Dienstag, 21.11.2017
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie wir entscheiden lernen31.08.2017

Entscheidungskompetenz bei KindernWie wir entscheiden lernen

Können Vorschul- oder Grundschulkinder richtige Entscheidungen treffen? Dieser Frage gehen Psychologen der Universität Erfurt seit einigen Jahren nach. Die Forscher wollen verstehen, was falsche Entscheidungen hervorruft und richtige Entscheidungen fördert. Dabei spielt auch das Alter eine Rolle.

Von Christian Forberg

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Dresden/Sachsen: Die Erstklässler Janne, Magdalena und Frederik (v.l.) üben mit Lehrerin Brigitte Preuß und dem Perlenspiel in der Montessorischule die Addition. In der Lerngruppe der Kichererbsen sind Kinder der ersten bis vierten Klasse zusammen. (picture alliance / dpa /  Steffen Füssel)
Schon die Kleinsten können eine Fülle an Informationen bei ihren Entscheidungen berücksichtigen, lassen sich aber oft abgelenken. (picture alliance / dpa / Steffen Füssel)

Ein Zimmer im großzügigen Labortrakt der Erfurter Universität. Zwei Stühle, ein Tisch, auf dem ein Computer steht. Dazu eine Mal-Ecke zur Entspannung - das war's. Auf dem Computerbildschirm läuft ein Spiel: Wie bekomme ich so viele Schatzkisten wie möglich zusammen? Ein Kinderspiel mit Beratung: persönlich durch einen Erwachsenen; virtuell durch drei Tiere, die sich das Kind selbst ausgewählt hat.

Mit deren Hilfe entscheidet es, welche Tür zur Schatzkiste führen soll. Wählt es falsch, erscheint eine Spinne. Wählt es richtig, erscheint die Schatzkiste, wofür es einen sogenannten Schlaupunkt erhält. Deren Zahl entscheidet über den Preis, den das Kind nach rund einer Stunde mit nach Hause nehmen kann.

Die Preise sind klein, die Erkenntnisse für die Wissenschaftler um Professor Tilman Betsch groß. Seit 2009 hat der Psychologe seine Erfahrungen aus der Erwachsenenforschung systematisch auf Kinder ausgedehnt; seit 2013 wird das Projekt Kompetenzforschung von der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. 

"Kinder verlassen sich stark auf ihre Intuition" 

"Wir können mit Kindern besser an die Grundlagen herankommen. Wir können uns die Entwicklung von Entscheidungskompetenz anschauen, und Kinder sind insofern auch sehr dankbare Untersuchungsobjekte - sag ich mal -, weil sie nicht so lange nachdenken, wenn sie entscheiden. Sie verlassen sich wirklich sehr stark auf ihre Intuition." 

Und wenn sie dann falsch entscheiden, ist das erst recht interessant: auch hier lernen die Experimentalpsychologen, wie und warum das Gehirn solche Entscheidungen trifft, und wie es sich entwickelt, kompetenter wird. 

Tilman Betsch hat erstaunt, was die Kinder bereits können. "Wenn ich über Kinder spreche, dann rede ich über Kinder ab fünf, sechs Jahren. Schon die können eine Fülle an Informationen bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. Sie können diese Informationen integrieren, sie können sie gewichten - sie sind überhaupt nicht überfordert." 

Auf keinen Fall gehe  es ihnen wie Buridans Esel, der, zwischen zwei Heuhaufen stehend, sich für keinen entscheiden kann und verhungern muss. 

Kinder sind schnell abgelenkt

Bevor die Kinder Entscheidungen bei der Schatzsuche treffen, werden sie gründlich eingewiesen. Durch die Wahl der Ratgeber-Tiere erfahren sie, wer sie wahrscheinlich am ehesten zur Schatzkiste führen könnte. Das sind einige Unsicherheiten, mit denen wir jedoch immer konfrontiert sind, bevor wir uns entscheiden. So ist das Leben, sagt Tilman Betsch.

"Diese Umwelt ist gekennzeichnet durch mehrere Alternativen, durch mehrere Dimensionen, Wahrscheinlichkeitsinformationen, die berücksichtigt werden müssen - es ist genauso komplex, wie unsere realen Umwelten sind. Und die bilden wir in diesem Spiel ab. Wir verwenden einige Tricks, um Dinge zu manipulieren, zu variieren, so dass wir aus dem Verhalten Rückschlüsse auf die Prozesse des Denkens, des Entscheidens machen können."   

Bereits bei der Wahl der drei Tiere werden die Kinder manipuliert. Sie wählen zunächst das ihnen emotional nahestehendste. Das ist jedoch der schlechteste Ratgeber. Das letzte der Tiere ist der beste. Das ist vorprogrammiert. Aber diese Gewichtung emotionslos in den Entscheidungsprozess einzubringen fällt schwer. Und nicht nur das.

Priorisierung ist schwierig

"Was ihnen sehr, sehr schwer fällt, ist Informationen, die die Umwelt bietet, auszublenden. Das heißt, wenn Informationen irrelevant sind, nicht gültig sind, diese nicht zu benutzen - das fällt den Kindern sehr, sehr schwer. Was den Kindern auch schwerfällt, ist ihre Informationssuche in der Umwelt so anzupassen, dass sie die wichtigen Informationen suchen. Selbst wenn sie wissen, was wichtig ist, werden sie immer schnell abgelenkt und gucken sich interessante andere Dinge an, die dann auch in die Entscheidungen einfließen, obwohl sie eigentlich nicht relevant sind."

Bei der nächstälteren Untersuchungsgruppe sieht das schon etwas   anders aus. "Wenn die Kinder mit neun bis zehn Jahren so etwas wie eine Einsicht entwickeln und auf einmal verstehen, dass eine bestimmte Information relevant ist, dann können sie auch systematischer damit umgehen."

… Was aber nur auf die Hälfte dieser Altersgruppe zutreffe, schränkt Tilman Betsch ein. Es ist ein schwieriger Prozess. "Um Entscheidungskompetenz zu erwerben, müssen wir etwas lernen, was wirklich schwer ist: Wir müssen Dinge, die uns sehr nah sind, die uns sehr verfügbar sind, die ins Auge fallen - die müssen wir unter Umständen aus dem Gedächtnis rausbringen. Wir müssen sie nicht beachten, sondern  wir müssen unseren Fokus auf etwas anderes legen. Diese - man nennt es in der Psychologie exekutive Kontrolle, also dieses Fokussieren auf bestimmte Dinge, das Priorisieren - das fällt Kindern recht schwer, das dauert eine Weile. Aber ich muss zur Entschuldigung der Kinder sagen: Das fällt sehr oft auch Erwachsenen nicht leicht." 

Welche Hindernisse gibt es für richtige Entscheidungen?

Lassen wir uns nicht oft vom schönen Schein eines Menschen oder eines Objektes beeindrucken? Blenden wir Scheininformationen aus der Werbung immer aus? "Auch hier geht es um Entscheidungskompetenz, um bewusste Prozesse der Kontrolle. Die interessieren uns sehr, wann die sich entwickeln und welche Umweltfaktoren dazu beitragen, dass wir in die Falle gehen und unwichtige Informationen trotzdem berücksichtigen in unseren Entscheidungen."  

Die Hindernisse für richtige Entscheidungen herauszufiltern, war vorrangiges Ziel der ersten Förderperiode; sie ist in diesem Jahr ausgelaufen. Eine zweite hat die DFG nun bewilligt. "Der zweite Teil des Projektes fokussiert jetzt auf die Hilfsmechanismen in der Umwelt, die dazu führen, dass schon junge Menschen in der Lage sind, sich sehr gut zu entscheiden und sehr viele wichtige Informationen zu integrieren." 

Schließlich geht es ja um die Förderung von Heranwachsenden. Auch Kinder sollen in demokratischen Gesellschaften mitentscheiden dürfen, fordert zum Beispiel das UN-Kinderhilfswerk UNICEF. Im Erfurter Projekt wird nun viel Wert auf eine Entscheidungs-Umwelt gelegt, deren Bestandteile gut wahrnehmbar sind. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für richtige Entscheidungen, glaubt Tilman Betsch. 

"Der andere Aspekt ist Selbststeuerung. Sehr oft ist es so, dass wir in unseren Paradigmen alles vorgeben; wir geben die Ratgeber vor, wir geben die Alternativen vor. Die Kinder können Informationen suchen, aber die sind in einer starren Umwelt. Was ist, wenn die Kinder die Umwelt selbst konstruieren können? Was ist, wenn die sich schon am Anfang die Ratgeber aussuchen können, mit denen sie gehen wollen, auf welche Ratschläge sie eher hören möchten? Solche Aspekte der Selbststeuerung werden wir mit einbringen."

Auch das ist der Erwachsenenforschung entlehnt, der Erfahrung eigenständigen Lebens: "Nichts ist sicher. Es ist eine Illusion, dass morgen die Sonne aufgeht - wir tun meistens so, dass die Dinge sicher sind, aber es ist längst nicht alles sicher. Die Frage ist: Wie wird uns diese Sicherheit oder Unsicherheit in der Umwelt präsentiert? Sehr unterschiedlich werden wir in den jeweiligen Umwelten diese Wahrscheinlichkeiten-Information präsentiert bekommen. Genau das versuchen wir ins Labor zu holen." 

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