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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturElegante Liebeserklärung und Kritik an Israel05.08.2013

Elegante Liebeserklärung und Kritik an Israel

Diana Pinto: "Israel ist umgezogen", Jüdischer Verlag im Suhkamp Verlag

Diana Pinto, Tochter italienischer Juden und Historikerin aus Paris, hat eine Art Porträt des Landes Israel vorgelegt. Es liest sich als Liebeserklärung und Kritik. Die zentrale These der Autorin: Israel ist umgezogen – wenn nicht physisch, so doch geistig.

Von Jan Kuhlmann

Junge fährt an der Trennungsmauer in Israel entlang (picture alliance / dpa)
Junge fährt an der Trennungsmauer in Israel entlang (picture alliance / dpa)

Israel ist ein Land so voller Widersprüche, dass es einen Autor zerreißen kann: hier das junge, dynamische und technologisch moderne Israel, eine Heimstätte für die Juden – dort die dunklen Seiten: Defizite in der Demokratie, Besatzung der palästinensischen Gebiete, jüdischer Extremismus. Diana Pinto, Tochter italienischer Juden und Historikerin aus Paris, ist ein gutes Beispiel für diese Zerrissenheit. Ihr Essay, eine Art Porträt des Landes, liest sich als Liebeserklärung und Kritik an Israel zugleich. Ihre zentrale These hält sie im Titel des Buches fest: Israel ist umgezogen – wenn nicht physisch, so doch geistig:

Zitat
"Das Land hat seine geografische und zeitliche Orientierung, seinen politischen Horizont und seine Lebenswelt verändert. Natürlich lässt es sich auf den GPS-Geräten der Welt noch immer am selben Ort finden. Sein innerstes Wesen jedoch hat die eigene, wenig wohlgesinnte Nachbarschaft verlassen, künftig lebt Israel in seinem eigenen virtuellen Raum inmitten einer Globalisierung, die zusehends ein asiatisches Gepräge annimmt."

Nach Pintos Beobachtungen reisen Israelis in alle Kontinente und interagieren über das Internet mit der ganzen Welt – mit ihren arabischen Nachbarn, die sie als gewalttätig und feindselig wahrnehmen, wollen sie jedoch nichts zu tun haben. Auch für den Friedensprozess interessieren sie sich schon lange nicht mehr. Die Schlagzeilen zu Hause werden von ganz anderen Problemen beherrscht:

"(Von) dem skandalösen und völlig unangemessenen Preisanstieg von Speisequark, vor allem dem von cottage cheese, den anschwellenden Protesten, der Entstehung einer Boykottbewegung der großen Molkereien des Landes, einer tadellosen Bürgerkommission, die sorgfältige Untersuchungen anstellte … und schließlich den Sieg erreichte: den Preissturz des erwähnten Käses (…) Hüttenkäse kontra Frieden: Der Triumph der Wirklichkeit über Trugbilder."

Mehr als je zuvor lebt Israel in seiner eigenen Welt, findet Pinto. Das Land hat sich darin gut eingerichtet: Israelische Technologie-Firmen und Start-ups gehören weltweit zur Spitze. Die Wirtschaft des Landes floriert, während Europa kränkelt. Diana Pinto macht gar eine Euphorie in Israel aus. Ihre Reise durch das Land führt sie ins weltliche Tel Aviv und in verschiedene Ecken des religiös geprägten Jerusalems. Pinto entwickelt ihre Gedanken mit großer intellektueller Tiefenschärfe. Sie brüllt ihre Thesen nicht marktschreierisch hinaus, sondern bleibt im Ton angenehm zurückhaltend. Pinto benutzt Metaphern, um das Land zu erklären: Sie sieht Israel unter anderem als Blase und als Zelt. Beim Besuch einer neuen Einkaufsmeile in Jerusalem beobachtet sie, wie Araber, orthodoxe und weltliche Juden friedlich flanieren – für Pinto nur auf den ersten Blick eine heile multikulturelle Welt:

"Plötzlich zeigt sich mir Jerusalem aus einer ganz anderen Perspektive: als eines jener äußerst raffinierten und zugleich kitschigen großen Aquarien, die voller Dekorationen sind, altes Gemäuer mit kleinen Amphoren im Hintergrund, das Ganze von Lichtern in Szene gesetzt, wie sie auch die befestigten Stadtmauern erleuchten. In diesem Wasser (…) schwimmen bunte Fische verschiedener Größe, wobei jeder seinem eigenen Ziel zustrebt und sich blitzschnell wendet, um einem anderen auszuweichen, alles in absoluter Stille."

Die vielen Individuen in Israel wollen nichts miteinander zu tun haben. Oder sie sind unfähig zur Interaktion. Die stärkste, aber auch gefährlichste Metapher in dem Buch ist die von Israel als autistischem Staat – gefährlich, weil man daraus schließen könnte, ein ganzes Volk sei unheilbar psychisch gestört. Pinto erkennt in Israel neben der Euphorie auch eine Bedrücktheit:

"Und damit diese nicht allzu oft die Oberhand gewinnt, kann das Land eine dritte Option wählen: Den Autismus. Dieser Rückzug junger, oft hochintelligenter Menschen auf sich selbst (…) ist für jene kennzeichnend, denen es nicht gelingt, sich in der Welt der anderen vorzustellen, den Blick der anderen, die Gefühle der anderen wahrzunehmen, und die daher nicht wissen, wie sie mit ihnen reden oder auch richtig an ihren Aktivitäten teilhaben sollen, weil sie deren Motive nicht verstehen."

Trotz solcher Kritik: Pinto schreibt mit großer Empathie über Israel. Und mit Bewunderung für die Leistungen des Staates und seiner Menschen. Trotz einer fragmentierten Gesellschaft widerspricht sie der These, das Land könne auseinanderfallen. Pinto sieht vielmehr eine neue gemeinsame Identität mit religiösen und kulturellen Grundwerten. Aber auch das macht sie klar: Dieses veränderte Israel wendet sich zunehmend von Europa und den USA ab. Es richtet seinen Blick nach Asien und orientiert sich lieber am autokratischen China als am demokratischen Westen – eine Entwicklung mit Folgen:

"Die gegenwärtigen Veränderungen Israels sind kein gutes Omen für die alten Werte der Nachkriegszeit: die universellen Menschenrechte, den demokratischen Pluralismus (…) und jenes internationale Regelungssystem, das sich auf überstaatliches Recht stützt (…) In den Korridoren der israelischen Macht applaudiert man den chinesischen Ministern, die sich wie kleine Kaiser benehmen, mit größtem Respekt, während die Botschafter, die die herzlichsten Grüße von Präsident Obama übermitteln, mit eisiger Kälte empfangen werden."

Für den Moment mag sich Israel in dieser Gegenwart eingerichtet haben – doch die Zukunft wartet, besser: Sie droht. Schon allein die demografische Entwicklung mit hohen Geburtsraten der Palästinenser wird die Lage verändern. So schlussfolgert Pinto:

"Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der für die jüdischen Israelis so angenehme Status quo nicht unbegrenzt fortdauern kann. Die Geschichte und die Völker bewegen sich, zwar nicht unbedingt in die ideale Richtung des Fortschritts, aber sie bewegen sich. Das Israel von heute, das sich mit einer Mischung aus Angst, kreativer Energie und Selbstzufriedenheit am Rande der Überheblichkeit vorwärtsbewegt, kann so nicht fortbestehen."

Pintos Buch ist ein sehr differenziertes und nachdenkliches Porträt Israels, eine scharf gezeichnete und glänzende Skizze, elegant geschrieben. Optimistisch stimmt die Lektüre des Buches jedoch nicht. Denn am Ende bleibt eine ernüchternde Erkenntnis: Der Konflikt im Nahen Osten ist so verfahren, dass kaum noch ein Ausweg zu erkennen ist.


Diana Pinto: "Israel ist umgezogen."
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 239 Seiten 21,95 Euro, ISBN: 978-3-633-54265-9

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