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StartseiteAus Religion und GesellschaftEin Gedanke muss ätzen wie ein Gifttropfen23.11.2016

Emil CioranEin Gedanke muss ätzen wie ein Gifttropfen

Er gilt vielen als der bedeutendste Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts: der rumänische Philosoph und Schriftsteller Emil Cioran. Geplagt von extremer Schlaflosigkeit, korrespondieren seine seelischen und körperlichen Qualen mit seinem dunklen Weltbild. Er war ein Nihilist und gleichzeitig ein verzweifelter Gottsucher.

Von Burkhard Reinartz

Portrait of Emil Cioran, le 1 fevrier 1977 !AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright: SophiexBassouls/Leemage SB_003748_7004 Portrait of Emil Le 1 Fevrier 1977 date estimated PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright SophiexBassouls Leemage SB_003748_7004 (imago stock&people / Foto: Sophie Bassouls)
Die Essays und Aphorismen Emil Ciorans lesen sich als Ausdruck eines zutiefst unglücklichen Bewusstseins (imago stock&people / Foto: Sophie Bassouls)
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Geheimtipp Cioran

Quartier Latin. Place de L'Odeon. Es ist Nacht in Paris. Eine heruntergekommene Mansardenwohnung. Keine Heizung, keine Bibliothek, ein Bücherchaos - gestapelt zum "Scheiterhaufen". Kein Schreibtisch. In der Mitte der Wohnung ein Küchentisch. Darauf etliche Bücher - darunter aufgeschlagen die indische Bhagavat-Gita und ein Hammer. Symbol einer Haltung, die im Anschluss an Friedrich Nietzsche alle falschen Wahrheiten zertrümmern will. Emil Cioran notiert in sein Notizbuch:

"Heute habe ich über die Gita meditiert und nachts ein Bistro aufgesucht, um dort den modischen Gassenhauer zu hören, den ich so gerne habe, 'Those were the days' von Mary Hopkins."

"Es gibt für ihn keine Erlösung durch Reflexion und das verstärkt sich naturgemäß für jemanden wie Cioran, der unter dem 'Terror der weißen Nächte' gelitten hat. Ein durchgehender Punkt seiner Biografie sind die schlaflosen Nächte, wo er anfängt, herum zu streunen," sagt Joachim Hake, Theologe und Direktor der Katholischen Akademie Berlin.

"Nur eines zählt: ein Verlierer zu sein"

"Was ist eine einzige Kreuzigung verglichen mit jener täglichen, die der Schlaflose erleidet? Ich strich aus meinem Wörterbuch Wort für Wort. Nach dem Massaker überlebte nur eins: Einsamkeit.
Wer zum Geistigen strebt, wird das Scheitern höher stellen als jeden Erfolg. Denn das wesentliche Scheitern enthüllt uns selber, gestattet uns, uns zu sehen, wie Gott uns sieht, während der Erfolg uns von dem entfernt, was in uns und in allem am innerlichsten ist.
Nur eines zählt: ein Verlierer zu sein."

Die Essays und Aphorismen Emil Ciorans lesen sich als Ausdruck eines zutiefst unglücklichen Bewusstseins. Das gesamte Leben ist für ihn angesichts der unvermeidlichen Endlichkeit, den Phasen von Angst, Trauer und Schmerz eine Zumutung - wobei er seine eigene Befindlichkeit zum Ausgangspunkt seiner Meditationen über die Conditio Humana macht.

Auch Buddha Gautama lehrte schon vor 2.500 Jahren: "Leben ist Leiden", doch sah dieser einen Ausweg aus dem Elend. Für Emil Cioran gibt es keine Erlösung. Vielleicht reibt er sich gerade deshalb in seinen Schriften an christlichen Erlösungsvorstellungen, an der Frage der Existenz Gottes. In Abgrenzung von Jean-Paul Sartre spricht er in einem Interview sogar von einer "religiösen Dimension" seines Werkes.

"Ich fühlte zwar eine religiöse Unruhe, ein Gären in mir, doch ich wusste genau, dass ich den Glauben nicht besaß und dass ich ihn nie besitzen würde. Zu glauben ist im Grunde eine Gabe. Man kann nicht glauben wollen. Das wäre lächerlich."

Philosophie - "mit Wortgepränge Notrufe tarnen"

"Alles Ideologische, alles Programmtische, vor allem alles Aufklärerisch-Optimistische ist ihm wesensfremd. Die Negativität der Müdigkeit ist für ihn angesichts der schlaflosen Nächte eine Verheißung. Er wäre gerne müde, aber er ist es eben nicht. Und er versucht sich durch Nachdenken zu erschöpfen und dadurch an den Punkt zu kommen, wo ihm das einleuchtet, was er sucht, aber nicht finden kann: eine Fülle des Seins, einen Gott, an den er nicht glaubt."

Ins Zentrum seiner Weltanschauung rückt Cioran die radikale Subjektivität, das persönliche Leben und Leiden des einzelnen Menschen. Und kritisiert die Modelle der abstrakten Philosophie als Versuche, die Lebensnöte der Existenz zu verschleiern. Damit erweist er sich schon früh als Vertreter einer praktischen Lebensphilosophie.

Der Philosoph Immanuel Kant ("Kritik der reinen Vernunft") in einer zeitgenössischen Darstellung. Er wurde am 22. April 1724 in Königsberg geboren und starb ebenda am 12. Februar 1804. (picture alliance / dpa / Foto: Diener)"Wo hat Kant seine Trauer zum Ausdruck gebracht?" (picture alliance / dpa / Foto: Diener)

"Philosophie: sich hinter mehr oder weniger objektiven Wahrheiten verbergen, Nöte verbreiten, die einen scheinbar nichts angehen, unpersönliche Ängste kultivieren, mit Wortgepränge Notrufe tarnen. Die Philosophie? Ein anonymer Schrei.
Wo hat Kant in den 'Kritiken der Vernunft' seine Trauer zum Ausdruck gebracht?"

"Ciorans Kritik an der systematischen Philosophie, vor allem am deutschen Idealismus, hängt wesentlich damit zusammen, dass die systematische Philosophie den Menschen vom Leben entfernt. Und diesem Leben - da gibt es die treffendste Beschreibung von Cioran, wie ich finde - kommt er nahe, wenn er sagt: ich bin ein Sekretär meiner Empfindungen."

"Ich betrachte alles, was ich geschrieben habe nicht als Theorie, sondern als Kur für mich selbst."

Meditieren und Denken - "unvereinbare Tätigkeiten"

Cioran will jede Empfindung, jede kleinste Regung wahrnehmen und untersuchen. Nicht indem er sie in systematische Begrifflichkeiten presst. Er wählt einen anderen Erkenntnismodus. Den der "schweifenden Meditation".

"Meditieren heißt, in einer Idee aufgehen und sich darin verlieren. Während Denken heißt, von einer Idee zur anderen hupfen, sich in Quantität tummeln, Nichtigkeiten anhäufen, Begriff auf Begriff verfolgen. Meditieren und Denken, das sind zwei divergierende, unvereinbare Tätigkeiten."

Emil Cioran wird am 8. April 1911 in einer kleinen Ortschaft südlich von Hermannstadt geboren - im ungarischen Teil der Habsburgermonarchie. Die Region wird 1918 als Folge des ersten Weltkrieges zu Rumänien kommen. Sein Vater Emilian ist orthodoxer Geistlicher. Von seiner Mutter Elvira erbt er einen "starken Hang zur Melancholie". Bereits mit fünfzehn liest er Nietzsche, Balzac, Tagore, Schopenhauer, Lichtenberg und Dostojewski. Mit siebzehn beginnt die quälende chronische Schlaflosigkeit.

"Ich werde wach bleiben bis ans Ende meiner Tage. Dort wird man mich erwarten und Rechenschaft verlangen über meine nichtgeträumten Träume. Keine Idee kann Trost sein im Dunkel, kein System und keine Gewissheit hält den durchwachten Nächten stand. Es gibt Seelen, die krank sind durch Nächte, von denen sie niemals genesen werden."

"Auf den Gipfeln der Verzweiflung"

Mit siebzehn Jahren studiert Cioran in Bukarest Philosophie. In dieser Zeit beginnt eine unrühmliche Episode in seinem Leben: die vorübergehende Begeisterung für eine christlich-orthodox gefärbte rumänische Variante des Faschismus, die eiserne Garde. Ein Stipendium der Humboldtstiftung ermöglicht ihm Studien in Berlin, Dresden und München - 1933, nach dem Philosophie-Examen. Erst später - Kritiker sagen: viel zu spät - wird er sich vom Faschismus distanzieren.

Reiterstandbild von König Carol I. von Rumänien vor der Zentralen Universitätsbibliothek in Bukarest (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Ciorans vorübergehende Begeisterung für eine christlich-orthodox gefärbte rumänische Variante des Faschismus, die eiserne Garde (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

1934 erscheint "Auf den Gipfeln der Verzweiflung". Das Buch des 23jährigen enthält bereits alle seine großen Lebensthemen. Von der Kritik wird es begeistert aufgenommen. Auffällig: der für ihn typische Stil der losen Essay-Sammlung und geschliffener, poetischer Aphorismen:

"Der wahre Kontakt zwischen zwei Menschen stellt sich nur durch die stumme Gegenwart her, durch den Anschein einer Nicht-Kommunikation, durch jenen geheimnisvollen Austausch, der einem inneren Gebet entspricht."

"Der untätigste Mensch in Paris"

1937 erhält Cioran ein Stipendium des französischen Instituts in Bukarest und zieht nach Paris, wo er sich mit Samuel Beckett sowie den Exil-Rumänen Paul Celan und Mircea Eliade anfreundet. Cioran wechselt die Sprache seiner Schriften. 1949 erscheint "Die Lehre von Zerfall" - auf Französisch. Er erhält den Prix Rivarol und wird als Philosoph des Absurden und des Nichts gefeiert, als Philosoph, der die Krise der Epoche auf den Punkt bringt. In dem Buch geißelt Cioran auch - wohl nicht zufällig angesichts der eigenen Verfehlungen - die "Kapitalsünden des Fanatismus, der Intoleranz und des Terrors der Propheten". Und empfiehlt provokativ die Tugenden des Müßiggangs, der Faulheit und der Skepsis. Menschen, die solche "Werte" leben, seien die "wahren Wohltäter der Menschheit", weil sie den Wahn des fanatischen Bescheid Wissens unterliefen.

"Meistens tue ich überhaupt nichts. Ich bin der untätigste Mensch in Paris. Nur eine Hure ohne Kunden ist untätiger als ich."

Hassliebe mit dem Christentum

Sein Leben lang ringt Emil Cioran in einer Art Hassliebe mit dem Christentum.

"Die Aussagen zum Christentum bei Cioran sind höchst zweideutig. Da spricht eine erhebliche Verachtung des Christentums, des christlichen Monotheismus, seiner Heilsgeschichte, der Kreuzestheologie Jesu, die da nur interpretiert wird auf den Punkt, das Ressentiment in die Weltgeschichte eingetragen zu haben."
(Joachim Hake, Theologe und Direktor der Katholischen Akademie Berlin)

"Die Theologie ist eine Verneinung Gottes. Welch eine abgeschmackte Idee, Argumente zu suchen, um seine Existenz zu beweisen! All diese Abhandlungen sind keinen einzigen Seufzer der Heiligen Teresa wert.
Seitdem die Theologie existiert, hat niemand eine Gewissheit erlangt, denn die Theologie ist die atheistische Version des Glaubens. Wahrscheinlich hat das Christentum uns beigebracht, den Blick zu senken. Gott hat alle unsere Minderwertigkeitsprobleme ausgeschlachtet. Wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre, hätte das Christentum nicht triumphiert.
Seit zweitausend Jahren rächt sich Jesus an uns dafür, dass er nicht auf einem Sofa gestorben ist."

Auf dem Fluegelaltar der Kirchenburg von Prejmer (Tartlau) in Siebenbuergen in Rumaenien ist das Karfreitag- und Ostergeschehen in vier Bildern dargestellt (Kreuzabnahme, Grablegung, Auferstehung, Die Frauen am leeren Grab), aufgenommen am 01.10.2011. Das Bild zeigt die Grablegung von Jesus nach der Abnahme vom Kreuz. Das Gelaeut der Kirche besteht aus vier Glocken. Drei der Glocken sind von der Glockengiesserei F. Schilling und Soehne aus Apolda in Thueringen gegossen worden, die vierte Glocke von einem unbekannten Meister. Im Turm lagert noch eine Bronzeglocke aus dem Jahre 1471 mit der aeltesten Inschrift des Burzenlandes, d.h. eine Glocke aus vorreformatorischen Zeiten. Die Kirchenburg von Prejmer (Tartlau) wurde als Schutz und zu Verteidigungszwecken gebaut, in denen die Einwohner des Ortes bei kriegerischen Einfällen der Tuerken und Tataren Schutz suchten. An der Innenseite der Mauer der Kirchenburg befinden sich, bis zu vier Geschossen hoch, etwa 250 Gaden (Wohn- und Vorratskammern), die ueber Holztreppen zu erreichen sind. Zu jedem Bauernhof von Tartlau gehoerte eine solche Kammer. Hier waren Vorraete eingelagert und hier wohnte man waehrend der Belagerung. Der Ort Tartlau wurde das erste Mal im Jahre 1240 erwaehnt. Foto: Rainer Oettel | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild / Foto: Rainer Oettel )"Seit zweitausend Jahren rächt sich Jesus an uns dafür, dass er nicht auf einem Sofa gestorben ist." (dpa-Zentralbild / Foto: Rainer Oettel )

"Das sind Aussagen, die einen erschüttern, zumal in meiner Person, da ich ja selbst bekennender Christ bin. Es gibt aber auch zahlreiche Äußerungen von Cioran, die von einer großen Hochschätzung gerade der Heiligen sprechen. Teresa von Avila, Meister Eckart, Johannes vom Kreuz und viele andere mehr. Es gibt Äußerungen, wo er schreibt, dass die Christen den Nächsten aus der Nähe lieben können, das neidet er ihnen."

Christliche Mystiker als Seelenverwandte

Seit Leben lang faszinieren Cioran die christlichen Mystiker. Er sieht in ihnen insofern Seelenverwandte, als sie voller Leidenschaft die persönliche Erfahrung in den Mittelpunkt stellen.

"Der Mystiker erlebt seine Ekstasen niemals in den Grenzen einer Definition: nicht den Forderungen des Denkens sucht er gerecht zu werden, sondern denen seiner Erlebnisse, weil sie ihn mit Gott in Berührung bringen.
Die Mystiker kämpften für ihren Glauben, traten Gott im kühnen Angriff gegenüber, ergriffen vom Himmel Besitz. Es konnte ihnen nichts Schlimmeres zustoßen als in die Hände der Priester zu fallen. Gott werden, sich in den Abgrund der eigenen Klarheit stürzen, dazu gehört mehr Tollkühnheit als zu allen anderen Handlungen. Die Ekstase ist der Grenzwert des Erlebens. Sie vollendet sich im Einsturz des Bewusstseins."

"Er bleibt immer ganz nah an den Erschütterungen seiner verzweifelten Existenz und schaut bewundernd, neidvoll auf die Heiligen und er sucht ihre Nähe."

"Ach, könnten wir dem Beispiel der Mystiker folgen, alle Gewissheiten überspringen. Ach könnten wir wie sie in göttlich blendendem Selbstbetrug ins Nichts zurückführen."

In einem Interview erzählt Cioran, dass er selber mindestens einmal eine mystische Erfahrung erlebt habe. Es geschah auf einer seiner nächtlichen Touren durch Paris.

"Er ist wieder schlaflos und irrt umher und gepeinigt von seinen vielen Gedanken, die er nicht los wird, macht er die Erfahrung einer großen Ergriffenheit, einer 'leeren Überfülle', des Zur Ruhe Kommens seiner Leidenschaften. An anderer Stelle in einem Interview sagt er, er musste sich in diesem Moment die Faust in den Mund stecken, weil das so überwältigend war. Insofern: er kennt die Erfahrung der Mystik und er wartet auf sie. Die ihm aber nicht das bedeutet, was Gnade im christlichen Glauben bedeutet."

Im Gegensatz zu den Mystikern duldet Ciorans cholerisches Temperament niemanden über sich. Schon gar keinen Gott.

"Diese Wutanfälle, dieses Bedürfnis zu explodieren, jemandem in die Fresse zu schlagen – wie soll man dem Herr werden? Man braucht auf der Stelle einen kleinen Gang über den Friedhof oder besser noch, einen endgültigen."

Fasziniert vom Nichts

Von früher Jugend an studiert Cioran die religiösen Traditionen Asiens und den tief greifenden Unterschied von östlicher und westlicher Kultur.

Portrait of Emil Cioran le 13 mars 1986 !AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright: SophiexBassouls/Leemage SB_000134_6802 Portrait of Emil Le 13 Mars 1986 date estimated PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright SophiexBassouls Leemage SB_000134_6802 (imago stock&people / Foto: Sophie Bassouls)Emil Cioran - 1986 (imago stock&people / Foto: Sophie Bassouls)

"Wir alle sind in gewisser Weise Rasende, die den Schlüssel zur Seelenruhe verloren haben. Indem die moderne westliche Philosophie das Ich als Fetisch aufgeblasen hat, macht sie daraus die Sprungfeder unserer Dramen und den Drehpunkt unserer Ängste. Ich bin von der indischen Philosophie gefesselt, denn alles, was ich tue, was ich denke, sind nur Ich und Widrigkeiten des Ichs."

Neben der Auslöschung des Ichs fasziniert Cioran, wie positiv der Buddhismus die Begriffe Nichts und Leere versteht. Und sieht darin einen Beleg für die ihm so wichtige Parallele von Mystik und Skepsis:

"Für den Buddhismus, für den Orient überhaupt, hat das Nichts keinesfalls die düstere Bedeutung, die wir ihm beimessen. Es geht in eine Grenzerfahrung von Licht über - oder wenn man so will - in einen Zustand strahlender Leere."

"Die Leere bedeutet für Cioran nicht einfach nur das Nichts, sondern ein Nichts, das Fülle bedeutet, aber nicht eine Fülle der Positivität, wie sie uns die Welt vorträgt, sondern dieses Nichts hat einen Charakter von Erlösung, wobei man jetzt bei diesem Wort alles fern halten muss, was wir normalerweise christlicherseits darunter verstehen, sondern es ist irgendetwas, was ihn geborgen sein lässt, was ihn an das Ende der Leidenschaften führt."

Musik und Gott

Leider könne der westliche Mensch diesen Vorschlägen nicht folgen, beklagt Emil Cioran. Trotz der damit verbundenen unstillbaren Nöte bleibt er dem westlichen Weltbild des zerrissenen Menschen treu. Das Lächeln Buddhas würde "unseren Gesichtern kein Licht spenden."

"Wenn Buddha sagt: man muss sich von seinen Begierden lossagen, über das Ich triumphieren, kann ich das nicht. Ich bin gefangen in meinen Widersprüchen und meinem Temperament. Wir sind zum Selbst gedrängt, zum Gift des Ich. Wir, die Schlemmer des Schmerzes, wer von uns würde zögern, wenn er zu wählen hätte zwischen der Predigt von Benares und Baudelaires Vers: Ich bin die Wunde und der Dolch."

"Immer wieder im Werk von Cioran ist die Rede davon, dass die Musik ein Phänomen ist, das frei ist von Skepsis. So sehr Cioran die Gottesbeweise verachtet, so sehr ist er überzeugt, dass in der Musik eine Nähe zu Gott möglich ist, die an keinem anderen Punkt möglich ist."

"Wenn man bedenkt, dass so viele Philosophen und Theologen Tage und Nächte damit verloren haben, nach Gottesbeweisen zu suchen, und den eigentlichen verloren haben. Nach einem Oratorium, einer Kantate oder einer Passion muss er existieren. Sonst wäre das ganze Werk des Kantors nur eine herzzerreißende Illusion."

"Der Schlüssel zu Bachs Musik: das Verlangen nach Flucht aus der Zeit. Wenn wir mit Bach die Sehnsucht nach dem Paradies fühlen, so sind wir mit Mozart darin. Diese Musik ist paradiesisch. Ihre Harmonien sind Lichttanz im Ewigen."

"Musik ist die endgültige Emanation des Universums wie Gott die äußerste Emanation der Musik ist."

Am Ende: das Schweigen

"Cioran fasziniert mich, dass er eine große religiöse Sehnsucht hat, aber zu jenen gehört, die die Erfahrung der Gnade des Glaubens nicht haben machen können. Er ist ein Verzweifelter, ein Verworfener und auch wenn mich sein Dualismus als Christ nicht überzeugt, kenne ich kaum jemand, der so ernsthaft, der Sekretär der Empfindungen gewesen ist, der religiösen wie der areligiösen."

Emil Cioran, den manche für den bedeutendsten Kulturkritiker des zwanzigsten Jahrhunderts halten, stirbt am 20. Juni 1995 in Paris. Einige Jahre vorher verleiht ihm die Académie française ihre höchstdotierte Auszeichnung, den Prix Morand - den er wie alle Ehrungen seit den 50er Jahren ablehnt.

"Wiederholte Übermüdung lässt mich das Schweigen grenzenlos schätzen. Alle Begriffe verdünnen sich, alle Ausdrücke werden gedämpft, alles. Dann erscheint es dir sinnlos, eine bestimmte Haltung einzunehmen oder jemanden zu beeindrucken. Nachdem du dich wie ein Wahnsinniger geplagt, alle Probleme zu lösen, dich auf die Höhen gequält hast und schließlich die allerhöchsten Antworten geben wolltest, entdeckst du am Ende im Schweigen die einzige Wirklichkeit.
Wer nicht im Schweigen endet, hat nicht alles gesehen."

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