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StartseiteWissenschaft im BrennpunktEmbryonale Stammzellen abseits der Therapie06.05.2007

Embryonale Stammzellen abseits der Therapie

Defekte Nervennetze flicken, Herzgewebe verjüngen, Muskeln aufbauen - die embryonalen Stammzellen faszinieren, weil sie vielleicht einmal als universales Reparaturmaterial für den alternden Körper eingesetzt werden können. Doch das sind Zukunftsträume. Ob sie sich je werden realisieren lassen ist noch völlig offen. Doch schon bald werden die embryonalen Stammzellen ihren Beitrag für die Gesundheit leisten - nicht in der Klink, sondern im Labor.

Von Volkart Wildermuth

Medikamentproduktion (AP)
Medikamentproduktion (AP)

"Darf während der Schwangerschaft nur nach strenger Abwägung von Nutzen und Risiko verordnet werden, da bislang keine Erfahrungen am Menschen vorliegen". Diese oder ähnliche Formulierungen finden sich auf vielen Beipackzetteln von Medikamenten. Seit dem Contergan Skandal sind Arzneimittelhersteller vorsichtig, im Zweifelsfall warnen sie lieber. Die Kehrseite: Schwangeren stehen kaum geprüfte Medikamente zur Verfügung. Tierversuche helfen hier nur bedingt weiter. Contergan schädigt weder bei Ratten noch bei Mäusen die Nachkommen, gerade die frühe Entwicklung geht bei jeder Tierart und eben auch beim Menschen eigene Wege.

" Hier wäre es ein gewaltiger Schritt nach vorne, wenn man ein menschliches Modell zur Verfügung hätte, das würde sicherlich sehr viele Missbildungen verhindern. Wir wissen einfach von den meisten chemischen Substanzen nicht, ob sie in irgendeiner Weise embryonal Schädigungen hervorrufen. "

Meint Dr. Thomas Hartung, Leiter des Europäischen Zentrums für die Validierung von Alternativmethoden zu Tierversuchen im Italienischen Ispra. Die EU schreibt in ihrer Reach-Verordnung vor, dass in den nächsten Jahren mehrere zehntausend Chemikalien auf ihre Giftigkeit überprüft werden sollen. Um die Wirkung auf den Embryo wenigsten grob abzuschätzen, ist vorgeschrieben, die Stoffe an wenigstens zwei Tierarten und sehr vielen Tieren zu testen. Experimente mit menschlichen embryonalen Stammzellen könnten hier eine Alternative bieten.

" Was wir ablaufen lassen, ist im Prinzip die frühe Differenzeirung von embryonalen Stammzellen, die ersten Organbildungen bis hin zur Entwicklung von Herzzellen, das ist das erste Organ das sich bildet, das sich nachweisen lässt, weil man auch das spontane Schlagen dieser Herzzellen beobachten kann und das kann man dann verwenden um schädigende Wirkungen von Substanzen wie Contergan und ähnlichem auf die Organentwicklung zu studieren."

Während Stammzelltherapien noch Jahrzehnte entfernt sind, sollen diese Testmethoden schon nächsten Jahr einsatzbereit sein. An der Entwicklung ist auch die Firma ProteoSys aus Mainz beteiligt. Sie hat dafür ganz offiziell die Genehmigung des Robert Koch Institutes. Ob ProteoSys mit dem Test aber Geld verdienen kann, ist noch völlig offen. Das Stammzellgesetzt erlaubt nur die Forschung mit den menschlichen ES-Zelllinien, ihre kommerzielle Nutzung ist verboten. ProteoSys hofft auf eine Gesetzesänderung, doch die meisten anderen Unternehmen sind da wenig optimistisch und arbeiten deshalb erst gar nicht mit diesen Zellen. Dabei bieten die embryonalen Zellen auch große Chancen für die Pharmaforschung, betont Thomas Hartung.

" Wir haben das große Problem heute, dass man im Labor heute nur sehr beschränkt menschliches Zellmaterial zur Verfügung hat, das zum Beispiel aus Operationen gewonnen wird. Die Hoffnung besteht also, dass man mit Stammzellen im Prinzip beliebige Gewebe des Menschen generieren kann."

Das Schweizer Unternehmen Novartis untersucht zum Beispiel Entwicklungssignale, die embryonalen Stammzellen in Herz- und Nervenzellen umwandeln, um so neue Ansatzpunkte für Medikamente zu entdecken. Auch in den USA und Asien setzen Pharmafirmen auf die menschlichen ES-Zellen. Ob sich dieses Engagement auszahlt, kann derzeit niemand sagen. So oder so werden Deutsche Unternehmen in jedem Fall nicht von den menschlichen embryonalen Stammzelllinien profitieren.

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