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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Es läuft noch Vieles schief in der Tierhaltung"30.07.2015

Einsatz von Antibiotika"Es läuft noch Vieles schief in der Tierhaltung"

Im vergangenen Jahr wurden 15 Prozent weniger Antibiotika an Tierärzte geliefert als im Jahr zuvor. Eine erfreuliche Entwicklung, findet Martin Hofstetter von Greenpeace. Dennoch gebe es immer noch Fehlentwicklungen in der Tierzucht, sagte er im DLF, beispielsweise bei sogenannten Reserveantibiotika - deren Einsatz fatale Folgen für die Humanmedizin haben könnte.

Martin Hofstetter im Gespräch mit Bastian Brandau

Mit Plakaten gegen Massentierhaltung und Tierquälerei demonstrieren Vertreter mehrerer Bürgerinitiativen am Freitag (25.11.2011) in Hannover am niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. (dpa / picture-alliance / Philipp von Ditfurth)
"Antibiotika sind eine tolle Entwicklung innerhalb der Menschheit und wir ruinieren dieses tolle Mittel durch eine Fehlanwendung gerade auch in der Tierhaltung", mein Martin Hofstetter. (dpa / picture-alliance / Philipp von Ditfurth)
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Bastian Brandau: Antibiotika retten Leben, indem sie Bakterien abtöten, bei Menschen wie bei Tieren. In der Tierhaltung haben viele Antibiotika eine Doppelwirkung: Sie halten nicht nur die Tiere gesund, sondern wirken außerdem als Mastmittel. Tiere nehmen schneller an Gewicht zu, aber die Keime können Resistenzen entwickeln gegen Antibiotika, die damit wirkungslos werden - auch beim Menschen. Der generelle Einsatz, also die Beimischung ins Futter von Antibiotika in Mastbetrieben, ist daher in Deutschland seit einigen Jahren verboten. Seit 2011 erfasst das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das BVL, die Abgabe von Antibiotika in der Tierhaltung. Jetzt hat es die Zahlen für das Jahr 2014 veröffentlicht und da hat die Pharmaindustrie demnach 15 Prozent weniger Antibiotika an Tierärzte geliefert als im Jahr davor. Gerne hätten wir die Zahlen direkt mit dem BVL besprochen, dort aber stand heute niemand für ein Interview zur Verfügung. Wir wollen deshalb über die aktuellen Zahlen sprechen mit Martin Hofstetter, Agrarexperte bei Greenpeace. Guten Tag, Herr Hofstetter!

Martin Hofstetter: Ja, schönen guten Tag, Herr Brandau!

Brandau: Herr Hofstetter, die Menge der ausgelieferten Antibiotika für die Tierhaltung geht zurück, das ist ein Grund zur Zufriedenheit?

Hofstetter: Ich finde das sehr erfreulich, das zeigt, dass die ersten Maßnahmen wirken, dass allein, dass wir erfassen, genauer kontrollieren, die Zahlen bekommen von den Herstellern, aber auch von den Anwendungshäufigkeiten, dass das allein schon wirkt. Und dass das auch Auswirkungen nicht nur auf die Verschreibungszahlen hat, sondern, ich glaube, auch die Landwirte reagieren. Da ist erfreulich. Wenn man genauer hinguckt, sind das natürlich bestimmte Wirkstoffe, die zurückgenommen werden, das sind die alten Tetrazykline, die Penizilline und so weiter, die in großen Mengen eingesetzt werden. Deswegen müsste man eigentlich diese Zahlen, die jetzt veröffentlicht worden sind, vergleichen mit der Anwendungshäufigkeit. Dann wird eigentlich erst ein Schuh daraus, dass man sich ein genaueres Bild machen kann.

Einsatz von Reserveantibiotika nicht nachvollziehbar

Brandau: Also sind Sie bei Greenpeace zufrieden mit der Entwicklung?

Hofstetter: Also, an dem Punkt sind wir wirklich zufrieden. Das ist natürlich immer noch ein viel zu hoher Einsatz, er ist ja immer noch doppelt so hoch wie der in der Humanmedizin, das allein zeigt, dass noch vieles schiefgeht in der Tierhaltung, dass wir die Tierhaltung selber verbessern müssen, dass vor allen Dingen dieser auch prophylaktische Einsatz von Antibiotika, den es ja leider immer noch gibt, dass der dringend reduziert wird und dass Haltungsbedingungen so verändert werden müssen, dass wir im Grunde in Zukunft fast gar keine Antibiotika mehr einsetzen bräuchten. Das wäre eigentlich das Ziel.

Brandau: Und eine Zahl ist ja auch gleich geblieben, der Einsatz der sogenannten Reserveantibiotika, also Antibiotika, gegen die sich noch keine resistenten Keime entwickelt haben.

Hofstetter: Genau, das ist besonders kritisch, vor allen Dingen auch vor dem Hintergrund der menschlichen Gesundheit, weil, diese Reserveantibiotika benötigen wir ja in der Humanmedizin. Darauf sind die Krankenhäuser angewiesen, dass wir noch Wirkstoffe haben, die sozusagen bei multiresistenten Erregern wirken. Dass also Reserveantibiotika überhaupt in der Tierhaltung zugelassen sind, das ist für mich völlig unverständlich.

Brandau: Warum ist der Einsatz von Reserveantibiotika so gefährlich?

Hofstetter: Ja, wenn wir diese Reserveantibiotika massiv einsetzen, werden auch diese irgendwann wirkungslos. Und dann stehen wir natürlich in der Humanmedizin, vielleicht auch im Einzelfall in der Veterinärmedizin vor dem Problem, dass wir gar keine Antibiotika mehr haben. Und dann fallen wir sozusagen in eine Zeit zurück, wo wir keine Mittel mehr hatten, damals keine Mittel hatten, um auf die einfachsten Krankheiten Antworten zu finden. Also, Antibiotika sind ja erst mal per se eine, sage ich mal, tolle Entwicklung innerhalb der Menschheit, und wir ruinieren sozusagen dieses tolle Mittel durch eine Fehlanwendung gerade auch in der Tierhaltung.

Brandau: Für einige Wirkstoffe hat das BVL gar keine Zahlen veröffentlicht. Wieso?

Hofstetter: Ja, war für mich völlig unverständlich. Wir hatten angefragt beim BVL, wie zum Beispiel die Häufigkeit von einzelnen Medikamentenwirkstoffen ist, und da hatte man dann gesagt, aus Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen, weil es nur einen Erzeuger, einen Hersteller gibt, werden diese Zahlen uns nicht genannt. Ich finde, dass da das öffentliche Interesse deutlich vor dem Interesse einzelner Firmen gehen muss und diese Zahlen dann auch veröffentlicht werden. Weil, jetzt ist das Bild unvollständig, wir wissen nicht genau, wie viele Mittel dort in den einzelnen Fällen dann eingesetzt worden sind.

"Fehlentwicklung in der Haltung"

Brandau: Und es geht ja um dieses Antibiotikum Kexxtone...

Hofstetter: Ja, das ist natürlich ein Mittel, was im Moment in der Milchviehhaltung seit zwei Jahren eingesetzt werden darf, die Kexxtone ist ein Wirkstoff, der früher mal in der Tiermast eingesetzt worden ist und dann verboten wurde. Verrückterweise wurde er dann vor zwei Jahren zugelassen in der Milchviehhaltung, zwar zur Bekämpfung einer speziellen Krankheit, einer Stoffwechselkrankheit, die bei Hochleistungstieren auftritt. Man kann diese Krankheit auch mit anderen Mitteln bekämpfen. Jetzt ist es aber so, dass ein Produkt, diese Kexxtone zugelassen wurde, das ist so ein Bolus, der in den Pansen der Tiere eingegeben wird, prophylaktisch, damit diese Hochleistungstiere dann nicht erkranken. Gleichzeitig wirkt dieses Mittel aber auch, um die Milchleistung zu steigern. Also, ich halte dieses Mittel für so sinnvoll wie einen Kopf, es gibt andere Mittel, das zu bekämpfen. Wir haben Druck gemacht, an diese Zahlen zu kommen beim BVL, haben sie vom BVL dann nicht erhalten, letztendlich hat uns jetzt der Hersteller die Zahlen genannt.

Brandau: Aber wenn ein Tier krank ist oder infiziert sein könnte, ist es doch insgesamt besser, auf Nummer sicher zu gehen eben mit einem Antibiotikum, das wirklich wirkt?

Hofstetter: Genau, aber im Fall von Ketose brauche ich gar kein Antibiotikum einsetzen, sondern ich kann Infusionen setzen, ich kann bestimmte Mittel geben, die Glucose beinhalten, damit das Tier wieder in normalen Zustand kommt. Man muss sich aber erst mal vergegenwärtigen, dass vor allem Tiere erkranken, wo man nicht ausreichend die Tiere so füttern kann in den Mengen, die sie an Milch geben. Das heißt, wir haben eine Fehlentwicklung eigentlich in der Tierzucht und wir haben eine Fehlentwicklung in der Haltung. Das wird jetzt sozusagen überdeckelt mit einem Mittel, was antibiotisch wirkt, das halte ich für den völlig falschen Ansatz. Abgesehen davon kann man die Tiere ja tatsächlich auch ohne Antibiotika behandeln.

Brandau: Martin Hofstetter war das, Agrarexperte von Greenpeace. Vielen Dank für das Gespräch!

Hofstetter: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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