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StartseiteKalenderblattEinst ein Musiktempel mit Weltruf25.05.2008

Einst ein Musiktempel mit Weltruf

Vor hundert Jahren wurde das Opernhaus Teatro Colón in Buenos Aires eröffnet

Maria Callas betörte im Teatro Colón das Publikum. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gehörten Gastspiele in dem neobarocken Tempel der Musik zu den wichtigen Stationen einer Opernkarriere. Seit zwei Jahren ist das Haus schon geschlossen. Bis 2010 müssen die Musikliebhaber von Buones Aires noch auf die Wiedereröffnung warten.

Von Peter B. Schumann

Der argentinische Präsident Juan Peron mit seiner Frau Evita 1946 im Teatro Colón in Buenos Aires. (AP Archiv)
Der argentinische Präsident Juan Peron mit seiner Frau Evita 1946 im Teatro Colón in Buenos Aires. (AP Archiv)

Mit Verdis "Aida" wurde am 25. Mai 1908 das Teatro Colón, das damals größte Opernhaus der Welt, in Buenos Aires, der damals größten Stadt Lateinamerikas, eröffnet. Es war Ausdruck für den beispiellosen Aufstieg Argentiniens zur bedeutendsten Handelsnation des Kontinents. Europäische Emigranten haben zu dem Aufschwung wesentlich beigetragen. Englisches Kapital hat ihn gefördert. Der Reichtum ließ Bildung und Kultur florieren und drängte nach Symbolen. Die Oper bot sich an: das Gesamtkunstwerk, das sich auch vortrefflich für gesellschaftliche Selbstdarstellungen eignet und eine lange Tradition im Süden Amerikas besitzt. Horacio Sanguinetti, seit kurzem Generalintendant des Teatro Colón:

"In Argentinien besteht eine enorme Leidenschaft für die Oper, die mit den Spaniern in der Kolonialzeit begonnen hat und die von italienischen Einwanderern verstärkt wurde. Selbst in den Wirren der Bürgerkriege Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier Opern aufgeführt, die erst kurz zuvor in Europa ihre Premiere erlebt hatten. 1857 gab es bereits ein erstes Teatro Colón, ein großes, luxuriöses Theater, in dem vor allem italienische Opernensembles auftraten. 30 Jahre später wurde es an die Nationalbank verkauft."

Zwar existierten auch andere Spielstätten, aber die Opernliebhaber hielten sie für zu kümmerlich, zumal die junge, aufstrebende Republik sich allerorten in prachtvollen öffentlichen Gebäuden darzustellen pflegte: im Palast des Parlaments und selbst in einem Palast der Post. Ein Impresario erhielt von der Stadtverwaltung den Auftrag für einen Neubau. Nach 20-jähriger Bauzeit erstrahlte schließlich wieder das Teatro Colón, diesmal in monumentaler Größe.

Horacio Sanguinetti: "In Argentinien gab es damals weder Fußball, noch Kino, noch Stierkampf (…) Die große Attraktion war das mit Gesang verbundene Theater. Seine Bedeutung manifestierte sich in der Monumentalität des Bauwerks, das für Argentinien völlig überproportioniert war. (…) Es war Zeugnis seiner Zeit und der auftrumpfenden Mentalität am Anfang des letzten Jahrhunderts."

Das Teatro Colón, riesiger als die Mailänder Scala oder das Wiener Opernhaus, besaß trotz seiner Dimension eine perfekte Akustik, von der auch heute noch viele schwärmen. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gehörten Gastspiele in diesem neobarocken Tempel der Musik zu den obligatorischen Stationen einer Opernkarriere. Wenn Europa Ferien vom Theater machte, verbrachte Enrico Caruso hier regelmäßig seine spielfreie Zeit. Maria Callas betörte das Publikum. Leonard Bernstein und Igor Strawinski dirigierten legendäre Aufführungen. Aber das Teatro Colón bot auch zahlreichen verfolgten Künstlern Zuflucht. Sergio Renán, Generalintendant in den 90er Jahren:

"Zu Beginn des Nationalsozialismus wollten viele Musiker nach Amerika emigrieren, weil sie vom Teatro Colón gehört hatten, das unter Musikliebhabern einen immensen Ruf besaß. Die Zahl derer, die sich schließlich in Argentinien niederließen, war groß. Zwei von ihnen prägten das deutsche Repertoire und nahmen so entscheidenden Einfluss auf die Programmgestaltung: die Dirigenten Erich Kleiber und Fritz Busch. Sie waren Idole des argentinischen Musiklebens."

Doch die goldene Ära dieses herrlich-pompösen Hauses ist lange vorbei. Der riesige Komplex befindet sich seit Jahrzehnten in der Dauerkrise. Das künstlerische Niveau ist so marode wie der bauliche Zustand des gesamten Hauses. Seit sechs Jahren wird an ihm renoviert. Seit zwei Jahren ist es geschlossen. Fehlplanungen und politische Fehlentscheidungen sind daran schuld. Der Spielbetrieb findet – wenn überhaupt – in Ausweichquartieren statt. Deshalb wird auch das 100-jährige Jubiläum nur mit einem kurzen "symbolischen Akt" im Foyer des Teatro Colón begangen. Denn auf die Neueröffnung des Großen Hauses müssen die Bonarenser noch bis 2010 warten – wenn Argentinien 200 Jahre seiner Unabhängigkeit feiert und wieder Verdis "Aida" erklingt.

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