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StartseiteBüchermarktEntlarvung einer Ordnungsmacht15.09.2006

Entlarvung einer Ordnungsmacht

Mahmood Mamdani über die Außenpolitik der USA und die Ursprünge des Terrors

Der Politikwissenschaftler und Anthropologe Mahmood Mamdani spürte den Wurzeln des Terrors nach. Er findet sie in der amerikanischen Politik. Bei genauer Betrachtung, urteilt Mamdani in seinem Buch "Guter Moslem, böser Moslem", hätten die USA auf afghanischem Boden einen "amerikanischen Dschihad" losgetreten.

Von Stefan Fuchs

Osama bin Laden wurde zunächst von Amerika groß gemacht. (AP)
Osama bin Laden wurde zunächst von Amerika groß gemacht. (AP)

"Mitglieder von Al-Quaida, die in Dutzenden von Ländern rund um den Globus rekrutiert worden waren, lebten in dem Gefühl, dass es für sie keine Heimat gab, in die sie hätten zurückkehren können, als in Afghanistan der Dschihad gegen die Sowjetunion endete. Entwurzelt, verwirrt und verbittert, wie sie waren, wurden sie Geiseln einer gesellschaftlichen Situation, die sie mehr oder weniger dem politischen Nihilismus anheimgab und sie zur Streitmacht gegen ein Imperium werden ließ, das sie in der Sprache Reagans als 'böse' zu begreifen gelernt hatten."

Wie die Reagan-Regierung in ihrem blinden Eifer, den Kalten Krieg um jeden Preis zu gewinnen, aus Afghanistan eine Brutstätte des islamistischen Terrors machte, kann man bei den US-Dissidenten Noam Chomsky und Gore Vidal oder auch beim britischen Historiker Anatol Lieven nachlesen. Über ein weltweites Netz von Rekrutierungsbüros haben die CIA und ihre Helfer beim pakistanischen Geheimdienst ISI die Osama Bin Ladens angeworben und ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet verbracht. Nach amerikanischen Ausbildungshandbüchern wurden sie dort in den gängigen Praktiken des Tötens unterwiesen, zu Freiheitskämpfern erklärt und gegen die sowjetischen Besatzer eingesetzt. Der Politikwissenschaftler und gläubige Muslim Mahmood Mamdani ergänzt dieses Bild durch seine detaillierte Schilderung der fatalen Folgen für die Kräfteverhältnisse zwischen den unterschiedlichen Fraktionen des politischen Islam. Tatsächlich suchten sich die Geostrategen in Washington augenscheinlich ausgerechnet die radikalsten unter den islamistischen Radikalen für ihr Vorhaben aus, denn an einer Verhandlungslösung war ihnen nicht gelegen. Der Sowjetunion sollte ihr eigenes Vietnam bereitet werden.

"Die zentrale Zielsetzung: auf dem Boden Afghanistans eine Milliarde Muslime in einem heiligen Krieg, einem Kreuzzug gegen die Sowjetunion, zu vereinen. Eine zweite Absicht bestand darin, die Unterschiede in der Lehre zwischen beiden islamischen Glaubensrichtungen - der minoritären schiitischen und der majoritären sunnitischen - in einen politischen Gegensatz umzudeuten und so den Einfluss der iranischen Revolution einzudämmen. Der afghanische Dschihad war tatsächlich ein amerikanischer Dschihad."

Heute helfen keine "Besen sei's gewesen"-Rufe, die Geister, die man rief, man wird sie so schnell nicht wieder los. Mamdani skizziert die globale Infrastruktur des Terrors, die durch das entstanden ist, was er mit Bedacht den amerikanischen Dschihad nennt. Schritt für Schritt zeichnet er die einzelnen Phasen der unheiligen Allianz nach, die eine ganze Reihe westlicher Geheimdienste mit einer zuvor politisch völlig bedeutungslosen und gesellschaftlich isolierten Fraktion des radikalen politischen Islam verband - mit katastrophalen Folgen nicht nur für das unglückliche Afghanistan, in dem alle gewachsenen politischen Strukturen zerstört wurden, sondern auch für die Ursprungsländer dieser terroristischen Internationale wie etwa Algerien oder Ägypten. Was den Atem wirklich stocken lässt, ist die historische Großperspektive, in die er diese als außenpolitischer Realismus verbrämten Interventionen der US-Exekutive in der muslimischen Welt einordnet. So erscheint Afghanistan in seiner Darstellung nur als das dröhnende Crescendo einer von den USA nach dem Scheitern des Vietnamkriegs entwickelten langfristigen globalen Strategie, die euphemistisch "Konflikte niedererer Intensität" genannte Weiterentwicklung des Stellvertreterkriegs.

"Der Stellvertreterkrieg, von Kissinger als pragmatisches Mittel und Tarnung gedacht, um die Kontrolle durch den amerikanischen Kongress zu vermeiden, wurde unter der Reagan-Regierung zum ideologischen Großangriff aufgeblasen. Die Kriege niederer Intensität waren in mancherlei Hinsicht attraktiv. Sie eröffneten die Möglichkeit, ohne Kriegserklärung dennoch einen Krieg zu führen."

Für Mamdani waren diese gar nicht so kleinen, für Zivilisten aber besonders fatalen Kriege in der Praxis nichts anderes als mehr oder weniger direkt vom Pentagon und den US-Geheimdiensten initiierter Terrorismus. Während sich in Europa die beiden Imperien mit dem nuklearen Patt in Schach hielten, verwandelte sich die Dritte Welt zum Schlachtfeld. In Angola, Mosambik, Nicaragua, wo immer der Nationalismus versuchte, die zähen Fesseln des Kolonialismus und Neokolonialismus abzustreifen, sorgten die Geostrategen der westlichen Hemisphäre für Ausbildung und Bewaffnung konterevolutionärer Gruppen, die mit ihrem Terror gegen die Zivilbevölkerung unliebsame Regime destabilisierten. Wie Mamdani zeigt, geschah das mit der Renamo und der Unita in Afrika noch verhalten und indirekt über den Stellvertreter, den das Apartheidregime für die USA auf dem schwarzen Kontinent darstellte. Die Contras im zentralamerikanischen Nicaragua erfreuten sich dann aber einer ganz unverhohlenen Unterstützung durch die Reagan-Administration, die nicht zögerte, die von der CIA gesponserten Terroristen moralisch auf eine Stufe mit den Gründungsvätern der amerikanischen Republik zu stellen.

"Nicaragua war das Feld, auf dem die Reagan-Regierung lernte, wie geheime und offene Vorgehensweisen zu einer kohärenten Strategie verbunden werden konnten. Dabei wurde der Terrorismus mit einem politischen Prozess und Wahlen verbunden und auf diese Weise der Terror in einen politischen Sieg überführt. Der Grundgedanke lautete: Wenn es gelänge, auf effiziente Weise die richtige 'Dosis' an Terror zu 'verabreichen', die dann auch noch straffrei bliebe, wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerung so weit wäre, dass sie nur noch einen Ausweg sähe, nämlich den Terroristen das zu geben, was sie wollten, die Macht."

Nach vorsichtigen Schätzungen fielen 3000 Zivilisten diesem Stellvertreterkrieg in Nicaragua zum Opfer, 4000 wurden verwundet, 5000 entführt. Finanziert wurde das Unternehmen an den Kontrollorganen des amerikanischen Kongresses vorbei durch den Waffenhandel mit dem Iran und, - man kann es kaum glauben -, durch den Drogenhandel. Mamdani beruft sich auf eine Studie des anerkannten Historikers Alfred McCoy, der den Aufstieg des Kokainkartells von Medellin in direkten Zusammenhang mit der CIA-Unterstützung für die Contras bringt. Nach der gleichen Quelle dienten Opiumanbau und Heroinproduktion auch zur Alimentierung der Mudschaheddin in Afghanistan.

Die Geschichte der amerikanischen Stellvertreterkriege, wie sie Mamdani erzählt, lässt sich auch als Machtkampf innerhalb der amerikanischen Demokratie verstehen. Vom Clark- bis zum Boland-Amendment gab es immer wieder Versuche liberaler Kräfte im Kongress, die imperialen Extratouren der US-Exekutive zu unterbinden. Angesichts des Erfindungsreichtums der Falken in Washington allerdings mussten sich schließlich die Demokraten geschlagen geben. Die perfideste Variante der Stellvertreterstrategie wurde für Mamdani nach dem eigentlichen Ende des Kalten Krieges ausgeheckt. Die Sanktionspolitik gegen den Irak versteht er als Instrumentalisierung der UN durch die US-Außenpolitik. Auch hier war der so genannte Kollateralschaden erheblich. Der Tod mehrer hunderttausend irakischer Kinder wird von einer UN-Untersuchungskommission in den Zusammenhang mit dem totalen Handelsboykott gebracht. Mamdanis Schilderung des Katz-und-Maus-Spiels zwischen amerikanischer Exekutive und Legislative erinnert an das altehrwürdige Diktum des sechsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, John Quincy Adams, dass sich eine Demokratie und ein Imperium auf Dauer ausschließen müssen.

"Dafür, dass Amerika sich mit dem Terror einließ, musste Amerika als Erstes den Preis einer zunehmenden Erosion der Demokratie zu Hause zahlen. Das Bestreben, die Außen- von der Innenpolitik zu trennen, ist für imperiale Demokratien charakteristisch und war einer der schwer wiegenden Aspekte des Erbes, das der Kalte Krieg hinterlassen hat. Je weniger die Exekutive gegenüber Organen der Legislative Rechenschaft abzulegen hatte, desto mehr stellte sich für das offizielle Amerika die Außenpolitik in rein instrumentellen Begrifflichkeiten dar. Immer wieder wurde dieser vulgäre Pragmatismus als legitim hingestellt, indem es hieß: es ist richtig, weil es funktioniert."

Strikte Begrenzung rechtsstaatlicher und demokratischer Prinzipien auf die Innenpolitik kann in diesem Sinne auch als das dem unseligen Guantanamo zugrundeliegende Prinzip verstanden werden. Trotz alledem hat der Autor immer noch großes Vertrauen in die Selbstheilungskräfte dessen, was er die "imperiale Demokratie Amerika" nennt. Der aufmerksame Leser muss da eher skeptisch bleiben. Unklar auch das Woher und vor allem das Wie einer globalen Friedensbewegung, die Mamdani als letzte Rettung inmitten einer universell gewordenen Kultur des Terrors beschwören möchte.

Das Buch möchte man all jenen ans Herz legen, die noch immer von der Unverzichtbarkeit der USA als globale Ordnungsmacht in einer von eskalierender Gewalt bestimmten Welt ausgehen. Das Fazit, das sich dem Leser nach 319 Seiten Geschichte des Kalten Krieges aufdrängt: Amerika ist nicht die Lösung, es ist die Ursache der Probleme.

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