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StartseiteInterviewEnergieexpertin Kemfert: Iran schadet sich selbst27.01.2012

Energieexpertin Kemfert: Iran schadet sich selbst

Iran droht Europa mit Stopp der Öllieferungen

Claudia Kemfert sagt, dass die iranischen Staatseinnahmen zu 50 Prozent aus dem Ölexport stammen. Ein Lieferstopp an Europa schade dem Land selbst. Ferner könnten genügend Länder für den Iran einspringen, so die Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Claudia Kemfert im Gespräch mit Sandra Schulz

Ein iranischer Wachmann vor dem petrochemischen Komplex Mahshahr in der Provinz Khuzestan im Südwesten des Iran. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)
Ein iranischer Wachmann vor dem petrochemischen Komplex Mahshahr in der Provinz Khuzestan im Südwesten des Iran. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)

Sandra Schulz: Von beispiellosen Sanktionen hat Anfang der Woche Außenminister Guido Westerwelle gesprochen - mit Blick auf die Sanktionen gegen den Iran. Die Europäische Union will ihre Öleinfuhren aus dem Land stoppen, solange der Iran an seinem umstrittenen Atomprogramm festhält. Erwartungsgemäß harsch ist die Reaktion aus Teheran. Der Iran droht jetzt seinerseits, die Öllieferungen zu stoppen, und wichtig ist dabei ein kleines Wort: "sofort". So hatte Europa das nämlich nicht geplant, und darüber wollen wir in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon ist die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor Claudia Kemfert. Guten Tag!

Claudia Kemfert: Guten Tag, Frau Schulz!

Schulz: Frau Kemfert, wie wichtig ist das iranische Öl?

Kemfert: Also es ist für den Weltmarkt schon wichtig, Iran ist ein wichtiges Ölförderland in der Welt, es hat die zweitgrößten Ölreserven nach Saudi-Arabien. Insofern ist es ein sehr wichtiges Ölförderland. Auf der anderen Seite fördert es eine Menge im Moment von 2,8 Millionen Barrel pro Tag, das ist nicht allzu viel. Es ist auch ersetzbar, es gibt ein Überangebot auf dem internationalen Ölmarkt, sodass man hier jetzt nicht in Panik verfallen muss. Aber die Situation ist schon ernst.

Schulz: Aber es gibt ja speziell in Europa Abnehmer. Griechenland ist zu 25 Prozent, Italien zu 13 Prozent und Spanien zu 10 Prozent auf iranisches Öl angewiesen. Das ist im Moment der Status quo. Die EU wollte den Importstopp eigentlich erst zum Juli verhängen, also quasi die Bedürftigen noch mal volltanken lassen. Was, wenn das jetzt nicht klappt?

Kemfert: Also das kann schon klappen. Aber die Frage ist: Gerade Griechenland bekommt ja sehr preisgünstiges Öl aus dem Iran. Da muss man neue Verhandlungen führen. Saudi-Arabien ist bereit, auch einzuspringen, aber gegebenenfalls auch Norwegen und Russland kann Italien beispielsweise beliefern und auch Spanien. Das ist nicht allzu dramatisch. Nur muss man eben sehen, ob dieses Embargo auch tatsächlich wirkt, denn es gibt ja Länder in der Welt, zum Beispiel China, die sagen, wir nehmen dann das iranische Öl eben ab, wenn Europa es nicht braucht. Damit wäre natürlich niemandem gedient und das Embargo würde gar nicht wirken.

Schulz: Was heißt das denn insgesamt für den Ölpreis, diese Drohung?

Kemfert: Der Ölpreis reagiert ja immer sehr sensitiv auf solche Drohungen. Man muss aber in der Tat sagen, es gibt genügend Öl am Markt und es gibt keine Knappheiten. Also es sind eher die Sorgen vor Angebotsengpässen und die Spekulanten, die dann den Preis wieder nach oben treiben. Aber man muss eben halt sehen, inwieweit das auch tatsächlich Wirkung trägt, denn es gibt genügend Länder, insbesondere auch Saudi-Arabien, die einspringen können, sodass man hier jetzt keine Panik haben muss. Aber die Spekulanten erfahrungsgemäß reagieren darauf, und damit ist dann auch mit leicht steigenden Ölpreisen zu rechnen.

Schulz: Also wenn man schauen will, wer jetzt auf diesen Energiestreit bezogen am längeren Hebel sitzt, dann würden Sie im Moment sagen, die Europäische Union?

Kemfert: Ja, ich würde schon sagen, und auch die USA, denn es schadet in der Tat in erster Linie der Iran sich selbst mit dem ganzen, was er da im Moment veranstaltet. Die Sanktionen werden wirken, wenn auch China mitzieht. Insbesondere auch die Finanzsanktionen, die sind auch sehr wichtig. Man muss ja sehen: 50 Prozent der Staatseinnahmen des Iran kommen durch diese Ölexporte. Wenn das wegfällt, auch noch die Finanzsanktionen wirken, wird das massive Auswirkungen haben für den Iran und das wird den Iran, auch insbesondere die Wirtschaft, die Energiewirtschaft, massiv beeinträchtigen. Also der größte Leidtragende in dieser ganzen Geschichte ist in der Tat der Iran selbst.

Schulz: Jetzt steht im Raum ja auch die Drohung (auch aus dem Iran), die Straße von Hormus zu sperren. Das ist eine wichtige Meerenge, weil da je nach Marktlage bis zu 40 Prozent der Öllieferungen hindurch müssen. Hätte diese Drohkulisse denn andere oder schärfere Konsequenzen?

Kemfert: Ja, sie hätte schon Konsequenzen, wenn sie denn wirklich zum Erfolg führen würde, wo man ja auch sehen muss, ob das tatsächlich erst mal so weit kommt, und zum Zweiten, ob Amerika das nicht auch verhindern würde. Aber in der Tat, es ist eine sehr, sehr wichtige Handelsstraße. Allein die Androhung hat ja auch gleich Wirkungen auf den internationalen Ölmarkt gehabt, die Ölpreise sind nach oben gegangen. Aber ich glaube erstens, dass es nicht zu einer solchen Sperrung kommen wird. Zweitens wird die USA massiv dagegen vorgehen, sodass man hier nicht gleich Sorge haben muss. Aber die Drohkulisse funktioniert, das Säbelrasseln auf beiden Seiten funktioniert sehr gut und man wird sehen, was am Ende passiert.

Schulz: Ich höre bei Ihnen jetzt relativ große Gelassenheit heraus. Können Sie mir das noch mal erklären vor dem Hintergrund, dass Griechenland, das ja nun finanziell mehr als angeschlagen ist, Spanien genauso, doch so stark am iranischen Geldhahn hängt?

Kemfert: Ja. Gelassenheit auch vor dem Hintergrund, weil wir wirklich genügend Öl auf dem internationalen Markt haben. Es gibt keine Knappheiten, es gibt genügend Länder, die auch einspringen können. Das muss man natürlich jetzt veranlassen, insbesondere für Griechenland, die ja sehr preisgünstige Öllieferungen beziehen, aber auch Spanien. Das kann man aber regeln. Es ist jetzt nicht so, dass Iran der einzige Lieferant ist in der Welt, der jetzt, wenn er ausfällt, dann riesige Konsequenzen haben würde. Das ist eben gerade nicht der Fall. Insofern muss man sich darauf vorbereiten, das ist machbar.

Schulz: Und Sie sagen, es gebe keine Knappheiten. Können Sie mir auch das noch mal erklären vor dem Hintergrund, dass natürlich global gesehen Öl ja ein immer knapper werdendes Gut ist?

Kemfert: Ja. Der Iran liefert im Moment 2,8 Millionen Barrel pro Tag, das ist keine riesige Menge. Wir verbrauchen im Moment 90 Millionen Barrel pro Tag. Saudi-Arabien, das Land hat Möglichkeiten, Teile dieser Mengen zu ersetzen, aber auch andere Regionen in der Welt. Für Europa kann auch Russland und Norwegen einspringen. Also wir haben wirklich keine Situation, wo man sehen muss, dass es Knappheiten gibt. Insofern können wir da im Moment recht entspannt sein.

Schulz: Claudia Kemfert, Energieexpertin des DIW und heute in den "Informationen am Mittag" hier im Deutschlandfunk. Danke!

Kemfert: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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