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StartseiteBüchermarktEmpire17.07.2002

Empire

Campus, 461 S., EUR 34,90

Klagen sind vornehmste Geschäftsgrundlage des Kulturkritikers. Keine Zeit, die nicht ihre Mahner, Propheten, Abweichler hätte, keine Ordnung, zu der sich nicht eine bessere denken ließe. So empörend die Zustände der Gegenwart, so verlockend die Bilder einer besseren Zukunft. Nur: Wieviel Distanz schafft der Kritiker zwischen sich und die Gesellschaft? Befindet er sich an einem Punkt, von dem aus er das Weltgeschehen nicht nur objektiv beobachten, sondern auch zum Besseren kann? Theodor Adorno war skeptisch - und misstraute allen großen Hoffnungen:

Kersten Knipp

Dem Kulturkritiker passt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt. Er redet, als verträte er sei´s ungeschmälerte Natur, sei´s einen höheren geschichtlichen Zustand, und ist doch notwendig vom gleichen Wesen wie das, worüber er erhaben sich dünkt.

Kulturkritik: ein illusionäres Gewerbe? Der Kritiker ist - theoretisch zumindest - zur Ohnmacht verurteilt, diese pessimistische Diagnose stellt auch das Autorengespann Michael Hardt und Antonio Negri. Zu Teilen widerlegt wird sie allerdings schon durch die Biographie Antonio Negris: In den 70er Jahren Vordenker der "Autonomia Operaia", der "Arbeiterautonomie", wurde der Politologe 1979 als angebliches Mitglieder einer terroristischen Vereinigung zu insgesamt 17 Jahren Haft verurteilt, konnte aber nach vier Jahren nach Frankreich fliehen. Nach seiner freiwilligen Rückkehr nach Italien 1997 verbüßte er den Rest seiner Strafe in Form eines gelockerten Hausarrests. Um so höher waren vor Erscheinen des Buches die Erwartungen, welche theoretischen Konsequenzen Negri aus seinem bewegten politischen Leben ziehen würde, ob er, der überzeugte Kommunist, Perspektiven für einen gesellschaftlichen Wandel aufzeigen könnte. Allzu hochfliegende Erwartungen wollen die beiden Autoren indes nicht erfüllen - das gegenwärtige Verhältnis von Politik, Gesellschaft und Kultur, so ihre Eingangsdiagnose, erlaube das nicht. Die Kultur, so die Autoren, habe ihre Autonomie längst verloren, sei eingebunden in einen alles umfassenden Verwertungszusammenhang.

Es gibt nichts, kein 'nacktes Leben', keinen externen Standpunkt der sich außerhalb der des monetären Raums gestalten ließe; dem Geld entgeht nichts. [...] Die großen Industrie- und Finanzmächte produzieren entsprechend nicht nur Waren, sondern auch Subjektivitäten. Sie produzieren Agenzien innerhalb des biopolitischen Zusammenhangs: Bedürfnisse, soziale Verhältnisse, Körper und Intellekte - sie produzieren mithin Produzenten.

Die imperiale Maschine ist demnach in einer komfortablen Lage: Sie selbst bestimmt, was von ihr zu halten ist, sie ist die Summe aller über sie geäußerten Ansichten, über die sie doch gleichsam hinausragt. Sie ist darum zuletzt, schreiben Negri/Hardt ...

... ein Subjekt, das sein eigenes Bild der Autorität produziert. Diese Form der Legitimität beruht auf nichts außerhalb ihrer selbst; sie reformuliert sich unentwegt, indem sie ihre eigene Sprache der Selbstrechtfertigung entwickelt. [...] Kommunikative Produktion und imperiale Legitimation gehen im Gegenteil Hand in Hand, sie können nicht voneinander getrennt werden. Die Maschine ist selbstrechtfertigend, autopoietisch - sie ist System.

So gesehen, ist das Empire nicht nur geographisch, sondern auch ideologisch ein geschlossenes System. Alle Kritik an ihm ist nicht nur sinnlos - sie ist kontraproduktiv: Denn das Empire ist in der Lage, noch die radikalste Kritik zu verdauen, sie sich zu eigen zu machen, als lifestyle zu entschärfen. Seit Zeiten der Aufklärung, so Negri und Hardt, ist sie Opfer einer gegenrevolutionären Strategie geworden, mit der die Moderne sich ihre Kritiker systematisch vom Leib hält. Seit Kant nämlich, so ihre überraschende, ein wenig verschwörungstheoretisch anmutende Lesart, neutralisiere die Moderne jeglichen Einspruch, indem sie ihn durch ein gewieftes erkenntnistheoretisches Modell seiner Grundlage zu entziehen versuche. Dies gelinge ihr durch drei hermeneutische Strategien.

Die Abwertung von Erfahrung zu bloßen Phänomenen, die Reduktion von Erkenntnis auf verstandesmäßige Vermittlung und die Neutralisierung moralischen Handelns durch den Schematismus der Vernunft.

Diese hermeneutische Verunsicherung, so Negri und Hardt, sei ein genialer Schachzug der modernen Herrschaftstechnik. Indem sie die Welt und den Menschen als vermittelte inszeniere, nehme sie dem politischen Einspruch die Gewissheit, sich direkt auf die Wirklichkeit gründen zu können:

Was hier zum Zuge kommt, ist eine Form der Vermittlung oder genauer: ein reflexives folding back und eine Art abgeschwächter Transzendenz, welche die Erfahrung relativiert und jede Instanz des Unmittelbaren und Absoluten in Leben und Geschichte der Menschen aufhebt. Warum dürfen Wissen und Willen sich nicht als absolut betrachten? Weil jede Selbstkonstituierung der Menge sich einer vorgegebenen Ordnung zu unterwerfen hat und weil die Behauptung, die Menschen könnten ihre Freiheit des Seins unmittelbar erlangen, ein subversiver Wahnsinn wäre. Hier liegt der Kern des ideologischen Übergangs, in dessen Verlauf der hegemoniale Begriff der europäischen Moderne entstand.

Die Moderne, ein kafkaesker Albtraum. Doch auch Albträume haben irgendwann ein Ende, und dieses Ende wurde Hardt und Negri zufolge durch das Zeitalter der Postmoderne markiert - auch wenn dieses aus Sicht der Autoren zunächst wenig mehr ist als die konsequent erweiterte Moderne, insbesondere ihrer dominierenden Wirtschaftsform, des Kapitalismus. Der Umstand nämlich, dass sich die Lebensstile mehr und mehr ausdifferenzierten, zahllose kulturelle Milieus entstünden, mache es zwar immer schwieriger, die vielfältigen, bunten Lebensformen zum großen Ganzen zusammenzubinden. Aber andererseits öffneten sich dem Kapitalismus auf diese Art ungeheure neue Absatzmöglichkeiten. Und in diesen unüberschaubaren Subkulturen entdecke er neue Abnehmer, die er nach Kräften bediene. Eben darum habe auch das postmoderne Plädoyer für Hybridität und Vermischung einen durchaus konservativen Charakter, bereite es doch die ideale weltanschauliche Grundlage für die Schaffung immer neuer Märkte. Die Vorstellung homogener Massen habe der Kapitalismus als Ideal ohnehin längst hinter sich gelassen.

Der Begriff Volk, der das Subjekt im Sinne des Herrschaftssystems organisierte, funktioniert nicht mehr; in der Folge wird die Volksidentität ersetzt durch Mobilität, Flexibilität und beständige Differenzierung der Menge.

Umso größer ist allerdings die Schwierigkeit, die Buntheit und Vielfalt dieser postmodernen Massen im Ruder zu halten, die Grenzen zu ziehen, innerhalb derer sie noch regierbar sind. In ihrer am Ende überraschend optimistisch ausfallenden Zukunftsschau blasen Hardt und Negri zu einem Wettlauf, bei dem die unberechenbare Kreativität der Menge dem alles umschlingenden Empire dann doch entkommt, es mit seiner nicht mehr im Zaum zu haltenden Produktivität schlicht matt setzt.

Das Empire behauptet, Herr dieser Welt zu sein. Was für eine Illusion! In Wahrheit nämlich sind wir die Herren dieser Welt, weil unser Begehren und unsere Arbeit sie fortwährend neu erschaffen. [...] Wenn die Menge arbeitet, so produziert sie autonom und reproduziert die gesamte Lebenswelt. Autonom zu produzieren und zu reproduzieren heißt, eine neue ontologische Wirklichkeit zu schaffen. Und in der Tat: Indem sie arbeitet, produziert sich die Menge selbst als Singularität.

Zentraler Agent dieses Wettrennens sind bei Hardt und Negri die Flüchtlingsströme aus der Dritten Welt, besser gesagt: der ehemaligen "Dritten Welt". "Ehemalig" darum, weil die Abgrenzung zwischen Erster und Dritter Welt längst nicht mehr sauber zu ziehen sei. Die postmoderne Mobilität, die Hardt und Negri zunächst rein metaphorisch umrissen, findet längst auch im wortwörtlichen Sinne statt: in Form kaum kontrollierbarer Flüchtlingsströme. Die schiere Masse der Migranten setzt den Industrieländern ganz erheblich zu. Ob es diesen gelingt, die Wanderungsbewegungen zu kanalisieren, die Immigranten zu integrieren, daran wird sich der Fortbestand der westlichen Gesellschaft in erster Linie entscheiden.

Die Bewegungen der Menge eröffnen neue Räume und etablieren neue Aufenthaltsräume. Autonome Bewegung bestimmt den Ort, der der Menge eigen ist. Reisepässe und andere Dokumente werden unsere Bewegungen über Grenzen hinweg immer weniger regulieren können. Die Menge lässt eine neue Geographie entstehen, in der der produktive Strom von Körpern neue Flüsse und Häfen ausbildet. Die Städte dieser Welt werden große Depots kooperierender Menschen und Lokomotiven der Zirkulation sein, temporäre Aufenthaltsorte und Netzwerke zur massenhaften Distribution lebendiger Humanität [...] Die Menge muss dazu in der Lage sein, zu entscheiden, ob, wann und wohin sie sich bewegt. Sie muss darüber hinaus das Recht haben, zu verharren und sich an einem Ort einzurichten statt immer wieder gezwungen zu werden, sich auf den Weg zu machen. Das allgemeine Recht, ihre eigenen Bewegungen zu kontrollieren, ist letztlich die Forderung der Menge nach einer Weltbürgerschaft. Diese Forderung ist insofern radikal, als sie den grundlegenden Apparat imperialer Kontrolle über Produktion und Leben der Menge in Frage stellt. Weltbürgerschaft bedeutet die Macht der Menge, die Kontrolle über den Raum wiederzuerlangen und damit einen neue Weltkarte zu entwerfen.

Mit ihrem Buch haben Negri und Hardt große Erwartungen geweckt. Enttäuscht haben sie sie nicht. "Empire" ist eine der umfassendsten und gründlichsten Analysen der modernen politischen Kulturgeschichte. Ob das Wettrennen zwischen Menge und Empire allerdings tatsächlich mit dem Sieg der Menge enden wird, darin waren sich viele Rezensenten erheblich unsicherer als die beiden Autoren. Allerdings: Die modernen Völkerwanderungen werden die Gesellschaften des Westens noch beschäftigen. Nicht umsonst widmen ihr Negri und Hardt erhebliche Aufmerksamkeit. Ob man den Druck der Wanderungsbewegung allerdings begrüßen möchte oder im Gegenteil eher befürchtet: dies ist die ideologische Gretchenfrage, die das Buch seinen Lesern am Ende stellt.

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