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Endlose Kreativität dank Schwarmintelligenz

Wie Fans " Endless Space" mitentwickeln

Von Christian Schiffer

Die Spieler selbst haben bei "Endless Space" mitgewirkt
Die Spieler selbst haben bei "Endless Space" mitgewirkt (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Im Zeitalter der Vernetzung ist es viel einfacher geworden, andere Menschen in den Entstehungsprozess eines Werkes mit einzubeziehen. Wie da gehen kann, haben die Macher des Weltraum-Strategiespiels "Endless Space" gezeigt.

Das Universum liegt ruhig vor mir: Auf dem Bildschirm sehe ich Sonnensysteme, Planeten, Raumschiffe. Es bewegt sich wenig, das Computerspiel "Endless Space" mutet geradezu meditativ an, nur manchmal wird die Ruhe durch das Klicken der Maus unterbrochen. Zug um Zug erforsche ich neue Technologien, schraube an der Steuerspirale, kolonisiere Planeten und setze auch mal meine Kriegsschiffe in Bewegung.

"Endless Space" ist ein Strategiespiel, das von seiner großen Komplexität lebt und davon, dass es jede Runde etwas Interessantes zu entscheiden gib. Dass "Endless Space" so geworden ist, wie es geworden ist, verdankt es auch den Fans, die bei der Entwicklung des Spiels von Anfang an mitreden durften. Dazu richtet der kleine französische Indie-Entwickler "Amplitude" die Community "Games2Gether" ein. Die Idee dazu hatte Max Von Knorring:

"Wir wollten unseren Fans nicht nur ein paar Design-Dokumente über das Spiel offenlegen. Sie sollten richtigen Einfluss auf die Entwicklung bekommen. Zum einen schufen wir die Möglichkeit, in einem Forum über das Spiel zu diskutieren. Und zum zweiten entwickelten wir eine Art Wahlsystem. Dort konnten die Community-Mitglieder über Spielinhalte abstimmen. Wir haben dieses Wahlsystem möglichst einfach gehalten. So könnten sie mitreden, wenn es um die Eigenschaften der spielbaren Völker ging oder um das Schiffsbaukonzept. Und natürlich durften sie auch über Spielfeatures abstimmen."

Am Anfang wurden die Spieldokumente für eine kleine Gruppe von 30 VIP-Fans veröffentlicht. Als es dann eine frühe spielbare Version gab, waren es schon 15.000 Fans, die mitreden wollten. Die Community regulierte sich weitgehend selbst und brachte immer wieder neue Ideen ein. Die Hersteller schrieben Wettbewerbe aus für die besten Hintergrundgeschichten und die gelungensten Beschreibungen von Spielfiguren.

Am Ende ist Endless Space ein rundes Spiel geworden, es konzentriert sich auf das Wesentliche, ohne überladen zu wirken: Die künstliche Intelligenz agiert glaubwürdig, die verschiedenen Spieleelemente greifen logisch ineinander.

Dabei besteht bei Mitmachprojekten immer auch die Gefahr, dass zu viele Wünsche umgesetzt werden in zu wenig Zeit und am Ende niemand wirklich mit dem Ergebnis zufrieden ist. Die Entwickler achteten deswegen darauf, niemals das Zepter aus der Hand zu geben. Max Von Knorring:

"Wir wussten von Anfang an, dass wir nicht jeden zufriedenstellen können. Wir erläuterten also unsere Vorstellung von unserem Spiel, und das wirkte wie ein Filter, so wusste die Community ungefähr, was hineinpassen würde und was nicht. Und wir bewerteten auch die verschiedenen Ideen, sodass nachvollziehbar war, warum wir etwas nicht aufnehmen konnten. Jede Idee wurde von uns kommentiert. Etwa: Diese Idee lieben wir! Diese Idee wird es nicht in das Spiel schaffen! Diese Idee wollen wir umsetzen, aber erst später! So wusste jeder, wo er mit seiner Idee steht."

Bei Computerspielen gibt es eine lange Tradition von Mitmachprojekten. Bei den sogenannten "Modifikationen" programmieren die User Spiele um, verändern und verbessern sie. Obwohl viele Hersteller das aus Urheberrechtsgründen untersagen könnten, unterstützen sie die Modifikationen, denn so werden ihre Produkte besser und schaffen sich eine Fanbasis. Den Fans so viel Einfluss zu geben, wie bei "Endeless Space", ist hier nur der nächste logische Schritt. Chefentwickler Romain de Waubert glaubt, dass sich diese Form von Schwarmkreativität zumindest in Teilen auch auf andere Medien übertragen lässt:

"Bei Filmen ist das natürlich schwieriger, denn ein Film ist abdreht und lässt sich danach kaum mehr verändern. Was aber passiert, ist, dass Fans um Filme herum Geschichten erzählen, etwa bei Star Wars. Die Fans erweitern das Universum und das wiederum trägt zum Erfolg einer Marke bei. Im Unterschied dazu sind die Fans bei uns im Entstehungsprozess stärker involviert, man weiß gar nicht mehr, welche Ideen von uns stammen und welche von ihnen. Die Fans haben also mehr Einfluss."

Dieses Prinzip, das man von Software her kennt, die auf immer neuen Versionen basiert, es könnte Zukunft auch nach und nach in anderen kulturellen Sphären Einzug halten. Schon jetzt werden E-Books geplant, die auch nach dem Erscheinen immer weiter verändert und aktualisiert werden. Kulturelle Werke werden durch die Digitalisierung quasi verflüssigt und zu einem beständigen Veränderungsprozess. Das Science-Fiction-Spiel "Endless" Space: Es ist auch ein kleiner Blick in die Kulturproduktion von morgen.

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