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StartseiteBüchermarktEinsame Reisende05.03.2008

Einsame Reisende

Perikles Monioudis begibt sich in das weite "Land“ der menschlichen Seele

Eigentlich wären für Perikles Monioudis' Roman andere Titel zutreffender: "Die Botanikerin" etwa, oder "Der Schweizer Gesandte", oder schlicht "Das Mittelmeer". Es geht um eine Trennungsgeschichte, und die einsamen Protagonisten durchreisen den gesamten Mittelmeerraum. Doch Perikles Monioudis entschied sich für "Land". Er scheint es diesmal kompliziert zu mögen.

Von Martin Krumbholz

Perikles Monioudis erzählt von einer Reise durch den ganzen Mittelmeerraum. (dradio.de/Andreas Lemke)
Perikles Monioudis erzählt von einer Reise durch den ganzen Mittelmeerraum. (dradio.de/Andreas Lemke)

Dass es sich bei diesem neuen Roman von Perikles Monioudis um eine Trennungsgeschichte handelt, wird erst nach und nach deutlich. Weder werden die Gründe noch die Art und Weise der Trennung des Paares benannt. In zwei Erzählsträngen, die parallel und fast ohne Berührung durch den Roman laufen, lernt der Leser die beiden namenlosen Hauptfiguren kennen.

Der Mann wird nur "der Reisende" oder "der Diplomat" genannt. Der Erzähler folgt ihm auf einer Reise durch den ganzen Mittelmeerraum: Alexandria, Chios, Nikosia, Genua, Marseille, Barcelona und Algier heißen die Hafenstädte und Inseln, die der Reisende besucht. Angeblich ist er auf der Suche nach einem Buch mit Kuchenrezepten, das seine griechischen Eltern vor Jahrzehnten auf ihrer Flucht von Alexandria in die Schweiz zurückgelassen haben. Doch das dürfte nur ein Vorwand zu sein, letztlich reist der Reisende um des Reisens selbst und um der Einsamkeit willen.

"Schlaftrunken, hielt er die Einsamkeit für einen Verstoß, wenn er auch nicht hätte angeben können, wogegen."

Dieser Satz pointiert sehr treffend die unentschiedene Stimmung, in der der Protagonist sich befindet. Ein türkisches Sprichwort hätte ihm vielleicht einen Fingerzeig geben können, gegen welches unbekannte Gesetz er verstößt: "Nur Gott steht das Recht auf Einsamkeit zu", heißt es. Als einer, der an einer nicht mehr ganz frischen Trennung laboriert - gut zwei Jahre liegt sie zurück, und zwei Jahre sind die beiden auch ein Paar gewesen - maßt der Reisende sich ein göttliches Privileg an und kostet es gründlich aus.

Die zweite Hauptfigur des Romans wird "die Botanikerin" genannt. Sie ist von Berlin, dem Schauplatz der Liebe der beiden, nach Barcelona geflüchtet, wo sie einen Job im Botanischen Garten hat. Sie hatte auch einen katalanischen Geliebten, der sie sogar als seine "Verlobte" bezeichnete und oft mit seiner Mutter verwechselte, doch hat sie sich wieder von ihm getrennt.

"Der Geliebte, der ein Verlobter sein wollte, wurde ihr als Arzt vorgestellt, er war hoch gewachsen, trug einen Seitenscheitel, wie die meisten Männer hier. Auch bei ihm fiel ihr jenes Parfüm auf, eine Art Kölnisch Wasser oder Aqua Brava, das sehr verbreitet zu sein schien und das bereits die Jungen, mit Seitenscheitel im kurzgeschnittenen Haar, zu verwenden gezwungen wurden […] Die große Flasche, die man beim Apotheker oder in der Parfümerie auffüllen ließ, vermutete sie bei seiner Mutter, schließlich war da noch der jüngere Bruder, der versorgt sein mußte.""

Beide, der Reisende und die Botanikerin, wirken in ihrem Agieren merkwürdig blockiert. Der Reisende lernt in Algier eine Frau namens Dalila kennen, deren kehliges Lachen ihm gefällt. Er beugt sich ihrer Entschiedenheit, "noch nicht ihrer Schönheit", heißt es ein wenig salbungsvoll. Dann aber wiederum:

"Dalila konnte sich nicht entscheiden. Sie war sich über ihre Schönheit und ihre Bedürfnisse im klaren und zu einfachen, den einfachsten Lösungen bereit. Trotzdem oder gerade deswegen wußte sie, daß es auf eine mit Mut getroffene, eine feste Entscheidung hinauslief, bei ihr nun für einen Ort, hier oder Marseille, und für einen rechten Mann – eine Vorstellung, der sie gern anhing. […] Sie hatte bald im Reisenden die einfache Lösung gesehen; Dalila wollte nach Marseille fahren, um ihn zu treffen. Sie wollte dort auf ihn warten, doch er sagte ihr, daß man nicht warten dürfe, auf niemanden und unter keinen Umständen. Sie verstand nicht."

Auf ähnliche Art entzieht die Botanikerin sich der Festlegung.

"Sie wußte, daß sie in der Versuchung, ihr Leben vor sich zu widerrufen, nichts weiter tat, als es geringzuschätzen,"

heißt es. Dann aber wiederum:

"Sie ahnte, daß es mit der Geringschätzung des Lebens bei ihr nicht allzu weit her war. Sie suchte in Wahrheit das – und sie haßte sich dafür -, was alle suchten, Zuneigung, Schutz."

Wenig später, ins Grundsätzliche gehend:

"Die Botanikerin konnte nicht umhin, in allem, was sie bemerkte und was ihr begegnete, etwas auf sie Deutendes zu sehen, eine wenn auch kleine und flüchtige Bestätigung dessen, was sie sich oft genug als ihr Leben nacherzählt hatte, meist ein weitschweifiger Vorwurf, Vorhaltungen dieser und jener Art, immer aber unentrinnbar, eine absurde Schuldzuweisung."

Perikles Monioudis wird oft, und zu Recht, dafür gelobt, dass er eine originelle Poetik hervorzubringen und zu entwickeln versucht. Daran arbeitet er auch in diesem neuen Mittelmeerroman weiter, der aus kaum einsehbaren Gründen "Land" heißt. Warum nicht "Der Schweizer Gesandte", "Die Botanikerin" oder schlicht "Das Mittelmeer"? Nun, wohl deshalb, weil Monioudis zu einfachen und einfachsten Lösungen nicht bereit ist. Er mag es kompliziert, und das allein ist natürlich kein Einwand.

Doch diesmal scheitert das ambitionierte Unternehmen offensichtlich an seinem eigenen Ehrgeiz. Die Widersprüche der Geschichte wirken nicht bewusst gesetzt. Sie passieren nur, weil der Autor zuviel will, weil er immer noch einen weiteren Dreh an einem Motiv anbringt, die Figur noch einmal anders beleuchtet, mit dem Ergebnis, dass sie ihre Kontur verliert. Dieser Roman ist, obwohl eher schmal an Stoff und Gehalt, in seinen formalen Mitteln überinstrumentiert.

Das ist schade, denn Monioudis ist ein sympathischer Erzähler. Doch diesmal versagt er gerade da, wo er das weite Land der menschlichen Seele betreten will: Wenn der Leser eine plausible Erklärung bräuchte, fehlt sie. Wenn es mit einer Andeutung getan wäre, wird es plötzlich geschwätzig. Man merkt das am Wabern und Schlingern einer Sprache, die komplex und geschmeidig sein möchte und doch allzu oft ins Diffuse entgleist.

Perikles Monioudis: Land. Roman.
Ammann Verlag Zürich, 248 Seiten, 18,90 Euro

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