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StartseiteThemen der WocheEndspiel am Hindukusch17.03.2012

Endspiel am Hindukusch

Die USA, die NATO und die Afghanistan-Mission

Spätestens nach dem Amoklauf eines amerikanischen Unteroffiziers in Afghanistan ist das Verhältnis zwischen ISAF-Truppen und einheimischer Bevölkerung zerrüttet. Nun vollzieht Afghanistans Präsident Karzai einen Kurswechsel, der wirkt wie Selbstmord aus Angst vor dem politischen Tod.

Von Olaf Ihlau, freier Publizist

Afghanistans Präsident Hamid Karsai (picture alliance / dpa / S Sabawoon)
Afghanistans Präsident Hamid Karsai (picture alliance / dpa / S Sabawoon)

Es gibt eine alte Spruchweisheit in Asien, die Böses besagt und die sich heute wieder zu bestätigen scheint: "Wenn Gott eine Nation bestrafen will, dann lässt er sie in Afghanistan einfallen". Nie haben fremde Mächte die Bergstämme am Hindukusch auf Dauer beherrscht. Schon die Soldaten des makedonischen Welteneroberers Alexander des Großen tapsten auf der Flucht schneeblind durch den Hindukusch. Kaum anders erging es gut zweitausend Jahre später den Truppen des britischen Empires, das nach drei verlustreichen Kriegen 1919 Afghanistan die Unabhängigkeit zugestehen musste. Die Letzten, die sich am Hindukusch eine blutige Nase holten, waren die Sowjets. Rund 15 000 ihrer Soldaten büßten das Abenteuer einer zehnjährigen Besatzung mit dem Leben. Auf Geheiß des Kreml-Chefs Michail Gorbatschow zogen die Sowjets im Februar 1989 überstürzt ihre Truppen aus Afghanistan vollständig zurück. Sprach man mit Gorbatschow Jahre danach über diesen schmählichen Abmarsch, sagte er nur bitter: "Es ging gar nicht anders, wir mussten dort raus. Eine Million Sowjetsoldaten sind durch Afghanistan gegangen und für ihr Leben gekennzeichnet worden".

Dass es der westlichen Supermacht heute am Hindukusch kaum besser ergeht, dass deren Soldaten in ihrer vermeintlichen Friedensmission psychisch schwer angeschlagen sind, weiß die Welt nicht erst seit dem Amoklauf des amerikanischen Soldaten, der in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Zivilisten tötete. Der Einsatz der Internationalen Schutztruppe, mit Washington als Führer eines überwiegend aus NATO-Mitgliedern bestehenden Bündnisses, wird vor allem in den Stammesgebieten der Paschtunen, dem Hauptrekrutierungsfeld der islamistischen Taliban, als Akt der Okkupation empfunden. Die Amerikaner haben den Todesschützen unterdessen ausfliegen lassen. Er soll sich vor einem US-Gericht verantworten, ihm droht die Todesstrafe. Den Zorn der Afghanen aber dürfte all dies kaum besänftigen, zu viel hat sich angesammelt an westlichen Übergriffen und groben Ungeschicklichkeiten.

Kein Wunder, dass Kabuls Präsident Karzai, der Überlebenskünstler und bisherige Favorit Washingtons, da jetzt die Reißleine zog – mit erstaunlichen Ankündigungen, die wirken wie Selbstmord aus Angst vor dem politischen Tod. Karzai will, dass die NATO-Verbände Afghanistan schon 2013 komplett verlassen, also ein Jahr früher als bisher geplant. Seine Regierung sei bereit, so Karzai, - Zitat: - "die gesamte Sicherheitsverantwortung zu übernehmen". Glaubt er das wirklich und fühlt er sich so stark, oder ist Karzai entschlossen, im Endspiel um Afghanistans Zukunft auf volles Risiko zu setzen? So jedenfalls sieht es aus, denn ein schneller Abzug der NATO ist aus Sicht der Taliban die Voraussetzung für einen innerafghanischen Versöhnungsprozess. Dass er bereit ist, den Islamisten entgegenzukommen, deutete Karzai erst unlängst mit seiner Order an, gemäß den Vorschriften der Scharia die Rechte der Frauen wieder einzuschränken.

Karzais Kurswechsel könnte für ihn persönlich in einem Fiasko enden und das Land erneut in den Bürgerkrieg stürzen. Denn die starken Volksgruppen des Nordens, Tadschiken und Usbeken wie auch die schiitischen Hazara, werden eine Rückkehr der Taliban kaum kampflos hinnehmen. Wie auch immer: Den Afghanen muss letztlich gestattet werden, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Dies in einem System, das ihre eigenen kulturellen Traditionen widerspiegelt. Nicht unsere.

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