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StartseiteCampus & KarriereEliteforscher: Die britische Gesellschaft hat sich sehr verändert10.08.2011

Eliteforscher: Die britische Gesellschaft hat sich sehr verändert

Ursachen für die Jugendkrawalle in Großbritannien

Michael Hartmann, Elitenforscher an der TU Darmstadt, sieht in der Jugendgewalt in Großbritannien keine Parallele zu Ländern der EU-Finanzkrise. Die britischen Jugendlichen hätten keinen Schulabschluss, lebten häufig von Sozialhilfe und stehen der Gesellschaft generell feindlich gegenüber.

Michael Hartmann im Gespräch mit Manfred Götzke

Professor Michael Hartmann, TU Darmstadt (Campus-Verlag)
Professor Michael Hartmann, TU Darmstadt (Campus-Verlag)

Manfred Götzke: Es ist ein Kriegsgebiet! Unglaublich sagt ein Modeladenbesitzer aus Manchester, dessen Laden brennt - von Krawalljugendlichen angezündet. Was Nacht für Nacht in London, Birmingham und Manchester abläuft, das sieht manchmal wirklich schon nach Bürgerkrieg aus: Jugendliche plündern Handyshops, zünden Autos und Häuser an und attackieren Polizisten mit Spitzhacken. Warum nur tun sie das alles? Darüber möchte ich jetzt mit dem Elitenforscher Michael Hartmann von der TU Darmstadt sprechen. Guten Tag, Herr Hartmann!

Michael Hartmann: Guten Tag!

Götzke: Herr Hartmann, haben die Jugendlichen, die in Großbritannien auf die Straße gehen, einfach nichts mehr zu verlieren?

Hartmann: Ich glaube, die haben nichts mehr zu verlieren. In Großbritannien kommen drei Faktoren zusammen. Zum einen eine extreme Perspektivlosigkeit, weil Großbritannien nun schon seit längerer Zeit eine hohe Jugendarbeitslosigkeit hat - und in den Bezirken, in denen jetzt die Unruhen ausgebrochen sind, fehlende Bildungs- wie Berufsperspektiven für mindestens zwei Generationen inzwischen. Dazu kommt, dass die Regierung Cameron mit ihren extrem drakonischen Sparmaßnahmen vor allen Dingen im sozialen und Bildungsbereich - an den Hochschulen werden ja 80 Prozent des Etats für die Lehre innerhalb von vier Jahren gestrichen und es werden jede Menge Jugendzentren und sonstige Sozialeinrichtungen, Sozialarbeiter - es wird alles zusammengestrichen -, dass die Lage extrem verschärft; und dann kommt etwas dazu in Großbritannien, was seit den 80ern zu beobachten ist: Bis in die 70er hinein galt Großbritannien als eine Gesellschaft, die sehr diszipliniert war. Das heißt, man stellte sich in die Schlange, man drängelte nicht, die Polizisten waren stolz drauf, unbewaffnet zu sein - und dann kam mit Thatcher eine Wende, die man sozusagen ausdrücken kann, Thatcher hat den Spruch geprägt: Es gibt nichts wie eine Gesellschaft, sondern es gibt nur Individuen, das heißt, jeder muss selber sehen, wo er bleibt. Und so etwas hat die britische Gesellschaft bewusstseinsmäßig in den letzten Jahren auch gravierend verändert. Und wenn man das jetzt überträgt auf die Jugendlichen - Sie haben keine Chance, jeder muss sehen, wo er bleibt, dann guckt er eben in so einer Situation, dann wird geplündert, dann wird der Wut freier Lauf gelassen --, das ist ein Ausdruck solcher Entwicklungen, die sich über lange Jahre anbahnen und dann durch Sparmaßnahmen noch mal extrem verschärft worden sind.

Götzke: Die Gesellschaft ist also verroht, sagen Sie?

Hartmann: Die Gesellschaft in Großbritannien hat sich grundsätzlich verändert von einer sehr disziplinierten - es gab eben die Upper Class und die Working Class mit ihren jeweils eigenen Regeln. Wenn man sich Kriminalfilme aus den 60ern anguckt, selbst die Kriminellen hatten Regeln, an die man sich hielt! Das ...

Götzke: Der ehrbare Gentleman-Dieb!

Hartmann: Ja, nicht der Ehrbare, die meine ich jetzt nicht, die Bankräuber. Die Anderen, also dass zum Beispiel Frauen außen vorgelassen wurden. Es gab einfach so Regeln in einem Regelwerk, was verbindlich war, und das gilt nicht mehr, sondern heute muss jeder sehen, wo er bleibt, und das gilt ja nun schon seit drei Jahrzehnten, und das prägt einfach querbeet. Und wenn man dann keine Perspektiven hat, gut, dann nimmt man halt die Gelegenheit war, und dass es so explosionsartig ist, das hat einfach damit zu tun, dass irgendwann - das kann man nie sagen, das hätte auch erst in einem Jahr passieren können oder vor drei Monaten -, dass es dann mal knallt. Der Unterschied ist, zum Beispiel zu den Protesten, die die Studierenden vor einem halben Jahr gemacht haben, es gibt ja auch keine Verbindung dazwischen. Dieses sind aufstandsähnliche Unruhen, die aufflackern, und die werden dann nach einer gewissen Zeit in sich zusammenfallen, weil sie perspektivlos sind, weil ja nur Wut, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit sich ausdrückt. Und solange es keine Verbindung zu eher politisch motivierten Bewegungen gibt, hat es auch keine Zukunft, sondern es flackert auf und bricht wieder in sich zusammen wie in den Banlieues [Anmerkung der Redaktion: Vororte] um Paris, wo man das schon seit 15 Jahren beobachten kann.

Götzke: Ohne einen konkreten Grund?

Hartmann: Ja, es gibt immer einen Anlass. Der Anlass ist meistens derselbe: Die Polizei erschießt jemanden. Das war in den Banlieues so, das ist jetzt hier so. Man hat das Gefühl, die Polizei als Repräsentant des Staates missachtet einfach Leute, die so sind wie wir, nämlich von unten kommend, die keine Bildung haben, vielleicht die falsche Hautfarbe - und dann reicht es aus, irgend so ein Ereignis, dass das Ganze dann sich entflammt, aber es fällt eben wieder in sich zusammen. Das ist auch der Unterschied zu den Protesten in Spanien, die ja sehr viel politisch motivierter waren, und die auch von anderen Gruppen der Bevölkerung im Kern getragen wurden. In Spanien waren es frustrierte Hochschulabsolventen oder Studierende, die keine Perspektive sehen. Aber es ist ein Unterschied, ob jemand studiert hat und dann keinen Job kriegt. Der sieht immer noch irgendwo eher eine Perspektive als ein Jugendlicher, der keinen Schulabschluss hat, der in der zweiten oder dritten Generation von Sozialhilfe lebt, der in einem Ghetto wie in London in bestimmten Stadtteilen wohnt. Für den ist die Gesellschaft etwas, was ihm feindlich gegenübersteht, warum soll er da Rücksicht nehmen?

Götzke: Sie haben gerade schon die Kürzung angesprochen. Was läuft noch falsch in der britischen Bildungspolitik?

Hartmann: In der Bildungspolitik gibt es eine extreme Auseinanderentwicklung. Es gibt auf schulischer Ebene dieses Marktmodell, was bedeutet, die Schulen konkurrieren gegeneinander. Und die Konsequenz ist eben, dass alle Schulen versuchen, möglichst die Schüler zu bekommen, die aus ruhigen familiären Verhältnissen kommen, die wenig Ärger machen, und dann bildet sich innerhalb der Schullandschaft auch das Gute und das Böse heraus. Das heißt, es gibt die, die völlig abgehängt sind, wo man überhaupt keine Chancen hat, und die, wo sich halt die besseren Schüler aus den besseren Kreisen sammeln. Dazu kommt dann noch das britische Privatschulsystem, was extrem teuer ist, also Schulen wie Eton, die kosten über 30.000 Euro, das ist ein Bruttojahreseinkommen, ein Durchschnittseinkommen in Großbritannien, das ist dann eben für die Upper Class wieder, für die obere Mittelschicht, reserviert. Das heißt, im britischen Bildungssystem gibt es eine extreme Spaltung zwischen oben und unten, und das verschärft natürlich das Gefühl, dass man keine Chance hat!

Götzke: Sagt Michael Hartmann, Elitenforscher an der TU Darmstadt. Herzlichen Dank, Herr Hartmann!

Hartmann: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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