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Enhancement-GesellschaftDer Cyborg in mir

Die Verbindung von Körper und Technik, Mensch und Maschine birgt schon lange die Hoffnung auf eine verbesserte Lebensqualität und neue Heilungschancen. Der Soziologe Dierk Spreen weist in seinem neuen Buch über die sogenannte Enhancement-Gesellschaft jedoch auch auf die Schattenseiten der "Upgradekultur" hin - demnach drohen Entfremdung und Kontrollverlust.

Von Norbert Seitz

Der US-Amerikaner Tim Cannon hält durch Magnetismus einen Kopfhörermagneten an seinem Finger. Seit dem Frühjahr 2011 trägt Cannon einen Magneten im Finger. Leute mit derartigen Modifikationen bezeichnen sich als "Cyborgs". (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Magneten im Finger oder Sensoren im Kopf: Die Optimierungsdynamik hat die Normalität unserer Individualisierungsgesellschaft bereits erreicht, meint Dierk Spreen. (picture alliance / dpa / Ole Spata)
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"Enhancement heißt einfach, es geht hier im Kern um die Verbesserung des Körpers, der geistigen Fähigkeiten, der Kompetenzen, der Arbeit an sich selbst. Das ist dann der Gedankengang bei dieser Idee des kybernetischen Organismus, kurz: Cyborg, wie er seit den 60er-Jahren durch die Theoriewelt geistert. Das meint, dass technologische Anteile sich mit der Leiblichkeit verbinden, Teil der Leiblichkeit werden, also eine Fusion quasi des Menschen mit der technologischen Apparatur."

Dierk Spreen hat sich viel vorgenommen. Gleichsam inmitten von fragwürdigen Genlaboren und Beautyfarms möchte er das Enhancement als Idee vor dem drohenden Reputationsgau retten. So beschreibt er den Wertewandel, der die technologische Optimierungs- und Upgradekultur erst möglich gemacht hat.

Ausgehend von der Erkenntnis der philosophischen Anthropologie, wonach der Mensch immer zugleich etwas Natürliches und etwas Kulturelles ist, stößt er dabei auf Individualisierungstrends unserer Tage und Ulrich Becks Theorie von der "Risikogesellschaft" aus den 1980er-Jahren. Es gehe ihm darum, so Spreen:

"Risikokonturen der heraufziehenden Cyborggesellschaft auszumessen, ohne die Idee des Cyborgs und damit die Möglichkeiten der Verwandlungsfähigkeit, der Weltoffenheit und der Emanzipation des Menschen aufzugeben."

"Natürlichkeit und Künstlichkeit, das ist genau diese Idee, dass sich die Natur des Menschen nicht einfach als bloße Natur begreifen lässt, sondern eben immer im Kontext von künstlichen und kulturellen Medien gesehen werden muss. Diese Optimierung bezieht sich insbesondere auf das, was man ist und das, was man kann, also auf den Leib und Körper und auf die eigenen Fähigkeiten."

Cyborg-Diskurs bisher nur eine Passion von Technikfreaks

Spreen beleuchtet Licht- und Schattenseiten, die berechtigte Hoffnung auf eine verbesserte Lebensqualität und neue Heilungschancen ebenso wie die Nachteile von stärkerer Kontrolle und Überwachung. Worin liegen also die Vorteile?

"Mein bestes Beispiel ist immer Neil Haveson, der hat einen Eyeborg, so nennt er das, das ist ein Sensor, der am Kopf implantiert ist – er ist farbenblind – und der es ihm ermöglicht, Farben zu hören. Da schlägt die Heilung in eine Optimierung um, das heißt, der medizinische Kontext verändert sich im Rahmen dieser Upgrade-Kultur, aus der Heilung wird ein Enhancement."

Als Nachteile nennt der Berliner Kultursoziologe Entfremdungserfahrungen und der Kontrollverlust über eigene Daten. Vor allem aber, dass die Optimierung zu einer Norm sozialer Integration erhoben werden könnte, getreu der brutalen Devise: Wer sich nicht optimiert, fällt raus. Anerkannt wird nur, wer an sich arbeitet, Leistung bringt.

"Das scheint mir das Hauptrisiko zu sein: Dass also eine funktionalistische Perspektive und letztendlich technokratische Perspektive auf die Menschen geworfen wird, deren soziale Position dann wacklig wird, nicht mehr anerkannt wird, es droht dann Exklusion."

Bisher schien der Cyborg-Diskurs nur eine Passion von Technikfreaks. Darüber hinausgehend beschreibt Dierk Spreen, wie sehr die Optimierungsdynamik die Normalität unserer Individualisierungsgesellschaft erreicht hat. So begibt sich der Autor auch in außeralltägliche Sinnenwelten – in die Prothetik des Parasports, in die moderne Kriegsführung, die Weltraumfahrt und auf das Feld von Science-Fiction. Dort entwickele sich jeweils Upgrading gegen die Vorstellung eines naturgegebenen Körpers als "limitierendem Faktor".

"Die Grundidee ist, dass man Bereiche, Diskurse finden kann, in denen die Selbstverständlichkeit des mitgegebenen Körpers schlicht aufgegeben wird und in der man sich überlegt, wie können wir diesen Körper im Bezug auf besondere Anforderungen optimieren. Im Krieg die Belastung durch feindliche Waffeneinwirkung, im Weltraum – da gibt es keine Atmosphäre, in der Science-Fiction, das sowieso eine Welt ist, in der man sich Neues ausdenkt."

Vorausentwurf einer gesellschaftlichen Entwicklungstendenz

Der Autor experimentiert mit einer umstrittenen Idee, die er für zukunftsweisend hält. Dabei stellt er wichtige Fragen.

"Wieso sollte ein derart optimiertes Wesen noch ein Mensch sein?

Kann noch von Menschen gesprochen werden, wenn eine Software Daten, die aus dem Körper gewonnen werden, in "Handlungen" umrechnet?

Wo liegen Risiken dieser Technologieentwicklung, die ja nicht jenseits gesellschaftlicher Machtprozesse abläuft?"

Die Antwort auf diese selbst gestellten Fragen kann er aber nur in Teilen befriedigen:

"Prozesse der Cyborgisierung schaffen 'den Menschen' nicht ab. Vielmehr ist die Verwandlung von Menschen in Cyborgs mit der humanen Weltoffenheit durchaus vereinbar. Die Cyborggesellschaft entschlüsselt sich damit als ein historisch-gesellschaftliches Selbstverständnis des Menschen unter anderen Möglichkeiten."

"Der Grundgedanke ist, dass die Verwandlung eigentlich Teil der menschlichen Konstitution ist und damit natürlich auch die Möglichkeit, sich technologisch zu enthancen beziehungsweise upzugraden."

Dierk Spreens Buch über die Upgrade-Kultur ist als Vorausentwurf einer gesellschaftlichen Entwicklungstendenz durchaus lesenswert, ein spannender, zuweilen irritierender Denkanstoß. Dennoch vermag er auf seiner intellektuellen Gratwanderung zwischen "altlinker Fortschrittsskepsis" und posthumaner Technikaffirmation etliche Bedenken nicht auszuräumen. Vor allem jene Zweifel nicht, die etwa den derzeit viel zitierten Philosophen Michael Sandel stets beschleichen, wenn per Gentechnik "das krumme Holz des Menschen" begradigt werden soll:

 "Aber unsere Natur zu verändern, damit sie in die Welt passt und nicht umgekehrt, ist in der Tat die tiefste Form der Entmachtung. Es lenkt uns davon ab, kritisch über die Welt nachzudenken, und betäubt den Drang nach sozialer und politischer Reform."

Dierk Spreen: "Upgradekultur. Der Körper in der Enhancement-Gesellschaft"
transcript, 160 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 9783837630084

 

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