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StartseiteBüchermarktEleganz und Haltung21.01.1999

Eleganz und Haltung

Die Vielfalt der Kulturgeschichte

"Eines Tages kam Robin zu Margot. Um ihr zu imponieren, zeigte er ihr sein Werkzeug. Ohne etwas zu sagen, wollte er gleich zu Werke gehen. Aber Margot rief: Du wirst mich verletzen, es ist zu groß und zu lang. Nun gut, sagte Robin, ich werde es nicht gebrauchen, umarmte sie und benutzte es nur bis zur Hälfte. Ha, sagte da Margot und verzog das Gesicht, mach es ganz und sei es, daß ich sterbe."

Thomas Kleinspehn

Eindeutig zweideutige Gesten, Anspielungen und Symbole: Das sind wesentliche Merkmale der Volkskultur in der frühen Neuzeit. Wie dieses Lied aus der Sammlung der "Fricassée Parisienne" hat sich im 16. Jahrhundert in ganz Europa eine eigenständige Liedkultur etabliert, in der Elemente der Hochkultur noch mit der populären Kultur nebeneinander stehen. Zuweilen karikiert die eine die andere. Erst ganz allmählich trennen sich die verschiedenen Subkulturen. Hatten sich Kulturhistoriker lange Zeit darauf beschränkt, die Kultur der höheren Schichten zu betrachten, so hat sich dies in den letzten zwei Jahrzehnten wesentlich geändert. Jetzt richtet sich das Interesse auch auf die Kultur der "kleinen Leute", auf die Alltagskultur.

Unter den heutigen Kulturhistorikern versteht es kaum jemand so faszinierend, den Alltag der Menschen in der frühen Neuzeit plastisch werden zu lassen wie der englische Historiker Peter Burke. Er gehört zu den wichtigsten Vertretern dieser neuen Richtung, die Geschichte aus der Sicht der Akteure schreiben. Seine Studien zur Renaissance in Europa oder über die städtische Kultur in Italien sind Marksteine der Kulturgeschichtsschreibung. Nun hat der Wagenbach Verlag unter dem Titel "Eleganz und Haltung" einen Band mit Aufsätzen des Historikers aus Cambridge herausgebracht. In ihm sind Texte enthalten, die sich ganz konkret zum Beispiel mit Sprache und Gestik in der populären Kultur beschäftigen, mit der städtischen Kultur, mit Träumen, dem Komischen, Grotesken oder dem Karneval befassen. Daneben enthält der Band auch Burkes theoretische Auseinandersetzungen mit der Kulturgeschichte und hier vor allem mit der französischen Schule der "Annales", einer Historiker-Gruppe um die gleichnamige Zeitschrift, die sich schon seit den 30er Jahren um Alltagsgeschichte bemüht. Vom Verlag ursprünglich in einer schmaleren Version nur mit Studien über sechs Jahrhunderte italienischer Alltagskultur angekündigt, ist der Band jetzt aufgeblasen und sehr viel umfangreicher. Dadurch ist ein recht uneinheitliches Buch entstanden, das in Teilen sehr spannend ist, in anderen wiederum recht trockene Methodenfragen diskutiert. Man muß sich bei dieser Mischung fragen, ob für den Verlag noch andere als ökonomische Argumente wichtig waren.

Peter Burke ist ein Meister in der Analyse von Mikrozusammenhängen. Selbst wenn er auf kleine, scheinbar banale Dinge schaut, gelingt es ihm, diese in größere Zusammenhänge zu stellen. "Das Triviale", sagt er, liefere "häufig genug Anhaltspunkte für etwas Wichtigeres". So ist seine Studie über die "Sprache der Gestik" in der Frühen Neuzeit eine Glanzleistung an geschichtlichem Spürsinn. Nicht zufällig beruft er sich genauso auf Sherlock Holmes wie auf Sigmund Freund und die französischen Sozialhistoriker. Anhand von Reiseberichten, philosophischen Traktaten und Erziehungsschriften macht er den Wandel der Gestik in Italien in der Renaissance deutlich. Reisende aus dem Norden Europas ereiferten sich schon früh über die Italiener, die während der Gottesdienste keineswegs Ehrfurcht zeigten. Im Gegenteil, sie schwatzten während der Predigt, gestikulierten wild herum und bissen sich - mit Blick auf einen anderen Besucher - in den Finger. Burke entschlüsselt diese Symbolik, bei der vermutlich der Finger für Penis stehen soll, als Beleidigung des anderen. Zahlreiche Akten der Justiz zeigen, daß dies auch so verstanden wurde und die so Beleidigten sich heftig zur Wehr setzten. Sie riskierten Leib und Leben, um ihre Ehre zu retten, was sie nicht selten vor Gericht brachte. Den Gesten voller Symbolik wird in Europa der Renaissance verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt - besonders früh in Italien. Schriften wie der bekannte "Hofmann" von Baldassare Castiglione aus dem frühen 16. Jahrhundert gehören zu den ersten Arbeiten, die sich intensiv mit Gesten beschäftigen. Die Menschen, so wird dort gefordert, sollen sich ihrer Körperbewegungen bewußt werden, sich mäßigen und züchtigen. Mädchen sollen ihre Blicke zu Boden richten, die Hände zusammenlegen, die Füße geschlossen halten und bei Tisch würdevoll essen. Auch Männer haben sich ordentlich zu verneigen, die Hand einer Dame angemessen zu ergreifen und richtig mit Cape und Degen umzugehen. Das gleiche gilt für den Tanz, den Sport oder das Theater. Gesten sind zwar erlaubt, teilweise sogar erwünscht, sie müssen aber kontrolliert, gesittet vor sich gehen - mit "Eleganz und Haltung". Für Burke läßt sich an diesen - zunächst nebensächlich erscheinenden - Beobachtungen erkennen, daß Körperdisziplin immer bedeutsamer wird. Vor allem von den Menschen der Oberschicht - später auch vom Bürgertum und anderen Gesellschaftsschichten - wird erwartet, daß sie sich beherrschen und immer bewußter mit ihrem Körper umgehen. Besonders an den Regeln über die Gesten kann Burke deutlich machen, wie unterschiedlich sich das Körperbewußtsein in den verschiedenen Klassen entwickelt hat. Auch gibt es nach wie vor große Unterschiede zwischen dem protestantischen Norden und dem katholischen Süden. Noch bis heute hält sich das Vorurteil vom "gestikulierenden" Italiener. Seine Einzelanalyse kann der englische Kulturhistoriker einordnen in einen größeren Prozeß der Bändigung des Körpers, der die europäische Zivilisation auszeichnet. Hier folgt er den Theorien von Norbert Elias, Michel Foucaults oder französischer Kulturhistoriker.

Kulturgeschichte war lange Zeit eine Geschichte der Ideen oder der Hochkultur. Der neuen Geschichtsschreibung, für die Burke steht, gelingt es dagegen mit Bravour, die Geschichte von Menschen, ihres Körpers, ihrer Lebenszusammenhänge lebendig zu machen. Dabei nimmt der englische Autor nicht nur Anleihen bei der französischen Mentalitätsgeschichte oder der Kultursoziologie, sondern er greift auch auf die Ethnologie zurück. Mit ihr richtet er seinen Blick auf die Konfrontation von Kulturen, auf die Begegnungen und Brüche. Auch in den europäischen Gesellschaften selbst haben sich Subkulturen von Jugendlichen, von Frauen und Männern, ländliche und städtische, entwickelt, die sich genauso voneinander abgrenzen, wie sich fremde Kulturen in Afrika, Asien oder Amerika von europäischen unterscheiden. Peter Burke interessiert sich deshalb vor allem für die Unterschiede und Konflikte, für die Vielfalt von Kulturen und sucht nicht nach der vermeintlichen Einheit einer Kultur. So plädiert er für eine Kulturgeschichte, die vielsprachig ist, auf Sprache und Werke ebenso achtet, wie auf die Bewegungen des Körpers und seine Gesten, seien sie nun elegant oder schwerfällig.

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