Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteInterviewEnergiewende bringt Schub für Wüstenstrom11.06.2011

Energiewende bringt Schub für Wüstenstrom

Desertec-Geschäftsführer: Dezentrale Stromerzeugung reicht nicht aus

15 Prozent des europäischen Strombedarfs könnten die geplanten Solaranlagen des Projekts Desertec in der nordafrikanischen Wüste decken, sagt Paul van Son, Geschäftsführer des Konsortiums. Die Unruhen in der Region hätten auf das langfristig angelegte Vorhaben keine Auswirkungen.

Paul van Son im Gespräch mit Martin Zagatta

Wie dieses Solarkraftwerk in in der Mojave-Wüste in Kalifornien könnten auch die geplanten Desertec-Anlagen in Nordafrika aussehen. (AP)
Wie dieses Solarkraftwerk in in der Mojave-Wüste in Kalifornien könnten auch die geplanten Desertec-Anlagen in Nordafrika aussehen. (AP)

Martin Zagatta: Riesige Solarkraftwerke in der Sahara in den Wüsten Nordafrikas sollen in einigen Jahrzehnten die Region, aber auch Teile Europas und Deutschland mit Strom versorgen - das jedenfalls ist der Plan des sogenannten Desertec-Projekts. Doch ist das überhaupt noch umzusetzen nach den Unruhen oder besser gesagt nach den Umbrüchen in Nordafrika - gefährden die nicht das ganze Vorhaben? Diese Frage konnten wir dem Niederländer Paul van Son stellen, er ist der Geschäftsführer dieses Wüstenstromkonsortiums Desertec.

van Son: Sie sprechen die Umbrüche in Nordafrika und Mittleren Osten an. Da müssen wir immer sehr gut differenzieren, weil es sind in der Region sehr unterschiedliche Länder. Zum Beispiel kann man Länder wie Libyen nicht vergleichen mit den Ländern Ägypten, Tunesien und Marokko, da gibt es sehr große Unterschiede. Ganz allgemein ist es so, dass in den Ländern, wo wir gerade sehr fokussieren, wie Marokko und zweitens dann auch Tunesien, die Situation für unseren Zweck sehr stabil ist. Uns beeinflusst das nicht in unseren Aktivitäten und Plänen. Und im Übrigen ...

Zagatta: Schreckt das mögliche Investoren nicht ab? Solche Meldungen bekommen wir aus Tunesien, dass da Investitionen im Moment deutlich zurückgegangen sind. Ist das für Sie kein Problem?

van Son: Na ja, ich kann mir gut vorstellen, dass es für industrielle Aktivitäten kurzfristig natürlich einen Einfluss hat, dass Investoren dort denken, was passiert dort, für uns ist das aber nicht zutreffend, weil unsere Pläne sind langfristig. Wir bereiten größere Entwicklungen im Bereich erneuerbarer Energien, also große Anlagen vor, die über die kommenden Jahrzehnte laufen, und da macht sich das natürlich noch nicht bemerkbar.

Zagatta: Wie weit sind Sie denn mit Ihren Bemühungen bisher schon gekommen?

van Son: Gerade in Marokko sind wir eigentlich schon ein Jahr unterwegs, in Gesprächen mit der Regierung, mit Stellen in Marokko, die für uns von Bedeutung sind, um auszuloten, wo große Anlagen gebaut werden können und wie die Charakteristiken sind und auch wie das Ganze finanziert werden kann. Wir haben gerade in dieser Woche einen Pressebericht auch rausgegeben, wo wir angekündigt haben, dass wir jetzt einen Vertrag mit MASEN - MASEN ist die Agentur für Solarenergie in Marokko -, um zusammen das erste Großprojekt zu definieren.

Zagatta: Wann rechnen Sie denn damit, dass das erste von Desertec unterstützte Kraftwerk in Nordafrika gebaut wird beziehungsweise wann rechnen Sie denn dann mit ersten Stromlieferungen nach Deutschland, wie ist da der Zeitrahmen?

van Son: Für uns ist erst mal nicht so sehr von großer Bedeutung, wann genau solche Anlagen gebaut werden, sondern vielmehr, dass es möglichst schnell passiert und vernünftig und auch, was für uns sehr wichtig ist, dass es eine Referenz wird für weitere Kraftwerke. Aber um Ihre Frage zu beantworten, rechne ich doch damit, dass in einigen Jahren schon Teile dieses Kraftwerks, zum Beispiel der Fotovoltaikteil, dass das schon ans Netz gehen kann.

Zagatta: Und wie ist es mit den Leitungen dann möglicherweise nach Europa, nach Deutschland? Sehen Sie da Möglichkeiten, dass das dann auf den Weg gebracht wird? Weil das gibt ja alleine schon in Deutschland Probleme.

van Son: Na ja, da bin ich sehr optimistisch, weil die Leitungen von Marokko bis nach Deutschland, die gibt es schon, und es ist erfreulicherweise so, dass jetzt von Spanien nach Marokko Strom fließt - Marokko wird elektrisch von Spanien aus beliefert. Und wenn wir in Marokko Strom erzeugen in Richtung Spanien, dann bewirkt das einen Gegenfluss, um es so mal zu sagen, und das Gleiche kann man auch in Europa so sehen. Also physisch ist es eigentlich ab heute oder ab morgen möglich, von Marokko nach Deutschland zu transportieren.

Zagatta: Geplant war ja einmal, bis 2050 rund 400 Milliarden Euro in den Bau von Solaranlagen zu investieren dort in der Region - ist das so in etwa die Summe, über die wir reden?

van Son: Wir denken ganz anders über diese Entwicklung. Wir sehen eher die schrittweise Entwicklung von Kraftwerken, die von den Regierungen, von den Ländern, von Industrien in der ganzen Region gebaut werden und auch die Netze verstärkt und auch eine viel stärkere Kopplung zwischen der Region Nordafrika, Nahen Osten und Europa. Und was das insgesamt kostet, ist eigentlich für uns nicht relevant, es geht nur darum, dass die ganze Energieversorgung mehr und mehr auf der Basis von erneuerbaren Energien aufgebaut wird. Aber um auch die Zahlen - die Frage wird uns oft gestellt - die Zahlen, 400 Milliarden Euro, das sind so Indikationen, von dem ein Teil für Europa dann relevant wäre, was würde 15 Prozent Import für Europa kosten. Das sind so etwa die Zahlen. Wenn man das mit Steinkohle oder Öl machen würde, würden das ähnliche Zahlen sein, vielleicht sogar teurer.

Zagatta: Und das ist die Zahl, von der Sie mittel- oder langfristig ausgehen, dass Stromlieferungen aus Nordafrika von diesen Solaranlagen, dass die so 15 Prozent des deutschen Strombedarfs decken könnten?

van Son: Ja, es ist mehr 15 Prozent des europäischen Strombedarfs, und Deutschland ist natürlich ein wichtiges Land in Europa, und je nachdem, wie die Situation in Deutschland ist, ist es letztendlich langfristig natürlich eine Frage des Preises. Wenn wir in der Lage sind, langfristig Strom aus der Wüste über diese Abstände wirtschaftlich, also zu einem guten Preis nach Deutschland zu bringen, dann kann das natürlich auch in der Theorie mehr sein als 15 Prozent.

Zagatta: Gibt Ihnen bei dieser Entwicklung jetzt die Energiewende, die Atomwende in Deutschland da noch einen zusätzlichen Schub, oder spielt das für Desertec eigentlich keine Rolle?

van Son: Die Energiewende in Deutschland gibt absolut einen sehr großen Schub an Desertec und unsere Pläne in der Wüste, weil man in Deutschland auch sehr gut versteht, dass es jetzt darum geht, auf alle Arten und Weisen vernünftigerweise erneuerbare Energien ranzuschaffen und zu bringen. Das kann an erster Stelle natürlich lokal sein, also die dezentrale Erzeugung ist ganz wichtig, aber damit können wir natürlich nicht ganz Deutschland versorgen, da muss auch viel aus Europa und aus den Gebieten Nordafrika, Mittlerer Osten gebracht werden.

Zagatta: Wie ist es da mit öffentlichen Mitteln, erhalten Sie da im Moment Unterstützung von der Bundesregierung oder erhoffen Sie sich die?

van Son: Na ja, solche Entwicklungen sind nur möglich mit öffentlicher Unterstützung, so wie wir das auch in Deutschland kennen, mit Fotovoltaik-Entwicklung, mit Wind und so weiter. Das gilt hier auch, und wir sehen überhaupt keinen Grund, weshalb die Bundesregierung und auch Europa hier nicht auf ähnliche Weise unterstützt.

Zagatta: Paul van Son, Geschäftsführer des Wüstenstromkonsortiums Desertec. Herr van Son, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

van Son: Ja, danke sehr!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk