callwey-Verlag kann man wie beiläufig auf dem heimischen Glastisch liegen lassen. Er passt in jedes geschmackvolle Ambiente und wird Besucher immer beeindrucken. Was macht ein typisches Callwey-Buch aus? Thematisch gehört es ins Spektrum Ästhetik (und zwar Architektur, Innenraum- und Gartengestaltung, Design) und Lifestyle. Sein Layout ist anspruchsvoll. Die farblich brillanten Fotos zeigen schöne stilvolle, mitunter auch witzige Arrangements und die Texte geben weltläufig Informationen, praktische Anleitungen und alltagstaugliche Tipps. All das ist mit leichter Hand geschrieben und in ein Stück Kulturgeschichte gebettet, sodass der anspruchsvolle Leser sich entspannt weiterbilden kann und auf Augenhöhe mit den Autoren gut unterhalten wird.

Auf diesem Erfolgsrezept gründet die 125-jährige Verlagsgeschichte des Familienunternehmens Callwey; und es machte auch das Jahr 2008 zu einem Jahr der Preise für drei Bücher aus dem aktuellen Programm, darunter Judith Borowskis "Umzugsbuch", das im vergangenen Herbst erschien und von der Stiftung Buchkunst zu einem der "Schönsten Bücher 2008" gewählt wurde. Dass hohe Produktivität nicht auf Kosten der Qualität gehen muss, beweist die Autorin nun mit ihrem neuen "Glückslexikon für Fortgeschrittene" unter dem Titel "Was das Leben schöner macht": Wie kann ich mein Zuhause so gestalten, dass ich das Beste daraus mache und mich rundum wohlfühle, ohne doch eine Religion daraus zu machen? Der erste Ratschlag heißt, die Wohnumgebung den wechselnden Lebenssituationen anzupassen, flexibel zu sein, wenn nun mal für gelegentliche Besuche des Vaters der Tochter der Lebensgefährtin ein Zimmer gebraucht wird; oder wenn es ratsam erscheint, die pubertierenden Kinder in etwas abgelegenere Räume umzusiedeln. Der zweite Ratschlag lautet bei der Einrichtung konsequent zu sein, nichts von der Stange zu nehmen, sondern Individualität zu zeigen. Bunte Kleinigkeiten, die ein Stückchen Kindheit zurückholen, können das Leben reicher und bunter machen als die Wagenfeld-Lampe, auch wenn grundsätzlich gilt: Investieren Sie in die Klassiker des 20. Jahrhunderts und in Antiquitäten, die nicht nur ein, sondern zwei oder drei Leben überdauern.

Neben solchen erwartungsgemäßen Ratschlägen, die - sagen wir mal - als Lifestyle-Verständigungsbasis dienen, hat Judith Borowski ganz originelle Tipps, die den Leser lächelnd und neugierig weiterblättern lassen. Da wäre die Internetadresse, mit der man vergessene Orte finden kann, oder die Idee, als Guerilla-Gardener nachts heimlich Blumen auf dem Grünstreifen in der Innenstadt anzupflanzen; schließlich die Ermutigung, in einer radikalen Auszeit Muße und Langeweile zu finden - und: zu genießen! Das alles ist flott geschrieben und liest sich stellenweise wie ein Brainstorming des leidgeprüften Stadtneurotikers, der wir alle irgendwie sind. Aber es hat Niveau! Ebenso wie die historischen Begebenheiten und Anekdoten in Otto Krätz' Band "Gartengeflüster", in dem "Pikantes und Unterhaltsames aus der Geschichte der Gärten" zusammengetragen ist. Ein gutes Beispiel dafür, wie der erfahrene Naturwissenschaftler und Callwey-Hausautor dem Pragmatischen die Weihen namhafter Persönlichkeiten gibt, führt er im Folgenden an:

"Es ist nicht so einfach einen Garten anzulegen, weil die Umgebung von Gärten eine unangenehme Eigenschaft hat, die man gerne vergisst: Nämlich die Umgebung verändert sich. Wir haben ja in unserm Buch das Beispiel, dass Goethe im Garten der Malerin Angelika Kauffmann in Rom eine Pinie gepflanzt hat; und dann, wie Angelika Kauffmann starb, war diese Pinie so groß, dass es im Garten der Angelika Kauffmann nur noch eine einzige Pflanze gab, nämlich diese Pinie. Der Rest war Schatten."

Und wer glaubt, über das Unkraut-Jäten gebe es nun wirklich nichts Geistreiches zu verbreiten, der wird auch darin von Otto Krätz eines Besseren belehrt. Harold Nicolsons selbstironische Betrachtungen zu diesem Thema sind nicht zu übertreffen. Zusammen mit seiner Frau Vita Sackville-West hegte er vor über einem Jahrhundert den weltberühmten, ganz in Weiß bepflanzten Garten von Sissinghurst. Wer es den Engländern nachmachen will, wird von Otto Krätz auf die monochrom blühenden Blumenzwiebel-Frühjahrsbepflanzungen unserer Gartencenter verwiesen. Und was das Unkraut anbelangt:

"Ja das ist natürlich ein Uraltproblem, auch zwischen Nachbarn übrigens. Da hilft nur Geduld. Und wir haben in unserem Büchlein eine Reihe von mäßig guten Ratschlägen, unter anderem von den Erbauern des Gartens von Sissinghurst. Wobei ich sagen muss, der Hauptratschlag ist Ausreißen, mit Geduld. Und wie schon Harold Nicolson sagte: Ein Quadratmeter in einer Stunde ist eine gute Zeit."

Zitate aus autobiografischen Aufzeichnungen, beispielsweise von Marcel Proust, oder aus Romanen wie Joseph Roths "Radetzkymarsch" wechseln sich ab mit Episoden aus Kriminalgeschichten, in denen der Garten ein schauriges Szenarium für Morde ist. Daneben erfährt der Leser einiges zu der seit der Antike bestehenden Tradition des Formschnitts und der Freude an platonischen Strauch-Körpern, die in den Eiben des Gartens von Highgrove House Gestalt angenommen haben. Dass ein solcher Band reich illustriert ist, versteht sich von selbst. Reklametafeln und Hollywoodposter des vergangenen Jahrhunderts, Fotos vom greisen Monet vor seiner japanischen Brücke, minutiöse Pflanzenzeichnungen und vieles mehr bietet dem Betrachter eine Augenweide.

Schließlich sei auf ein drittes typisches Callwey-Buch hingewiesen, den opulenten Bildband "CULT", in dem Birgit Niefanger und Dirk Alt "Produkte, die Geschichte schrieben" zusammengetragen haben. Luxusartikel sind hier versammelt und Alltagsgegenstände, die auf unvergleichliche Weise ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen. "Dinge, die man vielleicht einfach nicht besser machen kann, die die Zeiten überdauern und die jeder entweder hat oder unbedingt haben will", wie die Autoren schreiben. Zum Beispiel Marlon Brandos schwarze "Perfecto"-Motorradlederjacke aus dem Schneideratelier der russischen Brüder Schott. Oder Alain Delons Borsalino, den Gangsterkönig-Hut. Dann die Levi's 501, die Vespa und den Ford Thunderbird, die langarmige originale Arco Floor Lampe oder Channel No. 5. Aber auch so Gewohntes, um nicht zu sagen Gewöhnliches wie der Aufgaben- und Terminplaner Filofax findet sich hier, das Chatter Telephone für die Kleinsten und kultige Nahrungs- und Genussmittel von Wrigley's Spearmint bis zu Heinz-Ketchup. Ein Stück Kulturgeschichte, das für jeden auch ein Stück eigener Biografie ist und uns in Bildern wie in Erinnerungen schwelgen lässt.

Judith Borowski: Was das Leben schöner macht. Das Glückslexikon für Fortgeschrittene. 208 S., ca. 100 Farbfotos, geb., Preis: 29,95 Euro.

Otto Krätz: Gartengeflüster. Pikantes und Unterhaltsames aus der Geschichte der Gärten. 160 S., 275 Abbn., geb., Preis: 36,- Euro.

Birgit Niefanger u. Dirk Alt: CULT. Produkte, die Geschichte schrieben. 400 S., ca. 400 Abbn., geb., 49,95 Euro.

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