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StartseiteBüchermarktLebenslanges Anschreiben gegen den Tod23.07.2014

Elias CanettiLebenslanges Anschreiben gegen den Tod

Elias Canetti hat den Tod gehasst und gefürchtet wie kein Zweiter. Sein Leben lang schrieb er in Notizen dagegen an, wollte den Tod als etwas Natürliches nicht akzeptieren. Seine Tochter hat nun mit seinem Biografen aus diesen Notizen das "Buch des Todes" zusammengestellt. Ein erstaunlich klares Dokument der Todesfeindschaft.

Von Günter Kaindlstorfer

Elias Canetti, der deutschsprachige Schriftsteller bulgarischer Herkunft. (picture-alliance / dpa / Votava)
Elias Canetti, der deutschsprachige Schriftsteller bulgarischer Herkunft. (picture-alliance / dpa / Votava)
Weiterführende Information

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Elias Canetti war ein Todfeind im wahrsten Sinne des Wortes. Mit obsessiver Verbissenheit hat sich der Nobelpreisträger über Jahrzehnte hinweg gegen die Begrenztheit des menschlichen Lebens zur Wehr gesetzt.

"Es ist wirklich mein Gefühl, dass ich dazu lebe, eine neue Gesinnung, was den Tod anlangt, zu schaffen und zu verbreiten. Es wird mir wahrscheinlich nicht gelingen, aber das ist eine andere Frage. Ich würde wollen, dass sich alle Menschen dessen bewusst sind, dass der Tod eine Gefahr ist, die sie einsickern lassen in ihre ethischen Prinzipien, in ihr moralisches Verhalten. Ich würde wollen, dass der Tod wirklich ganz entfernt wird aus dem, was akzeptiert ist - wie er es ja eigentlich schon einmal war. Denn was oft übersehen wird, wenn man von Tod und Leben spricht, ist, dass der Tod ja keineswegs immer etwas Natürliches war. Er ist natürlich geworden in den paar tausend Jahren unserer Geschichte, aber wir wissen, dass er in der Vorgeschichte, bei all diesen Völkern, von denen wir früher sprachen, dass der Tod da keineswegs als etwas Natürliches galt. Er galt als so unnatürlich, dass jeder Tod als Mord galt. Es gab keinen natürlichen Tod. Nur ein Mord von irgendjemandem - sei es aus der Ferne durch Zauberei oder irgendetwas anderes - konnte einen Tod veranlassen. Man hat also den Tod einfach nicht akzeptiert als eine natürliche Tatsache."

"Es ist um jeden schade", notierte Canetti 1951: "Niemand hätte je sterben dürfen." Neun Jahre zuvor, 1942, hatte der Schriftsteller im Londoner Exil mit der Arbeit an seinem unvollendeten Lebensprojekt begonnen: Einem monumentalen Anti-Todes-Buch, in dem er jahrzehntelang mit grimmiger Beharrlichkeit gegen den Tod anschrieb. Jahr um Jahr, von 1942 bis zu seinem dann doch nicht zu verhindernden Ableben 1994, hat Canetti Material für dieses Werk zusammengetragen, er hat tausende und abertausende von Notaten und Statements, Aphorismen, Geschichten und Exzerpten auf kleine, handliche Blöcke stenografiert, mit den penibel gespitzten Bleistiften, die auf seinem Schreibtisch zur Fixierung unverhofft einschießender Geistesblitze stets bereit lagen.

Gegenstück zu "Masse und Macht"

Jetzt hat Canettis Tochter Johanna gemeinsam mit Sven Hanuschek, dem Biografen des Schriftstellers, und einem kleineren Editoren-Team aus mehreren tausend Notaten eine Lesefassung des großen Canettischen Todesbekämpfungs-Buch zusammengestellt, ein, wenn man so will, fragmentarisches Gegenstück zu "Masse und Macht". Dieses "Buch gegen den Tod", 350 Seiten dick, umfasst ein Achtel der Canettischen Aufzeichnungen zum Thema, zum Teil sind diese Notizen bereits in anderen Canetti-Editionen publiziert worden, zu zwei Dritteln allerdings nicht.

"Das Buch über den Tod", seufzt Canetti 1986, "ist immer noch mein eigentliches Buch. Werde ich es endlich in einem Zuge niederschreiben?"

Jahrzehntelang hat der Autor um eine schlüssige Form für das Wahnsinns-Projekt gerungen, 1988 scheint er ein für alle Mal zu resignieren:

"Pensées gegen den Tod. Das einzig Mögliche: Sie müssen Fragmente bleiben. Du darfst sie nicht selbst herausgeben. Du darfst sie nicht redigieren."

Hat der Schriftsteller denn auch nicht. Canetti hat diese Aufgabe seiner Tochter hinterlassen, und die hat, zusammen mit dem Editoren-Team, gute Arbeit geleistet. "Das Buch gegen den Tod" präsentiert sich keineswegs als öder Textsteinbruch, in dem dann und wann kleine epigrammatische Gemmen aufblitzen. Nein, dieser Band ist, bei aller Bruchstückhaftigkeit, ein erstaunlich klares Dokument der Todesfeindschaft, ein Konvolut kristallklarer Sätze, dem gerade das Unabgeschlossene seinen bitteren Witz, seine existenzielle Sprengkraft verleiht.

"Wer über den Tod geistreiche Dinge sagen kann, wer das über sich bringt, der verdient ihn."

"Ich würde den Tod abschaffen"

Es ist Canetti ernst mit seiner Todesfeindschaft. Der Kampf gegen die menschliche Sterblichkeit ist dem Schriftsteller ein echtes existenzielles Anliegen. Am 15. Juni 1942 hält er fest:

"Heute vor fünf Jahren ist meine Mutter gestorben. Seither hat sich die Erde von innen nach außen gestülpt. Mir ist es, als wäre es gestern geschehen. Kann ich wirklich fünf Jahre gelebt haben, und sie weiß von nichts. Ich will sie aus dem Sarg zurückholen, und müsste ich jede Schraube mit den Lippen wieder aufdrehen. Ich weiß, dass sie tot ist. Ich weiß, dass sie verfault ist. Aber ich werde es nie wahrhaben. Ich will sie wieder lebendig machen. Wo finde ich ihre Teile? Am meisten von ihr steckt noch in meinen Brüdern und mir. Aber das ist nicht genug. Ich will jeden Menschen finden, der sie gekannt hat. Ich will alle Worte wiederhaben, die sie je gesagt hat. Ich muss ihre Orte betreten und ihre Blumen riechen, die Urenkel jener Blüten, die sie an ihre machtvollen Nüstern hielt. Ich will die Spiegel zusammenstückeln, die einmal ihr Bild geworfen haben. Ich will jede Silbe kennen, die sie hätte sagen können, in jeder Sprache. Wo sind ihre Schatten? Wo ist ihr Zorn? Ich leihe ihr meinen Atem. Auf meinen Beinen soll sie gehen."

"Wenn es ginge - ich weiß, dass es nicht geht -, würde ich den Tod abschaffen. Da das nicht möglich ist, möchte ich wenigstens alle schlechten Wirkungen, die der Tod im Leben der Menschen hat, ins Auge fassen und darüber nachdenken, wie man diesen schlechten Dingen entgegenwirken kann."

Ein halbes Jahrhundert lang hat Canetti eine imponierende Fülle an Material zusammengetragen. Wovon ist die Rede in diesem Anti-Todes-Buch? Canetti lässt seine thanatophoben Ängste Revue passieren, er analysiert die "Elektra" des Sophokles und beschäftigt sich mit der angeblichen Todesresistenz von Ameisen, er beschreibt ein "Himmelsbegräbnis" in Tibet, in dem die Hochlandbewohner die Leichen ihrer Lieben an Geier verfüttern und geht den bizarren Sterberitualen der Aborigines nach.

Ebene des höheren Tratschs

Der Tod, für Canetti ist er vor allem auch ein Herrschaftsinstrument, mit dem Machthaber politischer und militärischer Art ihre Interessen durchsetzen.

"Ich glaube, dass wir alle, ohne es zu wissen, vom Tod verseucht sind, dass wir ihn viel zu leicht akzeptieren, dass wir ihn als Mittel verwenden, um über andere zu herrschen. Wir wissen ja, dass es Machthaber gibt, die andere zur Vergrößerung ihrer Macht rücksichtslos in den Tod schicken. Aber es gibt noch viele andere Aspekte, und die möchte ich alle genau darstellen und auch sagen, was wir tun könnten, um dem entgegenzuwirken."

"Der Sonne und dem Tod kann man nicht fest in die Augen sehen", sagt La Rochefoucauld. Canetti versucht es trotzdem. Sein monumentales Anti-Todes-Buch enthält aber auch Notizen, die ausschließlich auf der Ebene des höheren Tratschs ihren Reiz entfalten. 1970, nachdem er den späteren Nobelpreisträger Thomas Bernhard auf einem von dessen Vierkantbauernhöfen in Oberösterreich besucht hat, 1970 notiert Canetti:

"Ich glaube, ich mag B. nicht. Er wünscht allen den Tod."

Womit Canetti vermutlich recht hatte. Und 1991, als Max Frisch starb, hielt er fest:

"Dass Frisch MIR als Schriftsteller nichts bedeutet hat, überhaupt nichts, war nicht wichtig, denn viele, zu meiner Verwunderung, haben ihn GEBRAUCHT... Wir kannten einander ganz gut und haben uns mehr als ein Dutzend Jahre nicht mehr gesehen. Ich mochte ihn nie sehr... Ich nahm ihn - ganz im Gegensatz zu Dürrenmatt - nie wirklich ernst."

Eindrucksvolles Dokument der Todesfeindschaft

Neben derlei Gemeinheiten gegenüber Kollegen und angeblichen Freunden finden sich dann und wann auch politische Sottisen in Canettis Todeshasser-Buch. 1987 vermerkt der 82-Jährige:

"In London war ich während der Wahlen. Zum dritten Mal wurde das Brechmittel gewählt, die Thatcher. [...] Dickens, der vor 117 Jahren starb, würde sich wieder zuhause fühlen. Dieselben Gesinnungen wie damals, aber ohne Empire. Die Menschen, die sich wohlfühlen, weil es unter ihnen eine Klasse von Ausgestoßenen gibt, Arbeitslose."

Das Schreiben und da vor allem das jahrzehntelange Anschreiben gegen den Tod scheinen in Canettis Alltag den Charakter eines Rituals gewonnen zu haben, eines Abwehrzaubers gegen die bezwingende Macht des Todes, die ja vor allem auch eine Macht den DENKENS an den Tod ist.

Was dieses Buch - ein eindrucksvolles Dokument der Todesfeindschaft - am wenigsten bietet, ist Trost. Man muss nicht Canetti heißen, um festzustellen: Der Tod, das unumstößliche Faktum, dass wir und die, die wir lieben, eines Tages sterben müssen, ist und bleibt ein Skandalon. Dieses Skandalon beim Namen genannt und auf sisyphoshafte, also ergebnislose Weise bekämpft zu haben, ist kein geringes Verdienst. Wenngleich: Ein Schuss Absurdität haftet Canettis tragikomischem Infight mit dem Tod dann doch auch wieder an. Was bringt schließlich ein Kampf, so fragt man sich, dessen Ausgang von Anbeginn an feststeht?

Elias Canetti: "Das Buch gegen den Tod"
Hanser-Verlag, München, 352 Seiten, EUR 24,90

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