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StartseiteBüchermarktEinstürzende Realitäten21.01.2010

Einstürzende Realitäten

Adam Haslett: "Union Atlantic", Rowohlt Verlag

Er gilt als Prophet der Krise: Sein Debütroman "Union Atlantic" schildert den Zusammenbruch des weltweiten Finanzmarktes. Kurz, nachdem er das Buch beendet hatte, brach die Weltwirtschaft auch in der Realität zusammen.

Von Annette Brüggemann

Börsenkrise: Hektik unter Börsenmaklern an der New Yorker Wall Street (AP)
Börsenkrise: Hektik unter Börsenmaklern an der New Yorker Wall Street (AP)

Adam Haslett wurde in Deutschland als "Prophet der Krise" gefeiert. Sein Debütroman "Union Atlantic" ist im Rowohlt Verlag als Weltpremiere erschienen - in Amerika kommt das Buch erst im Februar heraus. In ihm beschreibt Adam Haslett die Lügen und Fallhöhen eines Bankensystems, in das Menschen und Schicksale wie in einen Strudel hineingezogen wurden. Fünf Jahre hat er an seiner zynisch zugespitzten Romanhandlung gearbeitet und recherchiert. Er hat Protokolle von Zusammenbrüchen gelesen wie den der Barings Bank in England oder vom Hedgefonds Long Term Capital Management und die kniffeligen Details mit Leuten der US-Notenbank besprochen. Genau in der Woche, in der er das Manuskript zu seinem Roman "Union Atlantic" abschließt, ist es schließlich soweit: Im September 2008 bricht in den USA die Investmentbank "Lehman Brothers" zusammen. Reality beats Fiction.

"Das Finanzsystem stand schon auf wackligen Füssen, als ich mit dem Schreiben begann und die Menschen, die darüber nachgedacht und geschrieben haben, wussten, dass der Tag der Abrechnung kommen wird. Mein Anliegen war es, Lesern einen ganz persönlichen Zugang zu einer Welt zu bieten, die bereits existiert. Die Tatsache, dass es zur Kernschmelze der Finanzwelt kommen würde, war ein Zufall der Geschichte. Ich wollte keine Vorhersagen machen."

Adam Hasletts Protagonist Doug Fanning könnte auch einem Roman das Amerikaners Bret Easton Ellis entsprungen sein: Hedgefonds-Manager, Ende 30, durchtrainiert, kühl, unnahbar.

Er, für den Zahlen mehr Magie und Strahlkraft als Menschen besitzen, hockt in einem Niemandsland, in das ihn seine alkoholabhängige Mutter als Kind gestürzt hat. In einem Bostoner Vorort lässt er sich eine künstliche Villa bauen, ein sogenanntes Greek-Revival-Château. In dieser Villa haust er ohne Mobiliar und kommt mit Fernsehen und Pizzaservice durch schlaflose Nächte. Doug entpuppt sich als Meister des Verdrängens.

1988 war er als Offizier an Bord des Kreuzers USS Vincennes, der im Iran-Irak-Krieg bei einem Abwehrgefecht mit iranischen Kanonenbooten ein iranisches Passagierflugzeug abschoss. Nun ist er angeschlossen an ein Finanzsystem, das ihn benutzt und andere benutzen lässt.

Schließlich gibt es nur eins, was seinen Narzissmus befriedigt: dass er die frühere Privatbank "Union Atlantic" in wenigen Jahren zu einem der vier größten Finanzkonzerne des Landes gemacht hat, zum glamourösen und sicher geglaubten "Global Player".

Die Genugtuung lag im Vollzug. In solchen Phasen legte sich der Sturm der Gedanken, wurde sein Kopf klar, durchströmte ihn Kraft so reibungslos wie Buchgeld ein Glasfaserkabel: Der Widerstand der realen Welt ging gegen null.

Aber auch nur fast gegen null, denn Dougs neue Nachbarin ist Charlotte Graves - Geschichtslehrerin im Ruhestand. Sie lebt in einem alten, vergammelten Holzhaus und jagt Doug einen Prozess auf den Hals. Charlotte ist der Meinung, Doug habe das Grundstück, auf dem er seine Villa errichtet hat, unrechtmäßig von der Gemeinde erworben und das gehört sich nun mal nicht. Als sich Charlotte und Doug zum ersten Mal begegnen, wird sofort klar, dass diese zwei Menschen aber auch gar nichts miteinander gemein haben. Während Charlotte mit ihren zwei Hunden einen idyllischen Spaziergang bei Sonnenaufgang angetreten hat, befindet sich Doug in seinem neuen Firmenwagen auf dem Weg zur Arbeit.

"Guten Morgen. Doug Fanning. Das neue Haus da - das ist meins." Einen Augenblick schien es, als habe sie kein Wort gehört; vielleicht taub obendrein. Doch dann, so unvermittelt, als sei der Wagen eben erst aufgetaucht, blieb sie stehen. Ihre Hunde zur Ordnung rufend, beugte sie sich zu ihm herab. Ihr zerfurchtes Gesicht wirkte so grau und verwittert wie die Wände ihres Hauses. Ohne ein Wort, als wäre er nicht da, schnupperte sie; der Lexus, den er für die tägliche Fahrt zur Arbeit geleast hatte, roch noch nach Kiefernspray. "Wald", sagte sie. "Ehe Sie hier aufgetaucht sind. Alles Wald." Und damit richtete sie sich auf und ging weiter.

Charlotte, die mit ihren zwei Hunden allein lebt und einst in Sachen Liebe bitter enttäuscht wurde, erwacht zu neuem Leben. Endlich hat ihr Feindbild ein Gesicht: Doug Fanning. Und endlich ist auch die Einsamkeit der Selbstgespräche vorbei. Sie bekommt einen neuen Zuhörer: den Jungen Nate, der bei ihr Nachhilfeunterricht nimmt. Für ihn holt sie sogar die Amerika preisenden Hymnen des Dichters Walt Whitman aus ihrem verstaubten Bücherregal. Der visionäre Poet aus dem 19. Jahrhundert spielt aber nicht nur in dieser Szene des Buches eine Rolle, vielmehr steckt er als guter Geist in der Gesamtdramaturgie des Buches.

"Whitman ist vor allem berühmt geworden mit seinen Gesängen über die Bandbreite amerikanischen Lebens. Er ist ein unglaublicher Optimist und das, was er in seinen Texten feiert, ist die Weite, der Atem, die Energie Amerikas. Mir fällt es leicht, das amerikanische, kapitalistische System anzukreiden, dabei gibt es darin ebenso erhabene und überraschende Momente. Deshalb sehe ich es manchmal als Aufgabe an, zu sagen: Wie wäre es, ein moderner Whitman zu sein?"

Adam Haslett singt in Whitman'scher Manier die Geschichten von Menschen im Amerika des 21. Jahrhunderts. Doug und Charlotte stehen für zwei Wertvorstellungen der US-Kultur der letzten Dekade: auf der einen Seite Militarismus und Finanzkapitalismus, auf der anderen Seite eine vom New Deal geprägte freigeistige Haltung.

Und dabei stehen Doug und Charlotte sinnbildlich für nur eine der Schlachten, die im Herzen dieses Buches geschlagen werden. So verliebt sich Charlottes Nachhilfeschüler Nate unsterblich in Doug, während dieser ihn bis aufs letzte Hemd auszunutzen weiß.
Zum Schluss des Romans müssen alle ihre eigene Wahrheit erkennen. Eine heuchlerische Welt gerät aus den Fugen. Das Bankensystem strauchelt wie ein alter, verrückt gewordener König, der seine Macht verspielt hat. Doug flüchtet in die Anonymität über alle sieben Berge. Charlotte brennt ihr Haus nieder. Und der unschuldige Nate verwandelt sich zum Hans im Glück.

Adam Haslett erzählt mit Humor, Präzision und einem guten Gespür für seine Charaktere. Nur die Konstruktion des Romans ist zu offensichtlich, bisweilen wirkt Hasletts Buch einfach zu aufgeräumt, zu nah an der Recherche. Es fehlt die knisternde Poesie, die seine Kurzgeschichten tragen. Trotzdem - Adam Haslett hat einen historischen Moment zwischen zwei Buchdeckel gebannt und dem globalen Vertrauensverlust einen Namen gegeben: "Union Atlantic".

Adam Haslett : Union Atlantic
Aus dem Englischen von Uda Strätling
Rowohlt Verlag, 393 Seiten, 19,90 Euro

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