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StartseiteBüchermarktEmotionen. Eine Philosophie der Gefühle21.02.2002

Emotionen. Eine Philosophie der Gefühle

Aus dem Englischen von Dietmar Zimmer

Angst, Hass, Zorn, Ekel, Neid; Liebe, Freude oder Hoffnung damit reagieren wir auf die Ereignisse in der Welt. Das ewige Spiel: Aktion-Reaktion zwischen uns und den Außen- oder Innenwelten ist der Motor menschlicher Entwicklung. Die Erforschung der Emotionen, die für die meisten einen oft unterschätzten, geheimnisvollen Bereich unserer Seele darstellen, ist seit eh und je eine wahre Herausforderung für Philosophen, Psychologen, Psychiater und Kaffeekränzchen. Ob in der Bibel , bei Aischylos , Flaubert, Tolstoi, Gebrüder Mann oder bei Konsalik: Die zu Sprache destillierten Gefühlen befriedigen unser höheres Interesse an Selbsterkenntnis. Und zweifelsohne fällt diese Aufgabe den Künstler viel leichter als den Wissenschaftlern. Weil wenn die ersten Emotionen beschreiben, versuchen die letzteren herauszufinden, wie sie entstehen und woraus sie entstehen. Wo die ersten synthetisieren, analysieren die letztere hauptsächlich.

Joanna Wiorkiewicz

Das neuste Beispiel einer atemberaubenden Analyse ist das Werk von Richard Wollheim, einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, das schlicht "Emotionen" heißt. Das Buch von Wohlheim unterscheidet sich damit von bisherigen bekannten Werken zu diesem Thema, da es die im vorigen Jahrhundert mit Vorliebe von Wissenschaftlern betriebene Rationalisierung der Emotionen strickt ablehnt. In dem Untertitel: " Eine Philosophie der Gefühle" präzisiert der Autor seine Absichten, dem Leser ein seriöses Handbuch anzubieten, und er hält Wort. Anhand von Beispielen von Literatur und Kunst begründet er, warum unsere Emotionen ein eigenständiges psychologisches Phänomen bilden, weshalb sich "gewöhnliche" von moralischen Emotionen unterscheiden und wie sie, als grundlegende psychische Kräfte uns plötzlich bewusst werden:

Ein Wunsch bildet sich. Wir werden dadurch für die Welt sensibilisiert. Die Welt erfüllt unseren Wunsch oder erfüllt ihn nicht. Wir spüren den Einfluss der Welt. Wir reagieren auf diesen Einfluss durch die Ausprägung einer Haltung oder Einstellung. Doch diese Haltung, dass müssen wir erkennen, antizipiert eine Reaktion der Welt. Und zu dieser Reaktion haben wir wiederum eine gewisse Vorstellung, wie wir von uns selber erwarten, dass wir darauf reagieren.

Also reagieren wir sozusagen interaktiv, sagt Wollheim. Unsere Reaktionen hängen immer von der Haltung oder Einstellung zu der Welt ab. Darin liegt der Kern der Emotion. Diese Tatsache hat aber mit dem rationellen Wissen nichts gemein. "Einigen könnte ich dogmatisch erscheinen, weil ich eigentlich eine Verbindung zwischen Emotionen und Rationalität ablehne" - sagt der Autor, der sich zugleich als Erbe des Montaigne, Hume und Freud sieht. Mehr noch, sein Buch soll zu der Repsychologisierung des Konzeptes Emotionen beitragen . Zitat:

Emotionen machen unsere Welt bunt und diese Metapher ist dann nützlich, wenn sie uns angibt, was für eine Art von Ding eine Emotion ist. Doch sie ist auch dann sinnvoll, wenn sie uns die inhärente Schwierigkeit zu sehen erlaubt, die mit dem Versuch verbunden ist die Natur der einzelnen Emotionen explizit darzustellen oder zu definieren. Die Aufgabe ist ebenso vielversprechend wie der Versuch, eine Farbe oder die Schattierung einer Farbe explizit darzustellen oder zu definieren.

Richard Wollheim, weltberühmter Theoretiker der Gefühle und Liebhaber der Malerei spielt eigentlich sein eigenes Spiel mit dem Leser. Ein ausgeprägter Schöngeist einer vergangenen Epoche, der sich zur Illustrierung seiner Argumentation auf Werke von Aristoteles, Augustinus, Shakespeare, Rousseau, und Dostojewski beruft, verlangt von seinem Leser absolute Konzentration und Hingabe um seinen Gedanken zu folgen. Sorgfältig strukturiert lassen sich "Emotionen" nur schwerlich ohne Hilfsmittel lesen. Ein Stift und ein Blatt Papier neben den Buch sind wohl nützlich, um sich in den verzweigten Schemata nicht zu verlieren. Trotzdem ist die Lektüre von Professor Wohlheims "Emotionen" nicht nur für andere Berufsgenossen bzw. schriftstellerische Jugend keine leichte Aufgabe. Emotionen sind eben etwas Komplexes tröstet uns der Autor ab und zu, als ob er geahnt hätte, das der treuste Leser schon dabei ist, das Buch weg zu legen. Schließlich ist er derjenige, der den Leser auch zur Verzweiflung bringt . Die wissenschaftliche Vollkasko Methode, sich bei der Formulierung einer These sofort mit zwei Kontra- Thesen zu schützen, wirkt verklemmt. Er schreibt zum Beispiel:

Zu dieser Ansicht der Empfindungen und ihrer Rolle als Hinweisgeber gibt es drei mögliche Einwände. Die ersten beiden kommen aus der Philosophie, der dritte aus der experimentellen Psychologie, und alle drei zusammen scheinen die Problematik ausreichend abzudecken.

Und nach reichlichen Begründung 15 Zeilen später zu dem ersten Einwand

Doch dieser Einwand reflektiert einen verbreiteten Irrtum....

Und 30 Zeilen später zu dem zweiten Einwand......

Diesem Einwand kann man zweifach entgegnen...

Und so weiter, und so fort. Man merkt, dass der Autor weitblickend hinter den Sonnen- auch die Schattenseiten ständig berücksichtigt und damit den Skeptikern und eventuellen Polemikern keine Chance bietet. Aber wird das Buch dadurch anziehend?

Die entschlüsselten Geheimnisse über die Entstehung von Emotionen scheinen keine sichere Erklärungen dafür zu geben, was den Leser ständig verunsichert. Darum geht es auch dem Autor. Nicht in diesem Bereich ist wirklich sicher und die emotionalen Reaktionen können auch unvorhersehbar sein. Wann und wie stark bleibt uns überlassen. Das Descartsche "cogito ergo sum" sollten wir aber durch das " ich fühle, also bin ich" endlich ersetzen. Dem Zeitgeist entsprechend.

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