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StartseiteThemen der WocheEntschieden09.07.2011

Entschieden

Der Bundestag hat über die PID abgestimmt

Jedes Kind ist ein Wunder – jedes Kind, das sich mit einem Schrei auf der Welt meldet. Doch umso weiter die Forschung voranschreitet, umso weiter wird dieses Wunder entzaubert, das Geheimnis des Lebens gelüftet. Eng mit dem Fortschritt verbunden ist der Name von Louise Brown – sie war der erste Mensch, der vor 33 Jahren in einer Petrischale entstand.

Von Christiane Wirtz, Deutschlandfunk

Ein fünf Tage alter Embryo wird in Leipzig untersucht (picture alliance / dpa)
Ein fünf Tage alter Embryo wird in Leipzig untersucht (picture alliance / dpa)
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Bundestag stimmt für begrenzte PID

Natürlich darf man – heute wie zu aller Zeit – auf ein gesundes Kind hoffen. Aber längst werden auch im Mutterleib die Embryonen nicht sich selbst überlassen: Ärzte können die Nackenfalte vermessen und das Fruchtwasser untersuchen.

Das Geheimnis ist kleiner geworden, das Wissen größer. Was früher Schicksal war, ist heute oft eine Entscheidung. So auch die Frage, ob man einen Embryo schon in der Petrischale auf schwere Krankheiten untersucht. Der Bundestag hat am Donnerstag entschieden, dass Eltern sich eben diese Frage stellen können. Die Präimplantationsdiagnostik bleibt in Deutschland möglich – wenn auch nur unter sehr strengen Voraussetzungen. Es ist die einzig richtige Entscheidung. Denn sie überlässt die betroffenen Eltern nicht einfach ihrem Schicksal, sondern nimmt sie als mündige Bürger wahr, die nicht leichtfertig über Leben oder Tod eines Embryos entscheiden – eines Embryos, der neun Monate später ihre Tochter oder ihr Sohn sein könnte.

Paare, die sich für eine PID entscheiden, haben häufig sehr schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Sie haben ein Kind verloren, bevor es überhaupt auf der Welt war. Sie haben ein krankes Kind sterben sehen. Diese Frauen und Männer wissen um ihre Gene und wollen keine schweren Krankheiten vererben. Wie groß ihre Sorge ist, zeigt sich allein daran, dass sie sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden. Denn ohne Not schluckt keine Frau wochenlang Hormone und lässt sich die Eizellen absaugen. Und kein Mann geht gemeinsam mit ihr diesen schmerzhaften Weg, der über den schmalen Grat zwischen Hoffen und Bangen führt.

Wer sich für die PID entscheidet, also Embryonen schon in der Petrischale selektiert, der pfuscht dem lieben Gott ins Handwerk. Da mag etwas dran sein. Schließlich war es früher – vor der Geburt von Louise Brown – allein ihm oder eben der Natur vorbehalten, Eizelle und Spermie zusammenzuführen. Doch kann dieser Gedanke kein Verbot der PID rechtfertigen. Schon allein deshalb, weil der Gesetzgeber dem lieben Gott – wenn man so will - auch an anderer Stelle ins Handwerk pfuscht. Man denke nur an die Regelung zur Spätabtreibung: Da ist es einer Frau erlaubt, auch nach dem dritten Monat ein schwer krankes Kind abzutreiben. Warum aber soll im Mutterleib erlaubt sein, was im Reaganzglas verboten ist? Dieser Wertungs-Widerspruch grenzt an Zynismus: Denn mit der PID kann sich ein Paar, das sich gegen ein schwerkrankes Kind entscheidet, eine Abtreibung ersparen.

Dem lieben Gott nicht ins Handwerk pfuschen – dieser Ausdruck steht für den Wunsch, das Leben, die Natur sich selbst zu überlassen. Vor allem am Anfang - bei der Entstehung des Menschen. Doch während des Lebens und an seinem Ende, sind die moralischen Anforderungen geringer. Jeden Tag retten Ärzte Leben. Mit jedem Jahr steigt die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen. Der modernen Medizin sei Dank. Warum also sollen Paare, die sich ein überlebensfähiges Kind wünschen, nicht auch vom Wissen der Ärzte profitieren?

Weniger Geheimnis, mehr Wissen: Das mag gerade bei der Entstehung des menschlichen Lebens beängstigend sein. Doch diese Angst lässt sich nicht durch strenge Gesetze beruhigen. Jeder für sich muss sich ihr stellen. Denn mehr Wissen verlangt mehr Entscheidungen, manchmal lebensentscheidende.

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