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StartseiteKultur heuteEkel vor dem Deutschland der Nachwendezeit14.11.2011

Ekel vor dem Deutschland der Nachwendezeit

Dimiter Gotscheff inszeniert Heiner Müller am Deutschen Theater Berlin

Der Theatermacher Dimiter Gotscheff ist ein begehrter Heiner-Müller-Interpret, da der Dramatiker selbst den Regisseur lobte. Am Deutschen Theater Berlin hat Gotscheff nun das "Medeamaterial" inszeniert, er verknüpfte es mit Müllers Langgedicht "Mommsens Block".

Von Eberhard Spreng

Das Deutsche Theater in Berlin (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)
Das Deutsche Theater in Berlin (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)

Mit einem geradezu entzückend verspielten Bild beginnt Dimiter Gotscheff sein Heiner Müller Memorial: Eine kleine Tür im eisernen Vorhang öffnet sich, Margit Bendokat erscheint mit schalkhaft-freudigem Gesichtsausdruck, dann auch Wolfram Koch und Almut Zilcher. Alle drei grinsen ins Publikum, bevor sich die Tür wieder schließt. Dann hebt sich der Vorhang vor einer kahlen schwarz verhängten Bühne mit drei großen Scheinwerfern, deren mächtige Lichtkegel sich in den allesamt geöffneten Versenkungen der Drehbühne verlieren. Dann fällt auch der schwarze Rundhorizont und die Bühne ist eine völlig nackte Black-Box, bereit für Theaterschöpfungen vom Anfang der Dinge. Ein gelbes Eisenrohr senkt sich aus dem Bühnenhimmel in eines der Versenkungen und holt eine Kreatur auf die Erdoberfläche, einen Affenmenschen, der sich alsbald an der Stange Stück für Stück aufrichtet. Aber egal ob Affe, ob Mensch, dieser Primat mit nacktem Oberkörper und lose um den Hals gelegten Krawatten kennt nur Protz- und Drohgebärden. Mit drei mächtigen Theaterbildern markiert Gotscheff eine Welt, in der man Heiner Müllers Texte über den Mann und die vor ihm produzierten Kriege und die Katastrophe, die das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausmacht gerne weiter verfolgt hätte. Aber nach der stummen Einleitung tritt jetzt der spielerisch kaum aufzulösende Müller-Text auf und verweist die Akteure in die Rolle von Rezitatoren. Almut Zilcher, in elegant-dezentem Abendkleid spricht zugleich Medea, ihre Amme und den Part des Jason; ihre irreverzückten Augen starren Löcher ins Publikum, mutwillige Gestik behauptet Bedeutung. Da wird der Text zwar recht kunstfertig deklamiert, aber mit Raum und Zeit, will sagen mit der Schöpfungsmetaphorik vom Anfang und dem Geschlechterverhältnis von heute kommt keine erkenntnisstiftende Spannung zustande. Auch Wolfram Kochs Landschaft mit Argonauten beweist kaum mehr als die uneingeschränkte Treue des Regisseurs zu Heiner Müller und dessen monumentalen Sprachkunstwerken.

"Ich Auswurf eines Mannes Ich Auswurf
Einer Frau Gemeinplatz auf Gemeinplatz Ich Traumhölle
Die meinen Zufallsnamen trägt Ich Angst
Vor meinem Zufallsnamen"

Dichter-Ich und desolates Weltganzes schlagen hier aufeinander. In Müllers Duktus verbirgt sich die Gewissheit als letzter Nationaldichter zu operieren. So als wäre Müller Inkarnation der deutschen Geschichte und außerdem der einzige Ort, an dem Sprache von dieser Geschichte künden kann. Soviel Selbstgewissheit ist heute nicht mehr in Mode. In Mommsens Block endlich findet Gotscheffs Theater und mit ihm Margit Bendokat die richtige Haltung, ja den geeigneten Sicherheitsabstand zu Müllers nunmehr letzter deutscher Weltbeschreibung: Durch Mauerfall und Wiedervereinigung seines literarischen Gegenstandes beraubt, blickt der Autor angewidert auf eine neue Realität, vor der seine Sprache verstummen muss. Müller meditiert über die Frage, warum der Altertumsforscher Mommsen ein Werk über die römische Kaiserzeit nach Cäsar nicht schrieb und assoziiert hier Abscheu vor deren Dekadenz als Parallele zum eigenen Ekel vor dem Deutschland der Nachwendezeit.

"Zwei Helden der Neuzeit speisten am Nebentisch Lemuren des Kapitals
Wechsler und Händler und als ich ihrem Dialog zuhörte gierig nach Futter
für meinen Ekel am Heute und Hier ... "

Mit listiger Ironie spricht Margit Bendokat Müllers Text, immerfort bemüht um Abstand zur großmäuligen Vorlage. Hier ist Ironie, die schreckliche Grundhaltung so vieler heutiger Theaterleute, endlich einmal kunstvoll ausgearbeitet, keine Verlegenheitsposition, sondern kritische Distanz, die einen historischen Bruch kenntlich macht. Wo Müller in den 90er-Jahren mit Erschrecken feststellt, dass ihm in der neokapitalistisch degenerierten Gesellschaft die Persönlichkeiten ausgehen, mit denen Geschichte zu erzählen wäre, steht Margit Bendokats bauernschlaue Vorsicht für eine Epoche, in der Geschichte wohl nur noch mit der Schwarmintelligenz der Vielen zu machen ist, und mit einer gewissen Scheu vor großsprecherischen Protagonisten. Die Bendokat war es, die uns zu Beginn der Aufführung aus der schwarzen Müllerbühne angrinste, sie ist es auch, die uns am Ende aus ihr wieder herausholt.

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