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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Es ist China und der Rest der Welt"14.07.2016

Entwicklung der Atomenergie weltweit"Es ist China und der Rest der Welt"

Der Statusreport der weltweiten Nuklear-Industrie zeigt: Global wird immer weniger Nuklearenergie produziert. Nur China sei eine Ausnahme, sagte Mycle Schneider, Berater für Energie- und Atompolitik, im DLF. Das Land habe im vergangenen Jahr acht Reaktoren gebaut. Noch mehr investiere China allerdings in erneuerbare Energien.

Mycle Schneider im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Baustelle des Atomkraftwerks im chinesischen Haiyang wurde 2015. (imago Stock & people/Imaginechina)
Baustelle des Atomkraftwerks im chinesischen Haiyang wurde 2015. (imago Stock & people/Imaginechina)
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Susanne Kuhlmann: Der Statusreport der weltweiten Nuklearindustrie ist gestern in Tokio veröffentlicht worden. Er schlüsselt die Entwicklung nach Ländern unterteilt auf. Am dynamischsten ist sie in China. Die Rede ist vom China-Effekt. Der deutsche Berater für Energie- und Atompolitik, Mycle Schneider, war gestern dabei, als der Bericht vorgestellt wurde, und ist jetzt am Telefon in Tokio. Guten Tag, Herr Schneider.

Mycle Schneider: Schönen guten Tag!

Kuhlmann: Was ist der China-Effekt?

Schneider: Es ist wirklich verblüffend, wenn man sich anschaut, wie sich international die Zahlen entwickeln. Da ist es eigentlich relativ egal, welche Parameter man sich anschaut. Es gibt wirklich China und den Rest der Welt. Es ist nicht nur am dynamischsten, wie Sie sagten, sondern es ist wirklich die große Ausnahme. Ich will mal ein paar Beispiele nennen. Wenn die Produktion von Atomstrom weltweit um magere 1,3 Prozent gestiegen ist 2015, dann wäre die Produktion gefallen, hätte nicht China einen erheblichen Zuwachs zu verbuchen gehabt. Wenn man sich anschaut, dass weltweit zehn Reaktoren neu in Betrieb genommen worden sind, dann hat China acht hinzugesteuert von den zehn, et cetera, et cetera. Es ist eigentlich egal, welchen Parameter man sich anschaut. Es ist wirklich China und der Rest der Welt.

"Über das Fünffache ist in Erneuerbare gegangen"

Kuhlmann: Neue Atomreaktoren in China, das ist die eine Seite der Medaille. Aber auch große Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien, und den lassen sich die Chinesen offenbar erheblich mehr kosten.

Schneider: Absolut! Das gehört auch zu den immer wieder überraschenden Schlussfolgerungen, die wir selber ziehen aus diesem Jahresbericht. Es ist ja nicht so, dass, wenn man damit anfängt, mit der Arbeit, man schon wüsste, was hinten rauskommt. Dieses Jahr hat China als erstes Land über 100 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien gesteckt. Und wenn man das vergleicht mit der Größenordnung der Atomkraftwerke - offizielle Zahlen sind nicht bekannt -, aber selbst wenn man die Gesamtsumme einsetzt für den Neubau von einem Reaktor in das erste Jahr, was natürlich nicht realistisch ist, weil die Ausgaben sich über viele Jahre hinstrecken, dann ist das über das Fünffache, was in Erneuerbare gegangen ist im Verhältnis zur Atomenergie. Das ist wirklich eine unglaubliche Beschleunigung, die dort stattfindet, denn noch vor zwei Jahren hat China etwa 54 Milliarden investiert, das heißt etwa die Hälfte.

"Global ist die Tendenz eindeutig der Abstieg"

Kuhlmann: Wie sieht es anderswo in der Welt aus? Steht noch irgendwo der Ausbau der Kernenergie im Vordergrund, oder sind es eher vorzeitige Schließungen?

Schneider: Es ist wirklich so, dass man unterscheiden muss zwischen dem, was angekündigt wird, und zwischen dem, was Realität ist und Realität werden wird. Da kann man einfach ganz deutlich sagen, obwohl viele Länder vorgeben, Atomprogramme ausbauen oder neu in Angriff nehmen zu wollen, sieht die Realität ganz anders aus. Es ist sehr wenig Zubau vorhanden, wie gesagt außerhalb Chinas zwei neue Atomkraftwerke. Ein einziges Land hat wirklich entschieden, vier Reaktoren gleichzeitig neu zu bauen, und das sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Das ist aber wirklich ein Einzelfall. Aber global die Tendenz ist eindeutig der Abstieg. Wenn man sich die Europäische Union anschaut, dann haben wir heute 50 Atomkraftwerke weniger in Betrieb als im Maximalzustand Ende der 80er-Jahre.

Kuhlmann: Der neue Statusreport der weltweiten Nuklearindustrie ist erschienen und zentrale Aspekte daraus stellte uns Mycle Schneider vor, Berater für Energie- und Atompolitik. Ihnen vielen Dank nach Tokio.

Schneider: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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