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StartseiteEuropa heuteEmpörung über Madrids Schulreform27.12.2012

Empörung über Madrids Schulreform

Katalanen betrachten Pläne der Regierung als Provokation

Bislang war Katalanisch in der nordostspanischen Region alleinige Unterrichtsprache. Das soll sich mit der Schulreform von Erziehungsminister José Ignacio Wert ändern, die eine Stärkung des Spanischen vorsieht. Katalanen sehen darin eine autoritäre Reaktion auf die Unabhängigkeitsbestrebungen.

Von Julia Macher

Bei der Regionalwahl in Katalonien im November gewannen die Befürworter einer Loslösung von Spanien an Stimmen.  (picture alliance / dpa / EPA / Toni Albir)
Bei der Regionalwahl in Katalonien im November gewannen die Befürworter einer Loslösung von Spanien an Stimmen. (picture alliance / dpa / EPA / Toni Albir)

Katalanisch-Unterricht an der Grundschule El Sagrer in Barcelona. Die 24 Schüler der Klasse sechs sortieren das Unterrichtsmaterial des vergangenen Trimesters: Grammatik, Textformen, mündlicher Ausdruck. Drei Stunden Katalanisch wöchentlich sieht der Lehrplan vor, ebenso viel wie für Spanisch. Aber Katalanisch wird nicht nur im Sprachunterricht gesprochen, sondern auch in allen anderen Fächern, im Mathematik- und Kunstunterricht, in Sachkunde und Sport. Seit 1984 ist Katalanisch die gesetzlich festgelegte Verkehrssprache an allen öffentlichen Schulen der Region. Dahinter steckt der Versuch, das während der Franco-Zeit ins Private verbannte Katalanisch zu fördern und es nachhaltig zu schützen, erklärt Conxita Güell, Studiendirektorin an der Escola El Sagrer:

"Spanisch lernt man ohnehin: Fast alle Medien, alle Filme, das Umfeld ist auf spanisch. Allein dadurch ist es die dominierende Sprache. Aber wenn man Katalanisch nicht in der Schule lernt, dann verschwindet es. In zweisprachigen Gesellschaften setzt sich immer die Sprache durch, die einen Staat hinter sich hat, die andere wird verdrängt. Also ist es Ziel der katalanischen Sprach- und Erziehungspolitik eben diese bedrohte Sprache zu fördern."

Von Linguisten wird das katalanische System der "Immersió Lingüistica", des "Eintauchen in die Sprache" immer wieder gelobt. Und genauso regelmäßig hagelt es Kritik – von politischer Seite, meist aus Madrid. In den letzten Jahren haben sich der allerdings auch einige katalanische Familien angeschlossen. Die "Immersió Lingüistica" schließe Eltern, die ihre Kinder auf spanisch erziehen möchten, systematisch vom öffentlichen Schulsystem aus, so die Klage. Auch diese Eltern hatte der spanische Erziehungsminister José Ignacio Wert bei seinem Vorstoß im Blick. Conxita Güell hält das für einen vorgeschobenen Grund.

"Wenn es Bedarf an spanischsprachigen öffentlichen Schulen gäbe, hätten wir solche Schulen schon längst. Bei der letzten Befragung an Vorschulen in ganz Katalonien gaben gerade einmal drei Familien an, dass sie gerne eine Erziehung auf spanisch hätten. Aber diese Familien machen einfach wahnsinnig viel Lärm um die Sache."

Im Alltag sei die Sprachenfrage kein großes Problem, meint Güell. Laut Pisa-Studie beherrschen katalanisch erzogene Kinder Spanisch ebenso gut wie ihre Mitschüler aus anderen Regionen.

Auf dem Schulhof mischt sich ohnehin beides. Viele Schüler haben Eltern, von denen ein Teil katalanisch, ein anderer spanisch – oder rumänisch, arabisch, suaheli spricht. Der fließende Wechsel zwischen den Sprachen ist für die meisten normal.

"Meine Eltern sprechen untereinander spanisch, aber ich mit ihnen katalanisch","

sagt Mireia.

Er spreche mit seinen Eltern spanisch, in der Schule und mit seinen Freunden meistens katalanisch, erzählt Antonio, gebürtiger Argentinier.

In der Schule nun plötzlich in getrennten Klassen zu sitzen – so wie es der Gesetzentwurf im Kern vorsieht - , fänden die beiden ziemlich seltsam. Natürlich haben sie auch im Unterricht über das Thema gesprochen. Vor ihrem Klassenzimmer hängt ein Protestplakat: "Wert, lass die Finger von der Sprache". Es geht nicht bloß um eine Schulreform, sondern um das Selbstverständnis der autonomen Region.

""Wenn dieses Gesetz durchkäme, dann gäbe es in Katalonien einen Aufstand. Aber das wird nicht passieren, nicht in einer demokratischen Gesellschaft wie unserer. Der Bereich Erziehung liegt immer noch im Kompetenzbereich der katalanischen Regionalregierung Generalitat, um seinen Entwurf durchzuboxen, müsste Wert diesen Grundsatz erst einmal per Gesetz aushebeln."

Der Entwurf, ist in den Augen von Studiendirektorin Güell eine bewusste Provokation – eine autoritäre Reaktion auf die massiven Unabhängigkeitsbestrebungen. Fest steht, dass er Wasser auf die Mühlen derjenigen ist, die eine Loslösung Kataloniens von Spanien fordern.

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