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StartseiteMarkt und Medien"Endlich konnten wir machen, was wir wollten"16.01.2010

"Endlich konnten wir machen, was wir wollten"

Wie das Fernsehen der DDR bei der Demokratisierung half

In den DDR-Medien war die Wendezeit eine Periode voller Umbrüche: Die Journalisten probierten sich aus und überraschten mit so manch unerwarteter Reportage. Die Monate bis zum Ende des Deutschen Fernsehfunks 1991 waren mit die kreativsten in der deutschen Fernsehgeschichte.

Von Michael Meyer

DDR-Reporter konnten endlich frei arbeiten. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)
DDR-Reporter konnten endlich frei arbeiten. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

"Dürfen wir dann irgendwann wieder aussteigen, Genosse Hauptmann? - Kamera mal ausmachen. - Naja, wir wollen ja nichts unrechtes tun - Aha, wir sollen also die Kamera ausmachen … "

Die Reportage des Elf 99-Reporters Jan Carpentier aus der DDR-Bonzensiedlung Wandlitz hat einen erstaunlichen Ruhm erlangt. Noch heute gilt sie als eines der Symbole einer DDR im Umbruch – auch ihrer Medienlandschaft. Unvergessen ist etwa die Szene, in der die Reporter SED-Politbüromitglied Kurt Hager bei einem Waldspaziergang auflauern und ihn und seine Frau nach dem Leben in der abgeschiedenen Siedlung in Wandlitz befragen:

"Sind Sie all die Jahre überzeugt davon gewesen, dass Sie hier draußen wohnen müssen, weg von den Berlinern, weg von den Leuten, die Sie ja auch geführt haben? - Natürlich waren wir nicht überzeugt davon, dass wir hier wohnen müssen, aber wir haben uns den Beschlüssen gebeugt … "

Diese Zeit bis zum Ende des Deutschen Fernsehfunks 1991 war eine der kreativsten in der deutschen Fernsehgeschichte. Von einem Tag zum anderen konnten die Reporter und Redakteure machen, was sie wollten, erinnert sich die damalige Aktuelle Kamera-Redakteurin und Moderatorin Sylvia Acksteiner:

"Einfach war das nicht - es war das Gefühl, was man als DDR-Bürger schon hatte, hier ist etwas im Umbruch, und Du kannst was in Dir steckt einfach ausprobieren. Tu es, sei mutig und versuche es. Das, was zum Beispiel wir in den Betrieben widergespiegelt haben, die Leute haben abgestimmt darüber, ob ihre Chefs noch weiter die Chefs sein dürfen. Das war natürlich ein urdemokratischer Prozess, den es auch bei uns in den Redaktionen gab. Auch bei uns wurde abgestimmt, kann der Chefredakteur noch Chefredakteur bleiben, natürlich nicht, ja wer soll's machen, ja Du, komm ran hier. Und damit war eine permanente Bewegung und Auseinandersetzung natürlich auch da und es bedurfte natürlich schon des Mutes, seinen Beruf dann auch tatsächlich ernst zu nehmen und auszuleben."

Nicht alle wollten unter den neuen Bedingungen weitermachen - so mancher DDR-Journalist ist 1990 aus seinem Beruf ausgestiegen. Vieles erscheint im Rückblick sehr bizarr: Etwa, dass die neue Aktuelle Kamera-Redaktion in die Räume des DDR-Agitators Karl-Eduard von Schnitzler einzog, der noch Wochen zuvor sich vom Bildschirm verabschiedet hatte:

"Guten Abend meine Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Genossinnen und Genossen. Diese Sendung heute wird nach fast 30 Jahren die kürzeste sein, nämlich die letzte."

Die Journalisten befreiten sich innerhalb weniger Wochen vom Muff der Agitation und Propaganda und arbeiteten an Themen, die zu Honeckers Zeiten undenkbar waren: etwa Prostitution und Drogenkonsum, Skinheads und Nazis in der DDR und andere Themen. Jene Redaktion, die sich am meisten mit solchen Themen befasste, war "Elf 99", eine Jugendsendung, die bereits seit dem 1.September 1989 für zumindest etwas frischeren Wind im DDR-Fernsehen sorgte. Bis Ende 1991 produzierte "Elf 99" über 700 Reportagen, die oft auch auf Anregung der Zuschauer entstanden. Harald Becker war damals Chefregisseur der Sendung. Becker erinnert sich, dass die Redakteure damals zwei Grundbedingungen für ihre Arbeit aushandelten:

"Die erste hieß: Wir senden live das Programm. Was nicht heißt, dass es auch beobachtet wurde. Zweitens: Wir gestalten das Programm nach eigenen Vorstellungen, und das war ungewöhnlich, in der Regel wurden in den Programmbereichen die Themen vorgegeben und die rekrutierten dann aus der Argumentationslinie der Abteilung für Agitation oder den Hauptthemen aus dem Neuen Deutschland, die gerade an dem Tag "en vogue" waren. Und da haben wir gesagt: Das packen wir mal beiseite und gucken selber oder lassen uns von draußen informieren, mit Themen bereichern, die wir dann umsetzen."

Becker erinnert sich, dass damals so manche Sendung regelrecht an den Chefs vorbei produziert wurde - und einige Berichte sorgten im Nachhinein für Ärger, denn die Chefredakteure sahen manchen Beitrag erst nach seiner Ausstrahlung.

Jedoch, das "Interregnum", das Fernsehmachen in der politischen Zwischenzeit, war nicht nur kreatives Chaos, nicht nur produktives Schaffen, sondern gerade im Jahre 1991 ein bedrohtes Paradies: Die sogenannte "Einrichtung", die Fernseh- und Radio-Anstalt der Neuen Bundesländer, sollte laut Einigungsvertrag in regionale Strukturen überführt werden – das war ab Januar 1992 dann der MDR, der SFB und der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg ORB. Viele Journalisten machten Programm, obwohl sie ihre Kündigung schon erhalten hatten.

Reinhard Griebner war damals stellvertretender Chefredakteur des Fernsehens. Griebner meint, dass der Übergang zu abrupt war und manche Programme mit spezifisch ostdeutscher Färbung viel zu schnell eingestellt worden sind, wie etwa "Elf 99":

"Weil die Leute, die ihrerseits Verantwortung übernommen haben im Osten, sich beeilt haben, die neuen Anstalten so schnell wie möglich ARD-kompatibel zu machen. Das, was den Osten ausgemacht, was die Leute ticken ließ, wie sie bis heute ticken, ist in manchen Punkten vernachlässigt worden und damit ist aus meiner Sicht auch etwas verloren gegangen, was die ARD hätte bereichern können. Also wir hätten es nicht so schnell auf eine Angleichung der Verhältnisse ankommen lassen sollen, sondern sagen sollen: So sind wir und wenn ihr uns haben wollt, dann kriegt ihr uns nur so."

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