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StartseiteTag für Tag"Einschnitt in der Kirchengeschichte"19.01.2012

"Einschnitt in der Kirchengeschichte"

50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils jährt sich 2012 zum 50. Mal. Ist das Reformpotenzial des Konzils bereits erschöpft? Nein, sagt Peter Hünermann. Ein drittes Konzil hält er deshalb nicht für nötig - wohl aber eine Generalsynode der lateinischen Kirche, um überfällige Reformen einzuleiten.

Der katholische Dogmatiker Professor Peter Hünermann im Gespräch mit Henning Klingen

Der Konzilspapst Johannes XXIII. berief 1962 das Zweite Vatikanische Konzil ein. (AP Archiv)
Der Konzilspapst Johannes XXIII. berief 1962 das Zweite Vatikanische Konzil ein. (AP Archiv)

Henning Klingen: Herr Professor Hünermann, 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil. Dieses Jubiläum fällt in eine Zeit, in der vielleicht viel stärker als noch vor einigen Jahren plötzlich die Erträge dieses Konzils wieder zum Streitgegenstand werden. Manche fordern gar eine Rückkehr vor das Konzil. Gibt es überhaupt etwas zu feiern und wenn ja, was?

Peter Hünermann: Ich meine, dass wir in der Tat den Beginn des Konzils und auch das Ende demnächst feiern sollen. Und zwar deswegen, weil dieses Konzil einen ganz, ganz wichtigen Einschnitt bedeutet in der Kirchengeschichte. Und ich meine, dass hier in diesem Konzil die Weichenstellungen gelegt worden sind für die Orientierung des Weges der Kirche in diesem neuen Millennium. Das heißt, was hier passiert, sind Wegweisungen, wie von Gott zu reden ist, wie von zwischenmenschlichen Beziehungen im Glauben zu reden ist und so weiter, und zwar unter Einbeziehung der modernen Problematik und der modernen Weise, Wirklichkeit überhaupt zu denken. Aber dies wirklich auszuloten und umzusetzen, das erfordert bestimmt zwei, drei Generationen. Und deswegen bin ich so froh, dass neu Streit entsteht. Das ist die Weise, wie man diese Sachen nur rezipieren kann.

Klingen: Die Begeisterung für das Konzil ist heute nicht überall in der Kirche anzutreffen. Man denke nur an die Piusbruderschaft, die das Konzil als großen Sündenfall der Kirche betrachtet. Wenn Sie den Streit um das Konzil positiv werten, an dem auch die Piusbrüder maßgeblich beteiligt sind, bedeutet das nicht zugleich eine Art positiven theologischen Ritterschlag für diese Konzilskritik der Piusbrüder?

Hünermann: Also ich muss ehrlich sagen, ich bin heilfroh in der Hinsicht, dass das mit den Piusbrüdern offensichtlich am Scheitern ist. [Lacht.] Klingt etwas brutal. Ich meine, wenn man bewusst in seiner Einstellung auf die Zeit vor der Französischen Revolution zurückgehen will, das ist nicht die Zukunft der Kirche, das ist eine vergangene Welt. Und der Weg des Konzils weist in eine andere Richtung.

Klingen: Das heißt also, wenn ich Sie richtig verstehe, dass die Zukunftsfähigkeit von Kirche für Sie letztlich auch davon abhängt, ob es der Kirche gelingt, wie Sie sagen, den Weichenstellungen des Konzils zu folgen. Welche Instrumente gibt es denn, das Konzil in der Kirche heute neu lebendig werden zu lassen?

Hünermann: Also ich glaube, dass wir in der Kirche eine Reihe von überlieferten und auch vernünftigen Instrumenten haben, die wir weiterentwickeln können in der Hinsicht. Ich denke zum Beispiel an die Synodalität. Sagen wir mal, bis ins 17. Jahrhundert gab es ja eine sehr starke Kooperation des Papstes, eine Einbindung des Papstes ins Konsistorium. Konsistorium, das war eine Gruppe von Kardinälen, die in Rom zum Teil ansässig waren und wo gemeinsam entschieden wurde. Jetzt wäre die Frage ja, muss man den Papst nicht im Grunde aus dieser völlig allein verantwortlichen Position ein Stück weit lösen, damit er überhaupt mit der Kurie regieren kann. Also braucht er nicht so etwas wie ein Konsistorium oder eine Synode oder ich weiß nicht was. Nächster Schritt. In den Diözesen oder bei den Metropoliten, wir haben eine lange Tradition, dass in den Diözesen oder den diözesanen Verbänden in regelmäßigen Abständen Synoden stattfanden. Das Mittelalter ist ohne die Synode überhaupt nicht denkbar. Wenn Sie sich vorstellen, die Fragen der Bischofsernennung zum Beispiel, das sind alles so Punkte, wo synodale Prozesse mit ins Spiel kommen.

Klingen: Einer der Gründe für die Einberufung des Konzils war ja der gestiegene Reformdruck, sowohl von außen als auch in der Kirche selbst. Nun mehren sich die Stimmen, die auch heute wieder einen solchen Reformdruck orten. Sehen Sie eventuell auch diese Notwendigkeit, ein neues, ein Drittes Vatikanisches Konzil einzuberufen?

Hünermann: Wir bräuchten eigentlich im Moment eher eine Art Generalsynode der "Lateinischen Kirche", weil wir eine ganze Reihe von Problemen haben, die wir im Grunde genommen in der "Lateinischen Kirche" erst noch mal regeln müssen, weil das auch in den Unierten Kirchen, in den Ostkirchen, sehr viel offener gehandhabt wird. Wir haben mit Problemen zu tun, die die zum Beispiel nicht haben, wie die Integration, also auch Verheiratete in den Klerus und all solche Fragen. Ich meine, dass wenn jetzt wieder ein Konzil ausgerufen wird, müsste man im Grunde genommen ganz wesentliche Entscheidungen in Bezug auf die Ökumene treffen können. Das müsste aber vorbereitet sein und das ist im Moment nicht vorbereitet. Denn das würden die Leute erwarten.

Klingen: Wie könnte man sich denn heute dem Konzil ganz praktisch neu annähern?

Hünermann: Also ich habe mal versucht das zu entwickeln, eine praktische Kriteriologie, die einem als Orientierung dienen kann. Da meine ich als Erstes, das Dekret Dignitatis Humane über die Religionsfreiheit, weil das ein Abschied ist von 1700 Jahren Staatskirchentum und das, wie gesagt, ist keine Äußerlichkeit. Nächster Punkt für mich ist die Pluralität in der Kirche und die Monokulturalität in der Kirche durch die neue Annäherung an die Ostkirchen und die Affirmation, dass es hier legitime Pluralitäten gibt. Das setzt ja auch voraus, dass man die eigenen Traditionen entsprechend zur Geltung bringt und in neue Dinge mit einbringt und so weiter. Die dritte Entscheidung, meine ich, ist die Sache mit der Spaltung der Reformation. Wenn es heißt, die gegenwärtigen evangelischen Christen, die kann man nicht als Schismatiker bezeichnen, die sind guten Glaubens. Und dann steht da ja noch mehr darin, nämlich dass der Heilige Geist auch diese Kirchen als Instrumente benutzt. Ja, dann bin ich doch verpflichtet zu fragen: Mensch, Gott, was ist denn da inzwischen gewachsen und was ist zu übernehmen oder nicht, wenn der Heilige Geist da wirkt? Das Vierte wäre dann die Frage mit dem Ersten Vatikanischen Konzil. Ich meine, dass im Ersten Vatikanum die Kirche an einer Schwelle der Moderne stehen geblieben ist. Die Frage, wie man den Primat des Petrus umsetzt, das ist ja nicht geklärt. Das Wie, wie das eventuell in synodale Strukturen einzubinden ist, wie der Sensus communis, also der allgemeine Glaubenssinn, zur Geltung zu bringen ist in der Kirche, das sind ja alles Fragen, die offen sind.

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