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"Entscheidend ist auf'm Platz"

Fußball als Wirtschaftsfaktor

Von Jessica Sturmberg

Für den Veranstalter, die FIFA, ist die Weltmeisterschaft in jedem Fall ein lukratives Geschäft.
Für den Veranstalter, die FIFA, ist die Weltmeisterschaft in jedem Fall ein lukratives Geschäft. (AP Archiv)

Der deutsche Einzelhandel erwartet von der Fußball-Weltmeisterschaft mehr als zwei Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz, das Hotel- und Gaststättengewerbe rechnet mit etwa 500 Millionen Euro Plus. Die Verkehrsunternehmen schätzen, dass sie während der vier Wochen fünf Millionen Gäste zusätzlich befördern werden. Ob sich die Erwartungen nach dem Anpfiff erfüllen werden, darauf jedoch kann man vielleicht nur mit der alten Fußballweisheit antworten: "Entscheidend ist auf'm Platz."

" (Franz Beckenbauer:)
"Es ist völkerverbindend. Das ist eine einmalige Chance, Deutschland in einem Licht erscheinen zu lassen. Das gibt's nie wieder."
(Dieter Hundt:)
"Die Fußball-Weltmeisterschaft wird einen Sondereffekt auf die deutsche Konjunktur haben"
(Hartmut Mehdorn:)
"Also ich glaube, dass Deutschland Weltmeister wird.""

Wie viel Potenzial insgesamt für die deutsche Wirtschaft in der WM steckt, darüber gehen die Prognosen der Ökonomen jedoch weit auseinander: Von optimistischen neun bis zehn Milliarden Euro Plus beim Bruttosozialprodukt gehen die Wirtschaftsforscher der Postbank aus. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ist dagegen skeptisch: letztlich werde es überhaupt keine nennenswerten konjunkturellen Impulse geben, erklärte das DIW in einer aktuellen Untersuchung.

Die Ratingagentur Standard and Poors erwartet laut einer Studie einen zusätzlichen Beitrag von fünf Milliarden Euro zum Bruttosozialprodukt in diesem Jahr - eine Steigerung der Wachstumsrate um ein Viertelprozent. Die Schätzung basiert dabei vor allem auf den Erfahrungen der Weltmeisterschaft in Frankreich vor acht Jahren, erklärt Olaf Tölke von Standard and Poors:

"Wir haben gesehen, dass in Frankreich etwa diese Größenordnung von einem Viertelprozent Effekt auf das BSP resultiert hat. Und wir haben das im Endeffekt übernommen. Gut, das kann in Deutschland auch passieren, sogar ein bisschen stärker noch, weil Deutschland aus einem Loch herauskommt. Aus einer tiefen Basis fällt es im Endeffekt leichter, so etwas zu realisieren."

Vier Wochen dauert die Fußball-WM. Vier Wochen, in denen 32 Mannschaften in 64 Spielen ihren Champion ermitteln. Ein Sportspektakel, bei dem mehr als drei Millionen Zuschauer in den Stadien dabei sein können und weltweit mehr als eine Milliarde Menschen die Spiele live vor dem Fernseher verfolgen werden. Für den Weltfußballverband FIFA eine Goldgrube. Rund 1,7 Milliarden Euro nimmt die FIFA durch das Turnier in Deutschland ein. Mehr als die Hälfte davon allein aus den Fernsehübertragungsrechten. Die zweite große Einnahmequelle ist das Geld der 15 internationalen Topsponsoren. Nach Abzug der Kosten bleibt der Verbandsorganisation, die in Deutschland Steuerfreiheit genießt, ein Überschuss von etwa 700 Millionen Euro.

Für den Veranstalter, die FIFA, in jedem Fall ein lukratives Geschäft. Aber lohnt sich die WM auch für das Ausrichterland Deutschland? Dem deutschen WM-Organisationskomitee fiel es nicht leicht, sechs nationale Förderer zusammen zu bekommen. Viele Unternehmen bezweifeln, dass sich das finanzielle Engagement überhaupt für sie rechnet. Sie zahlen zwar weniger als die Topsponsoren der FIFA, erhalten dafür aber im Gegenzug weniger Werbefläche. Eine strenge Kosten-Nutzen-Kalkulation dürfe man auch nicht anstellen, lautet die Einschätzung von Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn:

"Unsere Beteiligung ist eigentlich ein bisschen auch Euphorie. Die Werbeplattform, das sind für uns Entscheidungspunkte gewesen. Es geht nicht um reine Profitmaximierung an dieser Stelle, sondern die Welt ist zu Gast bei Freunden. Und da leisten wir schon unseren Beitrag. Das wird uns auf der langen Strecke Sympathie und Fahrgäste bringen. Das kann man nicht so kalt im rechten Winkel messen, sondern das muss man jetzt auch halt beobachten, wie sich das auf der langen Strecke entwickelt."

Ohnehin liegen die Schätzungen über die langfristigen ökonomischen Effekte für die deutsche Volkswirtschaft eher im Graubereich. Schwierig wird es bereits bei der Frage, welche wirtschaftlichen Aktivitäten überhaupt der Fußball-WM zugeordnet werden können. Und an welcher Stelle es auch zu so genannten Verdrängungseffekten kommen kann. Die
Tourismusindustrie rechnet zwar einerseits mit einer Million ausländischer WM-Gäste. Doch zugleich könnten Buchungen jener Kunden ausbleiben, die den Trubel meiden wollen oder erhöhte Preise befürchten. Schließlich gibt es auch noch diejenigen, die wegen der WM gar nicht erst verreisen, sondern in Deutschland bleiben und somit als Kunden für die Reiseveranstalter verloren gehen. Darüber hinaus ist bislang keine der zwölf WM-Städte ausgebucht. Frust entstand bei vielen Hoteliers zudem, weil die FIFA nur wenige Wochen vor der WM große Teile ihrer reservierten Zimmerkontingente wieder zurückgegeben hat.

In den Ausbau der Infrastruktur sind in den vergangenen Jahren nach Angaben der deutschen Bauindustrie fünf Milliarden Euro geflossen. Vor allem in den Ausbau der WM-Stadien und solcher Verkehrsprojekte, die der WM zugerechnet werden, wie etwa Zubringerstraßen. Umfragen zeigen jedoch, dass die meisten Bürger bei der Vergabe der WM an Deutschland 1999 mit deutlich mehr Investitionen hierzulande gerechnet hatten, als sie nachher tatsächlich realisiert worden sind. Das belegen Studien des Marketing-Professors Markus Voeth von der Universität Hohenheim:

"Beispielsweise wurde vermutet, dass große Infrastrukturprojekte rund um die WM eben initialisiert werden würden. Etwa im Ruhrgebiet der Bau des Metrorapids oder Ähnliches. Was ja damals politisch auch immer wieder vorgetragen wurde, die WM eben als Anlass zu nehmen für so große Infrastrukturprojekte. Seit 2003, 2004 kippt allerdings das Stimmungsbild an dieser Stelle nachhaltig, dass die direkten Infrastruktur oder Wirtschaftseffekte gar nicht mehr als so bedeutsam eingestuft werden in der Bevölkerung."


Doch auch die konjunkturellen Effekte schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung als eher gering ein. Das Investitionsvolumen sei insgesamt zu klein, zumal der WM-bedingte Stadienausbau über mehrere Jahre verteilt worden sei.

Vor gut einem Jahr schlossen die Bundesagentur für Arbeit und der Deutsche Fußball Bund einen Kooperationsvertrag ab: Alle Möglichkeiten sollten genutzt werden, damit die WM zum Jobmotor wird. Von 50.000 zusätzlichen Stellen - zumindest kurzfristig - ging die Arbeitsagentur aus. Eigens für die WM wurde ein spezieller Service mit gesonderten Internetseiten, Hotlineangeboten und verlängerten Telefonzeiten eingerichtet. Außerdem sollten die Jobvermittler entsprechende Bewerbungen besonders schnell bearbeiten. Jede Agentur hat in der Regel dafür ein eigenes WM-Team nominiert, erklärt Jürgen Koch, WM-Beauftragter der nordrhein-westfälischen Arbeitsagentur:

"Dieses Team bietet den suchenden Unternehmen wirklich für die gesamte Stellenangebotspalette einen Full Service. Das heißt, ob sozialversicherungspflichtig oder freiberuflich spielt in dem Fall keine Rolle. Wir bedienen alle Stellenangebote und das unter dem Slogan ‚Möglichst wenige, aber dafür passende Bewerber' - das heißt, wir machen hier eine Top-Vorauswahl für die Unternehmen, um hier letztendlich auch Arbeit abzunehmen."

Und das mit überdurchschnittlichem Aufwand. Dennoch: Wenige Tage vor der WM liegt man bei der Stellenvermittlung weit unter den Erwartungen:

"Jetzt sind wir im Moment bei knapp der Hälfte, also etwas mehr als über 20.000 Stellenangeboten und liegen damit deutlich unter den 50.000 Angeboten. Vieles ist auch schon lange vor der WM gelaufen, wenn sie zum Beispiel mal die Baubranche nehmen, dort läuft ja bereits seit ein, zwei, drei Jahren der Ausbau rund um die Stadien, in dem Thema Verkehr, Verkehrsinfrastruktur jede Menge. Aber ganz konkret auf ein halbes Jahr vor der WM bezogen, haben wir im Moment erst die Hälfte dessen erreicht, was im Vorfeld erwartet wurde."

Gesucht werden Sicherheitskräfte, Kellner, Köche, Fahrer, Verkäufer und Hostessen. Die meisten Stellen sind für die
Dauer der WM befristet - nur ungefähr die Hälfte davon sozialversicherungspflichtig. Ein nennenswerter Beschäftigungseffekt ist von der WM also kaum zu erwarten.

Optimismus verbreitet derzeit der Einzelhandel. Seit geraumer Zeit wird in Deutschland wieder mehr Geld ausgegeben, auch für Waren rund um die WM. Die Sportartikelindustrie gehört ohnehin zu den größten Profiteuren der Fußball-Weltmeisterschaft. Allein der offizielle FIFA-Ausrüster und WM-Sponsor Adidas will fünfzehn Millionen Mal den offiziellen WM-Ball verkaufen und 1,5 Millionen Trikots an die Kunden bringen. Das lässt sich der Konzern einiges kosten. Für die WM im eigenen Land wurde eine der größten Werbekampagnen in der Unternehmensgeschichte gestartet, sagt Unternehmenssprecherin Anne Putz:

"Wir haben ja immer gesagt, dass das für uns eigentlich eine Jahrhundertchance ist. Das werden die meisten von uns nicht mehr miterleben, dass es eine WM in Deutschland geben wird. Und deswegen nutzen wir die mit allen diesen Marketingmaßnahmen. Wir haben ja selbst gesagt, das ist die größte Marketingkampagne, die wir hier starten."

Einen völlig anderen Weg geht dagegen das Unternehmen Siemens. Keine offensive Werbung, kein Sponsoring für die WM. Der Konzern hält sich im Hintergrund und macht dennoch ein gutes Geschäft mit der Sportgroßveranstaltung. In allen zwölf WM-Stadien war Siemens mit Aufträgen beteiligt - darunter Prestigeprojekte, die als Referenzen für weitere Geschäfte dienen sollen. Die WM ist für Siemens ein Heimspiel. Die Welt blickt nach Deutschland und damit auch auf die Produkte des Münchner Konzerns. Christian Pöttinger, bei Siemens zuständig für die Ausrüstung von Sportstätten:

Wir sind ein deutsches Unternehmen, die WM findet in Deutschland statt, also das ist schon positiv, ganz eindeutig. Aber wir sind ein globales Unternehmen, auch als deutsches Unternehmen, und der Wachstumsfokus liegt schon auf anderen Ländern. Das muss man eindeutig sagen. Gerade auch für unseren Bereich. Siemens Communications wollen in den anderen Ländern auch signifikant wachsen.

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