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StartseiteInterview der WocheTerium: "Wir brauchen dringend eine Korrektur"02.02.2014

EnergiewendeTerium: "Wir brauchen dringend eine Korrektur"

Der Chef des größten deutschen Stromversorgers RWE, Peter Terium, warnt vor Verzögerungen bei der Umgestaltung der Energiewende. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks sagte Terium, die drohende Streichung der Rabatte für energieintensive Unternehmen wäre für die deutsche Wirtschaft nicht zu verkraften.

Peter Terium im Gespräch mit Klemens Kindermann

Peter Terium, Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns RWE  (picture alliance / dpa / Federico Gamerini )
Peter Terium ist seit 2012 Chef des Essener Energieriesen RWE (picture alliance / dpa / Federico Gamerini )
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 Klemens Kindermann: Herr Terium, seit gut eineinhalb Jahren stehen Sie an der Spitze von RWE. Seitdem wird Ihr Konzern regelrecht durchgeschüttelt. Die Folgen des Atomausstiegs, die Energiewende – Sie selbst habe von einem Tal der Tränen gesprochen – und diese Woche mussten Sie schließlich eine Wertberichtigung von über drei Milliarden Euro vornehmen. Von Ihnen ist bekannt, dass Sie Yoga treiben – braucht man das angesichts dieser Herausforderungen?

Peter Terium: Also braucht man das? Vielleicht nicht unbedingt, aber es schadet sicherlich nicht. Ich glaube, man wird nicht verneinen können, dass das schon ein ganz stressvoller Job ist. Und Yoga hilft mir dabei, die Spannung aus dem Körper zu kriegen, die innere Balance wiederzufinden oder zu behalten und auch, um den Kopf frei zu machen. Und das ist, glaube ich, sicher in der jetzigen Zeit in diesem Job kein Luxus.

Kindermann: Ja, den Kopf frei machen braucht man vor allen Dingen wahrscheinlich für die Energiewende im Moment. Damals, an Ihrem ersten Arbeitstag, haben Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesagt: „Wende, das bedeutet Änderung – auch für RWE.“ Nun gibt es mit der neuen Bundesregierung auf einmal eine Wende der Wende, nämlich der Energiewende. Was ändert sich jetzt für RWE?

Terium: Ja, Wende der Wende, das hört sich so an, als ob man da keinen festen Kurs hält. Also, das sehe ich nicht ganz so schlimm. Mit Herrn Gabriels Initiative, jetzt zuerst mal zum EEG, wird das getan, wo wir auch in den letzten Monaten darauf hingewiesen haben, dass das dringend notwendig ist. Das ist eine Überarbeitung des EEGs. Das ist mal gedacht worden, um neue Technologien anzuschieben. Und inzwischen muss man sagen, bei 25 Prozent Marktanteil sind die neuen Technologien schon relativ marktfähig geworden – nur die Vergütung ist nicht marktfähig. Und dafür brauchen wir dringend eine Korrektur. Erstens, weil der Markt sonst nicht mehr funktioniert. Zweitens und vielleicht sogar noch wichtiger ist, weil der Bundesbürger es auf Dauer nicht mehr bezahlen kann.

Kindermann: Und wie bewerten Sie denn, dass der neue Wirtschaftsminister Gabriel jetzt so schnell umsteuert. Hätten Sie das für möglich gehalten?

Terium: Für möglich vielleicht nicht oder vielleicht doch – das ist, glaube ich, nicht so relevant. Es war notwendig. Es war notwendig, weil er unglaublichen Druck aus Brüssel gekriegt hat. Im Dezember hat ja der Wettbewerbskommissar Almunia ein höfliches Schreiben besorgt in Berlin, worin steht, dass das EEG als nicht wettbewerbskonform nach europäischem Recht gesehen wird und dass er dies untersuchen wird.

Kindermann: Und am 1. August soll dieses EEG 2.0 schon in Kraft sein – ist das realistisch?

Terium: Ich glaube, das ist möglich. Aber es ist nur dann möglich, wenn man auf den Druck aus Brüssel hinweist und auch nur dann möglich, wenn man sich realisiert, was die Alternative ist. Und die Alternative ist, dass wir ab 01. Januar keine Vergünstigungen mehr für energieintensive Unternehmen haben. Und das, glaube ich, hält keine Bundesregierung durch. Und das wird, glaube ich, nicht nur das Parlament, der Bundestag, sondern auch der Bundesrat verstehen. Deswegen hat Gabriel jetzt allen Druck und Unterstützung, die er braucht, um zu überzeugen, dass diese Notwendigkeiten gegeben sind.

Kindermann: Aber es gibt Widerstand aus den Bundesländern. Könnte denn die Wirtschaft damit leben, wenn sich das verzögert, wenn die Reform der Energiewende später kommt?

Terium: Also ich glaube, das Problem ist nicht die Wirtschaft oder ist vielleicht doch die Wirtschaft, denn wenn es später kommt, dann wird Almunia sagen: Das ist nicht wettbewerbskonform. Er wird die Ausnahmetatbestände während dieser Untersuchung nicht mehr neu auflegen lassen. Das bedeutet, dass ab dem 1. Januar 2015 alle Vergünstigungen nicht mehr umgesetzt werden können, nicht mehr zuerkannt werden können. Und das ist für die Wirtschaft einfach nicht zu verkraften und das weiß auch die Bundesregierung. Und ich gehe auch davon aus, dass auch der Bundesrat am Ende sich dem beugen werden muss.

Kindermann: Was wären denn die Folgen für die Wirtschaft, wenn das nicht Mitte des Jahres käme, diese Reform?

Terium: Also wenn das nicht Mitte des Jahres kommen würde, dann wäre unter der jetzigen Europäischen Kommission und unter Almunia das Gesetz nicht mehr als ein subventionsfähiges Gesetz anerkannt, und dann würden die Ausnahmeregelungen für die Energieintensiven ab dem 1. Januar 2015 wegfallen.

"Natürlich glaube ich an die Fähigkeiten von Sigmar Gabriel"

Kindermann: Zu diesen Ausnahmereglungen kommen wir gleich noch. Haben Sie denn den Eindruck, dass die Energiewende jetzt unter dem neuen Energieminister besser gemanaget wird?

Terium: Was heißt besser gemanaget – also natürlich glaube ich an die Fähigkeiten von Sigmar Gabriel – was nicht sagen soll, dass die Vorgänger jetzt unbedingt so wesentlich viel schlechter waren. Ich glaube, die Umstände sind jetzt da, um es richtig vorwärtszubringen.

Kindermann: Haben Sie schon mal mit Herrn Gabriel gesprochen über dieses EEG?

Terium: Ja, sicher. Ich habe auch in den vergangenen Jahren regelmäßig – regelmäßig heißt jetzt nicht sehr frequent, aber ab und zu – mit ihm gesprochen; wie wir als Unternehmen mit allen führenden Politikern oder Fraktionsspitzen von allen Parteien regelmäßig Kontakt halten.

Kindermann: Er hat in seiner Regierungserklärung am Donnerstag ja besonders um die Rückendeckung der Grünen geworben – irritiert Sie das?

Terium: Nein. Ich glaube, die Energiewende ist ein gesellschaftliches Projekt, wo man jegliche Unterstützung braucht. Unterstützung von allen Parteien, querbeet durch die Gesellschaft und auch Unterstützung von denjenigen, die mal ursprünglich die Energiewende in Gang gesetzt haben, und das waren damals die Grünen. Soweit kann man es nicht ganz ohne die tun. Wichtig für mich allerdings ist, dass der Startpunkt eine Mehrheit über die große Koalition ist, und das soll die Ausgangsbasis sein. Und wenn man dann noch mehr Unterstützung kriegen kann, ist das fein, aber die Startbasis ist zuerst einmal die große Koalition und eine gegebene Mehrheit, nach meinem Gefühl.

Kindermann: Und an der Spitze der Großen Koalition steht ja die Bundeskanzlerin. Früher gab es ja mal enge Kontakte zwischen dem Bundeskanzleramt und der Energiebranche – ist das heute auch noch so?

Terium: Also „eng“ geht jetzt zu weit. Es findet ein sachlicher Austausch statt. Der ist regelmäßig, aber nicht sehr frequent, aber der ist – wie ich das schon sagte – immer sehr sachlich und auch sehr angenehm im Ton und insoweit auch zielführend. Das muss nicht unbedingt ein amikales Verhältnis sein. Aber dass man sich zuhört, dass man Argumente austauscht und dass man auf der Basis dann die notwendigen Entscheidungen trifft, ist, glaube ich, richtig.

"Wir haben wie die Weltmeister in Gaskraftwerke investiert"

Kindermann: Wann haben Sie sich das letzte Mal mit der Bundeskanzlerin ausgetauscht?

Terium: Mit der Bundeskanzlerin habe ich mich unter vier Augen getroffen im August. Das war direkt nach ihrem Urlaub und bevor sie in den Wahlkampf gegangen ist. Und das war ein Jahr, nachdem ich mein erstes Gespräch mit ihr hatte. Insoweit, einmal im Jahr ein Privatgespräch mit der Bundeskanzlerin zu haben, als Führer eines der größeren deutschen Energieunternehmen oder Industrieunternehmen, ist, glaube ich, eine ordentliche Handhabe.

Peter Terium, RWE mit Klemens Kindermann (v.lks.) (Deutschlandradio / Nils Heider )RWE-Chef Peter Terium (l.) mit DLF-Wirtschaftsredakteur Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Nils Heider )

Kindermann: Wende der Energiewende – ist RWE – das Unternehmen RWE – nicht eigentlich einer der Hauptprofiteure von dieser Wende jetzt?

Terium: Ja, das geht mir jetzt ein bisschen zu weit. Erst mal sind wir unglaublich getroffen durch das, was in der Energiewende ungeplant stattgefunden hat, muss ich noch mal drauf hinweisen. Die ursprünglichen Pläne zur Energiewende sind ja in den Jahren 2003, 2004 und 2005 vom Umweltministerium verabschiedet worden. Und die Pläne sahen einen Ausbaupfad für Wind und für Sonne und auch eine Notwendigkeit für Erzeugung vor allem auch aus Gaskraftwerken vor. Wir haben dann in den Jahren 2006 bis 2012 wie die Weltmeister in Gaskraftwerke investiert, wir haben parallel unsere Kohleflotte modernisiert. Und inzwischen ist dieser Ausbaupfad ganz anders gelaufen als damals vorgesehen. Ich rede hier vor allem über Sonnenenergie. Ziel war, in 2013 7,5 GigaWatt Sonne/Fotovoltaik zu haben – wir sind jetzt bei 37 und damit sind alle Pläne Makulatur, auch unsere Gaskraftwerke, die wir gebaut haben – und die stehen jetzt.

Kindermann: Ärgert Sie das eigentlich, dass Sie sich auf die Politik verlassen haben, gerade bei den Gaskraftwerken?

Terium: Mich ärgert nicht, dass ich mich auf die Politik verlassen habe, mich ärgert, dass eine kontrollierte, geplante und bezahlbare Energiewende so gedreht ist, dass es zu Mehrkosten führt, die am Ende das Projekt Energiewende gefährden. Ich habe auch in meinen früheren Interviews in Zeitungen, auch im Funk immer gesagt, als man mich fragte, kann die Energiewende gelingen, da habe ich gesagt: Technisch kriegen wir das hin! Wenn sie scheitert, scheitert sie an der Akzeptanz bei der Bevölkerung.

Kindermann: Was machen Sie jetzt mit den Gaskraftwerken? Also diese Ergebniskorrektur – drei Milliarden – sind ja hauptsächlich Gaskraftwerke. Was machen Sie jetzt mit denen?

Terium: Ja, das ist eine bizarre Situation. Wir brauchen bis Ende der Dekade diese Kraftwerke, nur, ich kann sie ja nicht bis dahin einfach rumstehen lassen. Das ist ja investiertes Kapital, und auch wenn man es rumstehen lässt, muss es trotzdem regelmäßig gewartet, gepflegt, gereinigt und überwacht werden. Die Alternativen, die ich habe sind, die Turbinen abzubauen und irgendwo anders hin zu verkaufen. In der Welt sind solche Anlagen gefragt. Nur, wenn ich das tun würde, dann würde ich was Gutes fürs Unternehmen und auch für meine Aktionäre tun – auf jeden Fall auf kurzer und mittelfristiger Sicht –, langfristig wäre es schlecht für die Gesellschaft, wäre schlecht für Deutschland und damit auch schlecht fürs Unternehmen.

Kindermann: Über was für einen Zeitraum reden wir da? Wie lange halten Sie das noch durch, die Gaskraftwerke laufen zu lassen?

Terium: Wir haben sie jetzt zuerst mal eingemottet. Das kann man so ein, zwei, zweieinhalb Jahre machen. Die Frage ist, welche Perspektive sie für die Zeit danach haben. Und im Moment haben wir keine. Wir brauchen ja, damit Gaskraftwerke auch zukünftig als Reservekraftwerke, als Back-up-Kraftwerke zum Einsatz kommen, brauchen wir eine Vergütung, die auch diesen Bereitstellungsdienst vergütet. Und da ist noch nichts zu erkennen. Dafür brauchen wir einen Kapazitätsmarkt. Und es wird zwar über selektive Kapazitätsmechanismen nachgedacht, aber das ist etwas ganz anderes, als ein Kapazitätsmarkt, der auch bestehende Kraftwerke – nicht nur Gas, auch Steinkohle – in irgendeiner Form dann rechtfertigt.

Kindermann: Um das noch mal klar zu stellen, Sie wollen, so eine Art Bereitstellungsgebühr haben für Reservekraftwerk? Aber da hat sich ja die neue Bundesregierung eigentlich eher nebulös im Koalitionsvertrag geäußert: So mittelfristig könne man drüber nachdenken. Aber da gibt es ja nichts Konkretes, oder?

Terium: Nein, da gibt es nichts Konkretes oder da gibt es noch nichts Konkretes. Man hat allerdings im Koalitionsvertrag und später noch mal präzisiert und auch bestätigt, dass man kurzfristig mit der Branche sich austauschen will darüber, wie der Markt in Zukunft aussehen soll. Und natürlich drängt Gabriel zuerst mal auf die günstigste Lösung. Und die günstigste Lösung wäre, selektiv an bestimmten Stellen bestimmte Kraftwerke zuerst mal zu verpflichten, am Netz zu bleiben und dafür dann auch eine – na ja, da kann man streiten – auskömmliche oder kaum auskömmliche oder nicht auskömmliche Vergütung. Wir sagen, das ist kurzfristig die beste Lösung oder sieht aus wie kurzfristig die beste Lösung. Mittelfristig und langfristig ist das eine viel teurere Lösung.

Kindermann: Wer soll das denn bezahlen? Der Steuerzahler?

Terium: Ja, das ist eine Frage, wie Sie das umlegen. Am Ende ist das zu entscheiden von der Bundesregierung. Das ist ja eine Entscheidung, die eine demokratisch gewählte Regierung treffen muss, ob sie diese gesellschaftlichen Kosten – die man einfach nicht verneinen kann, die sind da, da gibt es kein Nullsummenspiel –, diese gesellschaftlichen Kosten, wie die verteilt werden. Da gibt es Spielregeln aus Brüssel. Die müssen ja marktkonform verteilt werden. Letztendlich ist es am Ende die Regierung, die entscheidet, wie sie das tut.

Kindermann: Was kostet das denn, so eine Bereitstellung?

Terium: Wenn wir über einen Kapazitätsmarkt reden, diese Bereitstellungsprämie, dann hängt das … was wir wollen, ist ein dezentrales, marktgetriebenes System und der Markt funktioniert über Nachfrage und Angebot. Zur Zeit haben wir Überkapazitäten, soweit dürfte dann die Prämie minimal sein. Wir reden da über 0,1 oder 0,2 Cent.

Kindermann: Sagen wir mal in einem Endkorridor. Also für erneuerbare Energien werden 24 Milliarden Euro ausgegeben, ist das dann auch die Größenordnung?

Terium: Nein, ist es nicht. Wir fangen an mit 0,1 bis 0,2 Eurocent. Das kann dann wachsen, wenn sie neue Kraftwerke brauchen, bis auf 1,2, 1,5 Eurocent. Das ist eine Größenordnung im Vergleich zu den 22 Milliarden, da reden wir dann über 3 bis 5 Milliarden. Und die 3 und 5 Milliarden sind nicht zusätzlich zu den 22 Milliarden, die sind die Voraussetzung, dass die 22 Milliarden überhaupt funktionieren können.

"Genugtuungen gibt es in meinem Job nicht "

Kindermann: Jetzt haben über Kohlekraftwerke, Gaskraftwerke, Reservekraftwerke gesprochen. Lassen Sie uns noch mal kurz über Kernkraftwerke sprechen. Da haben Sie ja ein Urteil bekommen zum Atomkraftwerk Biblis, das für Sie gut ausgegangen ist, also die vorübergehende Abschaltung war rechtswidrig. Ist das eine Genugtuung für Sie?

Terium: Nein. Also Genugtuungen gibt es in meinem Job nicht. Das soll man auch nicht tun. Ich habe ja auch an anderer Stelle schon gesagt: Ich bin kein Überzeugungstäter – ich muss allerdings auch für die Rechte meiner Aktionäre aufkommen. Das hört sich fast wie Großkapitalismus an, aber vergessen Sie nicht, dass unsere Aktionäre sehr oft Privathaushalte sind, sehr oft auch größere Anleger sind, die einen Pensionsfond repräsentieren. Ich nehme immer wieder als Beispiel Canadian Teachers’ Pension Fund. Das ist der Pensionsfond der kanadischen Lehrer, und der ist lange Investor bei uns. Der braucht die Dividende, der braucht eine bestimmte Stabilität, um auf Dauer die Pensionen auszahlen zu können.

Kindermann: Und die Kommunen an Rhein und Ruhr sind ja auch Ihre Aktionäre, die brauchen die auch.

Terium: Die sind es auch. Die brauchen das genauso für ihren Haushalt. Wenn wir unsere Dividende kürzen, dann muss die ein oder andere Kommune entscheiden, welche Buslinie …

Kindermann: Das tun sie ja bereits.

Terium: Ja genau. Und als Folge muss die Kommune entscheiden, welche Buslinie sie streicht.

Kindermann: Haben Sie da eigentlich Widerstand von den Kommunen schon gespürt?

Terium: Widerstand ist ein großes Wort, denn die Notwendigkeit ist gegeben. Wir machen das ja nicht, weil es uns Spaß macht. Wir machen es, weil es nicht zu vermeiden ist. Das gilt nicht nur für die Kommunen. Kommen wir wieder zurück auf den Pensionsfond, denn 75 Prozent unserer Aktien sind nicht in kommunaler Hand. Es sind auch seriöse Investoren, die diese Rendite brauchen, die diese Dividende brauchen.

Kindermann: Aber vom Pensionsfond dann wieder zurück zu den Kernkraftwerken. Da sind ja die Margen immer geringer, die Sie bekommen. Das ist jetzt schon langsam an der Grenze dessen, was man eigentlich verantworten kann, oder? Drohen eigentlich Abschaltungen von Kernkraftwerken?

Terium: Nein, noch nicht. Noch nicht. Aber es hängt natürlich vom Strompreis ab. Wenn der Strompreis – jetzt konjunktiv geredet – weiter runter gehen würde, dann wird es kritisch. Wir sehen das allerdings zur Zeit nicht. Der Strompreis hat sich seit Mitte letzten Jahres einigermaßen stabilisiert, ist zum Teil abhängig davon, was auf den Welt-Commodity-Märkten passiert. Aber wir sehen ein sogenanntes Bottoming Out. Insoweit glaube ich, dass eine weitere Absenkung der Strompreise nicht zu sehen ist, und dadurch gibt es auch keine direkte Gefahr für die Kernkraftwerke. Die Margen sind dünn. Das heißt, eigentlich Abschalten machen wir nicht, aber viel damit verdienen tun wir zu Zeit auch nicht mehr. Das ist übrigens – muss man auch sagen – maßgeblich durch die Brennelementesteuer auch getrieben.

Kindermann: Ja, noch mal einmal: Also die Margen gehen ja zurück – also 18 Euro hatten Sie 2012, acht Euro 2013, jetzt zwei Euro. Wenn man so eine Kurve zieht, dann droht ja bald ein Verlust bei den Kernkraftwerken?

Terium: Nein, droht ja nicht, das sage ich Ihnen ja gerade. Das passiert nur dann, wenn der Strompreis noch weiter runter gehen würde.

Kindermann: Und dann kommt es aber auch zu einer …

Terium: Aber er wird nicht weiter runter gehen, habe ich Ihnen jetzt gerade auch ein paarmal versucht zu erklären. Und versuchen Sie mir nicht, jetzt irgendwelche Drohszenarien mit Schließung von Kernkraftwerken in den Mund zu legen! Denn das habe ich nicht gesagt und das werde ich auch nicht sagen! Der Strompreis ist zur Zeit stabil – dank Gott, ja –, denn sonst müssten wir noch größere Abwertungen vornehmen. Und auf diesen stabilen Strompreis wird das Kernenergiegeschäft ein moderat oder minimal verdienendes Geschäft werden.

"Wenn wir weitere Kernkraftwerke schließen, wird es irgendwann eng"

Kindermann: Dann darf ich ein anderes Drohszenario aufrufen, die sogenannten Blackouts. Energiekonzerne warnen ja davor, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien ungehemmt fortgesetzt wird. Der wird jetzt begrenzt – also sinkt die Gefahr von Strom-Blackouts?

Terium: Ja, ich meine, es droht natürlich jetzt ein sehr langweiliges Interview zu werden, denn auch mit Blackouts habe ich nie gedroht. Ich sehe die auch kurzfristig nicht kommen. Was ich gesagt habe und ernsthaft gemeint ist, dass wenn man das extrapoliert und glaubt oder vielleicht hofft oder erwartet, dass Wirtschaftswachstum zurückkommt nach Europa und wenn wir dann noch weitere Kernkraftwerke schließen, wenn wir keine neuen bauen, dann wird es irgendwann eng, ja. Und darauf habe ich hingewiesen. Deswegen brauchen wir … müssen wir jetzt Aktionen unternehmen, damit in drei, vier, fünf Jahren die Rechnung noch aufgeht. Und insoweit sehe ich keine sofortigen Blackouts. Natürlich ist es so, dass die Situation jetzt angespannter ist, als sie je war. Wir haben ja schließlich über Nacht acht Kernkraftwerke vom Netz genommen. Das war vor allem im ersten Winter 2011/2012 kritisch, weil das ein Experiment war. Wir haben nie so kurzfristig acht Kernkraftwerke abgeschaltet. Daraus haben wir gelernt. Das war an ein oder zwei Wintertagen wirklich sehr eng. Aber die Schwachstellen sind dadurch klar geworden, die sind beseitigt oder repariert oder angepasst worden. Es waren übrigens meistens auch systemische Schwachstellen, dass bestimmte Gasverträge keine Flexibilität hatten, um an einen bestimmten Ort Gas zu kriegen, damit man Kraftwerke betreiben kann. Das ist beseitigt. Soweit ist es stabiler geworden. Aber alleine schon die Tatsache, dass wir früher bis zehn Eingriffe im Jahr hatte, vom Netzwerkbetreiber, und dass wir jetzt bei irgendwie 1.000 bis 1.400 liegen, gibt schon an, wie das System jetzt unter Stress steht.

Kindermann: Kommen wir mal zur Windenergie. Wie lohnend ist denn für Sie noch das Investment in die Offshore-Windparks, also auf hoher See?

Terium: Ja, also ich sage jetzt mal, die Einspeisevergütungen, wie sie waren oder wie sie jetzt auch noch mal bestätigt worden sind – Investitionssicherheit –, sind auskömmlich. Sind aber nur dann auskömmlich, wenn wir es schaffen, zu den geplanten Kosten die Windparks zu errichten.

Kindermann: Wobei da ist ja auch die Energiewende eigentlich, also die Wende der Energiewende, für Sie wieder günstig, weil die Fördersätze, die sinken ja relativ geringfügig?

Terium: Ja. Und das ist auch gut so, denn wir werden langfristig ohne Wind-Offshore nicht auskommen können.

Kindermann: Das heißt, Sie behalten die Investitionen bei in dem Bereich?

Terium: Wir haben die Investitionen vor 1,5 bis 1 Jahr stark reduziert. Und auf diesem reduzierten Niveau fahren wir jetzt zuerst mal weiter. Wir haben natürlich Schwankungen von einem zum anderen Jahr, aber wir haben damals angekündigt, dass wir von einer Milliarde auf eine halbe Milliarde runtergehen, und das werden wir im Schnitt so auch treffen. Ein Jahr sind wir mal ein bisschen drunter, ein Jahr mal ein bisschen drüber.

Kindermann: Ist denn Windenergie Onshore, also auf dem Land, hat das eigentlich eine Zukunft noch aus Ihrer Sicht?

Terium: Ja, hat es. Nur irgendwann geht uns das Land aus. Wir sehen doch jetzt schon in Deutschland, wo überall Windmühlen stehen. Und wenn sie davon ausgehen, dass, um auf 55 Prozent Erneuerbare zu kommen, sie eine Fläche brauchen, die größer ist als Deutschland, dann ist das relativ simpel. Irgendwann geht das nicht mehr auf. Da müssen sie auf offenes Meer gehen und dann brauchen wir Wind-Offshore. Was wir allerdings brauchen, ist Wind-Offshore, der seine Lernkurve durchgemacht hat. Und natürlich im Nachhinein sind wir etwas zu ambitioniert gewesen, indem wir fünf Windparks parallel gebaut haben in der Nordsee. Vielleicht wäre es besser, mal mit ein oder zwei anzufangen und das, was man daraus lernt, bei den anderen mit niedrigeren Kosten dann zu implementieren.

Kindermann: Sie hören das Interview der Woche mit dem Vorstandsvorsitzenden des Stromkonzerns RWE, Peter Terium. Sie fahren ja auch die Investitionen in Ihrer Ökostromtochter runter – Innogy –, halbieren da auch die Belegschaft. Schneiden Sie sich da nicht ein Stück weit die eigene Zukunft ab?


Peter Terium, wurde am 26. September 1963 im niederländischen Nederweert geboren. Der gelernte Wirtschaftsprüfer arbeitete für das Finanzministerium in Den Haag bevor er zur Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG wechselte. Seit 2003 arbeitet er für RWE. Im April 2012 wurde er Vorstandsvorsitzender des Essener Energieriesen. 

Terium: Teilweise ja. Das tun wir ja nicht gerne. Wir würden auch sehr gerne weiter oder noch mehr in die Erneuerbaren investieren. Nur, ich kann nur Geld ausgeben, was ich habe – und im Moment haben wir kein Geld mehr. Sie kennen ja unsere Verschuldungssituation, und da gibt es keine goldene Lösung, da müssen sie an allen Ecken und Kanten sparen. Das bedeutet auch, dass wir ja, wie die schwäbische Hausfrau, das Geld sparsam ausgeben müssen. Und dann stelle ich erstens fest, dass wir bei Wind-Offshore und generell bei unserer Ökotochter Innogy im Wettbewerb zwischen den Ländern stehen und dann entscheiden müssen, wo wir das Geld ausgeben – entweder in Deutschland, in der Nordsee oder auf dem Land oder in den Niederlanden oder – was wir zur Zeit sehr stark tun – in England, weil da die Fördersätze durchaus auskömmlicher sind als in Deutschland. Nur, wir haben auch nur eine begrenzte Kapazität an Geld.

Kindermann: Stichwort „kein Geld mehr“ – wollen Sie eine Kapitalerhöhung in Zukunft vornehmen?

Terium: Nein, haben wir nicht vor. Auf absehbare Zeit ist eine Kapitalerhöhung bei uns nicht geplant. Das kann man nie für immer und für ewig ausschließen, aber in unserer Planung ist keine drin.

Kindermann: Wollen Sie sich nicht einen Vorratsbeschluss geben lassen?

Terium: Ja, das wollen wir.

Kindermann: Auf der Hauptversammlung?

Terium: Ja, das wollen wir. Das darf man allerdings nicht verwechseln mit einer Kapitalerhöhung. Ein Vorratsbeschluss ist so eine Art Absicherung – auch dort wieder im Fall der Fälle. Denken Sie mal an eine feindliche Übernahme. Dann haben sie diese Kapitalmaßnahme als so eine Art Verteidigungsinstrument da. Das hat jedes große DAX-Unternehmen in seinem Werkzeugkasten drin. Es ist allerdings keine zugesagte oder geplante Kapitalerhöhung – stärker noch, wir haben bei uns auch gesagt, wir würden es nur nach vollständiger Zustimmung des Aufsichtsrates erst einsetzen. Und da sind natürlich unsere Kapitalanleger auch mit dabei.

"Ein schlankeres Unternehmen ist natürlich ein Stück dynamischer"

Kindermann: RWE – Sie wollen bis 2016 jede zehnte Stelle streichen. Wird das realisiert? Kommt da noch mehr?

Terium: Also es ist wie zu Hause. Wenn sie den Frühjahrsputz gemacht haben, dann können sie nicht glauben, dass dann zehn Jahre nichts mehr getan werden muss. Jetzt reden wir hier nicht über Frühjahrsputz in dem Sinne, dass wir Schmutz beseitigen – das wäre jetzt völlig die falsche Wortwahl –, sondern wir reden darüber, dass wir das Unternehmen fit für die Zukunft machen müssen. Wir müssen in neue Geschäfte rein. Und wir haben auch die drei Säulen, die im Moment noch sehr ertragreich sind. Neben der Erzeugung, die ja zu Problemen führt, haben wir noch den Handel, wir haben die Netze und wir haben den Vertrieb. Dort müssen wir neue Produkte entwickeln. Dort müssen wir in neue Marktsegmente reingehen. Das bedeutet, eine bestimmte Dynamik, eine Agilität. Und ein schlankeres Unternehmen ist natürlich ein Stück agiler und dynamischer und kann schneller neuere Sachen erfinden und auch entwickeln und auch ausrollen als ein großes, starres Unternehmen.

Kindermann: Warum sind die Gespräche zum Kündigungsschutz unterbrochen bei RWE?

Terium: Der laufende Tarifvertrag läuft Ende des Jahres aus. Insoweit haben wir da noch ein bisschen Zeit. Das gehört dann auch zur Verhandlungsusance, dass man sich zuerst mal beschnuppert und mal die Positionen versucht abzustecken. Wir haben nicht weitergekämpft und auch die Gewerkschaft nicht. Wir haben gesagt, da müssen wir drüber nachdenken und vielleicht finden wir da mit guten Gesprächen und mit vernünftiger Tonart eine Lösung, die dem Unternehmen auch mittelfristig und langfristig dient.

Kindermann: Aber über diese Planung „2016 jede zehnte Stelle gestrichen“, darüber denken Sie noch nicht weiter, über weitere Personalabbaumaßnahmen nach?

Terium: Nein. Wir schauen erst mal so weit bis zum Horizont. Natürlich werden wir in einigen Bereichen weitere Effizienzen heben – wie das so schön heißt. Das bedeutet, dass wir dort auch mit weniger Leuten auskommen müssen. Aber wir werden neue Bereiche ausbauen. Und ich kann eben jetzt noch nicht vollständig abschätzen, wie erfolgreich diese neuen Bereiche sein werden, wie erfolgreich diese neuen Produkte sein werden. Natürlich ist es unser oberstes Ziel, mehr Geschäft zu entwickeln als wir irgendwo anders einsparen. Nun, Garantien gibt es da nicht, und insoweit ist es auch schwierig, dazu schon jetzt was zu sagen.

Kindermann: Sie wollen nicht nur das Unternehmen schlanker aufstellen, sondern auch einen Kulturwandel, haben Sie gesagt. Das hat bei uns im Deutschlandfunk auch der Chef der Deutschen Bank gesagt, dass er einen Kulturwandel braucht. Wer hat denn das größere Imageproblem, die Banken oder die Stromkonzerne?

Terium: Ach, wissen Sie, ich glaube nicht, dass es da einen Wettbewerb gibt in der Reputationsskala und wo man da im Ranking steht. Ich glaube, zur Zeit ist es so, dass in der Gesellschaft große Institutionen – ich rede nicht nur über Unternehmen, sondern große Institutionen, auch manche große Behörden – einen Vertrauensverlust in der Bevölkerung haben. Und da muss man grundsätzlich mal drüber nachdenken, woher das denn kommt und wie man damit umgeht. Wir beziehen uns jetzt erst mal auf uns selbst, ohne da auf andere zu gucken, und glauben, dass, indem wir sagen was wir tun und dann tun was wir sagen, wir auf Dauer den Vertrauensverlust wieder wettmachen können.

Kindermann: Immer mehr Unternehmen, immer mehr Bürger machen ja ihren Strom selbst. Wozu braucht man RWE noch?

Terium: Ja, weil über 50 Prozent, sogar bis 75 Prozent nicht von den Bürgern abgenommen wird, sondern von entweder Großindustrie, großen Städten oder von Handelsunternehmen beziehungsweise Mittelstand. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Bayer oder BASF seine Stromversorgung für den Chemiepark in Ludwigshafen irgendwie von Fotovoltaik auf dem Dach holt.

Kindermann: Herr Terium, vielen Dank für das Gespräch. 

 

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