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StartseiteInterviewEngergieagentur: Ausbau des Stromnetzes ist bis 2022 zu schaffen31.05.2012

Engergieagentur: Ausbau des Stromnetzes ist bis 2022 zu schaffen

Geschäftsführer Kohler: Stromkonzerne werden keine Kosten vortäuschen können

20 Milliarden Euro soll der Ausbau des Stromnetzes für die Energiewende kosten. Der Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur, Stephan Kohler, hält diese Investition für "überschaubar und tragbar". Der Preis für die Kilowattstunde Strom werde dadurch um 0,3 bis 0,4 Eurocent steigen.

Stephan Kohler im Gespräch mit Sandra Schulz

Strommast (Jan-Martin Altgeld)
Strommast (Jan-Martin Altgeld)

Sandra Schulz: Kraftwerke fehlen, die Kosten drohen auszuufern, Koordinationsprobleme. Bei der Energiewende der Bundesregierung gibt es gleich mehrere Baustellen. Als eine der größten Hürden für den Erfolg gilt aber der Ausbau der Stromnetze. Wie kommt der Strom dahin, wo er gebraucht wird? Die Frage treibt Experten schon seit Jahren um. Richtig dringlich ist die Frage aber mit dem Beschluss der Bundesregierung geworden, aus der Atomkraft auszusteigen. Klar ist: Neue Stromtrassen werden gebraucht. Seit gestern liegt der sogenannte Netzentwicklungsplan auf dem Tisch, vorgelegt haben ihn die vier großen Netzbetreiber. Leonard Ameln mit einem Überblick.

Leonard Ameln: "Weniger Strom aus Kohle, Öl und Gas, so gut wie kein Atomstrom mehr. Im Gegenzug soll bis 2020 der Anteil des Ökostroms von zurzeit 20 auf 35 Prozent steigen. Für dieses energiepolitische Ziel der Bundesregierung wird neben Biogas- und Solarkraftwerken vor allem die Windkraft massiv ausgebaut, und das lohnt sich vor allem vor den Küsten Norddeutschlands. Hauptverbraucher des Stroms aber sind die Industriezentren im Süden. Damit der Strom dort hingelangt, werden 3800 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen benötigt. Noch einmal 4400 Kilometer an bestehendem Netz sollen so optimiert werden, dass sie in der Lage sind, die schwankende Wind- und Solarstromeinspeisung besser aufzufangen.

Die vier großen, über mehrere hundert Kilometer laufenden Hauptleitungen sollen von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ausgehend Richtung Bayern und Baden-Württemberg verlaufen. Fix sind bisher nur die Start- und Zielpunkte. Diese werden nach technischen Begebenheiten wie großen Umspannwerken ausgewählt. Der genaue Trassenverlauf soll erst nach Bürgerkonsultationen festgelegt werden. Dafür haben potenziell Betroffene gerade einmal sechs Wochen Gelegenheit, Stellungnahmen abzugeben. Erdkabel wie von vielen Bürgerinitiativen aus Gesundheits- und Landschaftsgründen gewünscht sind bisher nicht vorgesehen. Für den Verbraucher könnte das große Investitionsprojekt steigende Netzentgelte bedeuten, ein weiterer Faktor für wahrscheinliche Strompreiserhöhungen. Insgesamt werden für Aus- und Neubau Kosten von 20 Milliarden Euro veranschlagt."

Schulz: Der Überblick war das von Leonard Ameln und wir wollen darüber in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon begrüße ich Stephan Kohler, er ist Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur, einem Institut, das zum Teil vom Staat, zum Teil von Finanzunternehmen getragen wird. Guten Morgen!

Stephan Kohler: Guten Morgen, Frau Schulz.

Schulz: Herr Kohler, die Zahl ist gerade noch mal vorgekommen: 20 Milliarden Euro soll der Ausbau kosten. Können Sie das nachvollziehen? Wie kommt die Schätzung zustande?

Kohler: Also, die Summe ist nachvollziehbar und mich erschreckt die Summe nicht, weil das sind Investitionskosten, die ja nicht pro Jahr anfallen, sondern jetzt müssen 20 Milliarden Euro investiert werden, die dann über lange Zeit abgeschrieben werden, und für den Strompreis bedeutet das, dass die Kilowattstunde für den Verbraucher ungefähr zwischen 0,3 bis 0,4 Eurocent steigt. Also aus meiner Sicht: Diese Investition ist auch von der Kostenseite her überschaubar und tragbar.

Schulz: Aber es gibt ja schon die ersten Vorwürfe, zum Beispiel von der SPD. Die wirft den vier großen Stromnetzbetreibern Täuschung bei den Investitionskosten für den Netzausbau vor. Müssen die Zahlen nicht noch plausibler gemacht werden?

Kohler: Also die konkreten Investitionskosten – das sind ja jetzt Kostenschätzungen, und wie in dem Beitrag ja richtigerweise dargestellt: Bisher ist ja noch keine konkrete Trassenplanung erfolgt, sondern jetzt ist festgelegt worden, wie viele Trassen notwendig sind, welche Übertragungsleistung dann zur Verfügung gestellt werden muss. Und jetzt geht es in der konkreten Trassenplanung, wenn jetzt der Netzentwicklungsplan verabschiedet ist, konkret darum, in welchen Gebieten können Freileitungen gebaut werden, oder eben Erdkabel aus Landschaftsschutz-, aus Menschenschutzgesichtspunkten, und die Kabelvarianten sind natürlich teurer. Und die konkreten Investitionskosten werden dann der Bundesnetzagentur zur Genehmigung vorgelegt, und deshalb denke ich schon, dass da die Netzbetreiber keine Möglichkeit haben, Kosten vorzutäuschen oder zu hohe Kosten in Rechnung zu stellen.

Schulz: Stephan Kohler von der Deutschen Energieagentur, wir machen hier einen kurzen Schnitt, denn wir haben ziemliche Leitungsprobleme. Wir versuchen, die Leitung gleich noch mal aufzubauen.

Jetzt steht die Leitung wieder zu Stephan Kohler von der Deutschen Energieagentur. – Wir haben gerade über die Zahlen gesprochen. Da möchte ich noch mal ansetzen. Warum werden denn die knapp 4000 Kilometer neuer Stromtrassen überhaupt gebraucht?

Kohler: Also wir brauchen deshalb die Stromtrassen, weil der Ausbau der regenerativen Energiequellen, Windenergie, insbesondere in Nord- und Ostdeutschland stattfindet. Windenergie wird in denjenigen Regionen erzeugt, die meistens strukturschwach sind, also wo nicht viele Menschen wohnen, und deshalb ist dort der Stromverbrauch gering und im Süden ist er stark. Und deshalb müssen wir den Strom von Norden und Osten nach Süden transportieren.

Schulz: Aber es gibt trotzdem Kritik, zum Beispiel vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Er sagt, dass die geplanten Leitungen schon bald überflüssig sein könnten, zum Beispiel weil jetzt ja auch Baden-Württemberg angekündigt hat, die Windenergie auszubauen. Wäre es nicht sinnvoller, die Energie gleich da zu produzieren, wo sie auch gebraucht wird?

Kohler: Also diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen, weil der Netzentwicklungsplan, der jetzt von den Übertragungsnetzbetreibern vorgelegt worden ist, dem unterliegt ja ein Ausbauszenario für regenerative Energiequellen und da ist natürlich berücksichtigt, dass jetzt auch Bayern und Baden-Württemberg Energiewende macht, entsprechend Windenergie oder Biogas zubaut. Dieses Szenario ist Grundlage von diesem Netzentwicklungsplan und das Ergebnis. Also, der Netzentwicklungsplan wurde ja nicht im luftleeren Raum entwickelt, sondern auch konkret die Berücksichtigung der Ausbauziele in den einzelnen Bundesländern.

Schulz: Jetzt liegen die Pläne also auf dem Tisch. Kommen sie dann auch, werden sie umgesetzt?

Kohler: Also, wir gehen davon aus, weil im letzten Jahr ist ja schon das NABEG, das Netzausbaubeschleunigungsgesetz, verabschiedet worden. Der Netzentwicklungsplan wird dann im Bundestag verabschiedet. Dann wird nicht mehr bei jeder einzelnen Leitung nachgefragt, ob sie notwendig ist oder nicht. Wir sind auch dafür, dass die Bundesnetzagentur die Zuständigkeit für die Bundesländer übergreifenden Leitungsausbauvorhaben bekommt. Dadurch, denke ich, bekommen wir eine Beschleunigung und die Netze müssen dann, jede einzelne Trasse, in einem Zeitraum zwischen drei, fünf, sechs Jahren gebaut werden. Dann werden wir auch im Zeitplan bis zum Jahre 2022 die entsprechenden Netze vorhanden haben.

Schulz: Stephan Kohler, und da hat uns leider die technische Qualität wieder verlassen. Stephan Kohler, der geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Energieagentur, heute in den "Informationen am Morgen". Haben Sie herzlichen Dank!

Kohler: Danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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