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StartseiteEssay und DiskursAuf dem Weg in die Sanatoriumsgesellschaft31.08.2014

EpikurAuf dem Weg in die Sanatoriumsgesellschaft

Man hat Epikur immer als einen Sonderling unter den antiken Philosophen angesehen, weil er nicht nur lehrte, sondern mit seinen Anhängern eine Lebensgemeinschaft in jenem berühmten Garten Kepos führte. Seine Lehre war die der Ökonomie des Wohlbefindens, nicht die des allmächtigen Schöpfergottes oder der Unsterblichkeit der Seele.

Von Matthias Gronemeyer

Abbildung einer Büste, die das Porträt des griechischen Philosophen Epikur (341-270 v.Ch.) zeigt. (picture-alliance / dpa / Bifab)
Eine Büste des griechischen Philosophen Epikur (341-270 v.Ch.). (picture-alliance / dpa / Bifab)

B., vierzig Jahre alt, machte des öfteren Spaziergänge durch die Straßen seiner Stadt. In letzter Zeit fiel ihm auf, dass die einzigen Neubauten von Wert Sanatorien und Pflegeheime waren. Sicher, an den Ausfallstraßen entstanden nach wie vor auch noch Bürobauten; aber das waren Rückzugsgefechte eines veralteten Kapitalismus: Bloße Symbole der Leistungsgesellschaft, die leer standen und von minderem ästhetischen Wert waren. Die Peripherie fing noch ein paar Versprengte mit dem Versprechen von einigen Quadratmetern eigenen Gartens, Sprossenfenstern und Erkerchen. Es wurden weniger, sie starben mit ihren Autos. Nein, B.s Blick blieb immer öfter an den schön gestalteten Seniorenresidenzen hängen, architektonischen Wohltaten in der ansonsten fürchterlich verbauten Stadt. Unweit seiner Wohnung befand sich auch so eine Residenz, hübsch am Hang gelegen, ein kleiner Lebensmittelmarkt unten im Haus, eine Apotheke, die Straßenbahn vor der Tür. Offenbar waren noch Appartements zu vermieten. B. dachte nach.

Es wird gesunde Menschen geben und solche, die an Gott glauben. Die Gesunden werden in Sicherheit leben und die Kranken sich vor dem Bösen fürchten. Die Atheisten werden sich in einer Gemeinschaft wohlfühlen, während der vereinzelte Rest verwaltet wird. Diese drei: Gesundheit, Sicherheit, Gemeinschaft sind die Eckpunkte der Philosophie Epikurs - gestützt auf streng naturwissenschaftliche Erkenntnisse.

Sonderling unter den antiken Philosophen

"‚Therapie' können Sie auf der Messingtafel beim Drehkreuz zur Therme lesen, links führt die Treppe hinunter in die Abteilung, in der Wohlfühlen angesagt ist."

Man hat Epikur immer als einen Sonderling unter den antiken Philosophen angesehen, weil er nicht nur lehrte, sondern mit seinen Anhängern eine Lebensgemeinschaft im Kepos, jenem berühmten Garten, führte. Und vor allem, weil er nicht die charakterliche Selbstvervollkommnung oder die Gerechtigkeit im Staat zum Ziel seiner Ethik machte, sondern eben jene Trias des Wohlbefindens.

Hedonismus, von altgriechisch hēdonḗ, das Vergnügen, der Genuss, die Lust. Wenn wir von Hedonisten sprechen, denken wir an Menschen, die ein ausschweifendes Leben führen, die nie genug kriegen können, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick sind. Doch obwohl sich bei Epikur alles um dieses Wort hēdonḗ dreht, wäre es mit Lust schlecht übersetzt. Der Epikureismus ist keine Lehre der Ausschweifungen, sondern eine Ökonomie des Wohlbefindens.

Epikur war in unserem Sinne Atheist. Nicht nur die Idee eines allmächtigen Schöpfergottes war ihm fremd, sondern auch die der Unsterblichkeit der Seele. So schreibt er:

"Das Leere vermag weder zu wirken und Wirkung zu erfahren, sondern gewährt den Körpern nur Bewegung durch sich hindurch. Jene, die sagen, die Seele sei unkörperlich, reden also verrücktes Zeug."

Weil für ihn nur diesseitige Kausalität zählt, gibt es also weder Anlass, sich vor göttlichem Zorn zu fürchten, noch durch Gebete die Götter besänftigen zu wollen. In Dantes Göttlicher Komödie liegen Epikur und seine Schüler folgerichtig bei den Ketzern im sechsten Kreis der Hölle in offenen Gräbern herum; Tote, denen keine Qualen etwas anhaben können. Weil ihm alle jenseitigen oder überhaupt transzendentalen Sinnbestimmungen fremd sind, ist es für Epikur logische Konsequenz, dass die Befriedigung der grundlegenden inneren, äußeren und sozialen Bedürfnisse, also eben Gesundheit, Sicherheit und Gemeinschaft für ein gutes Leben hinreichend ist. Wenn sich dem Dasein kein höherer Zweck beimessen lässt, dann wird es zum Selbstzweck. Wo Gott tot ist, wird die Gesundheit zum neuen Gott. Das Christentum, das die europäische Kultur fast zweitausend Jahre prägte, war dem Körper gegenüber von Anfang an feindlich eingestellt, es kannte kein Körperbewusstsein und daher auch kein Gesundheitsprogramm. Aber nun beobachten wir, wie mit der Zahl der Kirchenaustritte zugleich die Zahl der Mitgliedschaften in Fitness-Klubs und die Buchungen in Wellness-Hotels steigen. Diesen Zeitgeist könnte kaum ein Philosoph besser repräsentieren als eben Epikur.

Epikurs Garten ein Prototyp der Kellogg-Farm

"Auch die Selbstgenügsamkeit halten wir für ein großes Gut [...]; auch Brot und Wasser spenden höchstes Wohlbefinden. [...] Sich also zu gewöhnen an einfache Mahlzeiten, befähigt zu voller Gesundheit, stärkt unsere Verfassung und macht uns angstfrei gegenüber den Wechselfällen des Lebens."

Der Epikureismus ist ein organismisches und psychisches Diätprogramm, Epikurs Garten ein Prototyp der Kellogg-Farm. Was Wohlbefinden ist, wird von einem medizinischen Standpunkt her definiert, es steht dem Ausleben von Lüsten nachgerade entgegen, selbst der Begriff des Genusses geht hier schon zu weit.

Es war Thomas Mann, der in seinem Zauberberg die Sanatoriumsgesellschaft prototypisch beschrieben hat. Der Davoser Berghof ist eine Welt für sich und nur vordergründig handelt es sich hier um eine Lungenheilanstalt. Die Lunge steht hier als Metapher für das tätige Leben, für die Arbeit, die Anstrengung, der man "hier oben" enthoben ist. Die Mühen finden wortwörtlich in der Ebene statt.

"Den Zwängen des Alltags entfliehen - aufatmen zu können - ausspannen und körperliche Leistungsfähigkeit wiederfinden, mit medizinischer Betreuung, einem geschulten Team, erlesener und ideenreicher Küche (alle Diätformen) und menschlicher Zuwendung."

Mit diesen Worten wirbt ein Sanatorium im Badischen. Wohlbefinden, well being, ist nicht hinterfragbarer Selbstzweck; in der strikten Befolgung der Kausalität liegt zugleich seine Finalität, es erhebt das Seiende in den Status des Seins überhaupt. Hans Castorp, der Protagonist in Manns Roman, will zunächst nur seinen Freund Ziemßen besuchen, der im Berghof zur Kur ist, bleibt am Ende aber ganze zwei Jahre. Dableiben zu können - das ist für ihn Freiheit. Im fünften Kapitel stellt er zufrieden fest:

"Was sich als wahre Form des Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man dir ewig die Suppe bringt."

Die Therapien des Sanatoriums, die Liegekuren in der kalten Bergluft wie die psychoanalytischen Sitzungen sind nicht darauf angelegt, ein gestärktes Ich in die Welt zu entlassen. Der Zauberberg ist Endstation, das Sanatorium ein Bindungssystem, dem man nicht entkommen kann, wie jenem Hotel California, in dem die Eagles den Dämon des amerikanischen Hedonismus besingen: "You can check out any time you like, but you can never leave." Die einzige Chance auf Fortexistenz liegt in der Leugnung der Grenzen, die einem das tätige Leben sonst auferlegt. Die Diagnose eines schemenhaften Schattens auf der Lunge bedeutet für Hans Castorp Rettung vor "Denen da unten". Und wehe, einer versucht, sich dem Regiment des Wohlbefindens, dem Diktat der Gesundheit, das eigentlich eine Anbetung der Krankheit ist, zu widersetzen: Ihm wird es ergehen wie eben jenem Joachim Ziemßen, der seinen Eigensinn, sein Nicht krank-sein-wollen, am Ende mit dem Leben bezahlt.

Politik muss beargwöhnt werden

Die Sanatoriumsgesellschaft ist eine genuin apolitische Gesellschaft. Politik, als die gemeinschaftliche Verständigung über kollektive Ziele wird vom Epikureismus als unnötig, um nicht zu sagen: Überflüssig betrachtet. Vom medizinisch-naturwissenschaftlichen Standpunkt muss Politik immer beargwöhnt werden, ja das Denken an sich, weil es immer eine Gefahr für das finalistische, das selbstzweckhafte System des Wohlbefindens bedeutet. Selbständiges Denken wäre ein Einfallstor für Zufall, Kontingenz, Irregularität und Unbestimmtheit der Natur. Epikur schreibt:

"Zu beherzigen gilt es denn, was Wohlbefinden verschafft; denn ist es anwesend, haben wir alles, ist es abwesend, tun wir alles, damit wir es haben."

Dieser Satz Epikurs könnte als Motto über jedem Sanatoriumsportal hängen, dessen Bewohner ihn mantrahaft zu wiederholen haben. Es darf nur das gedacht werden, was die Gesetze der Gesundheitswissenschaft nicht infrage stellt. In ihrem Dogmatismus verkehrt sich die Naturerkenntnis so zu einem Naturbekenntnis und bekommt auf diese Weise Züge des Christentums. So, wie man vom Christen das Bekenntnis zur Auferstehung verlangt, verlangt man vom Epikureer das Bekenntnis zur Gesundheit.

"Es besorgen sich manche ihr Leben lang die Mittel zum leben",

... spottet Epikur über die Berufstätigen, die Geld verdienen, um sich etwas leisten zu können. Die Ökonomie, das heißt, begrenzte Mittel zu einem flüchtigen Zweck einzusetzen, sein Leben der Tretmühle der Arbeit zu opfern, verträgt sich schlecht mit der Lehre des Finalismus. Arbeit ist sequenziell, die Dinge, derer sie sich bedient, sind Bedingendes und Bedingtes zugleich; Wohlbefinden hingegen ist final, selbstzweckhaft. Die Mühen der Arbeit sind zudem oft der Gesundheit abträglich. So konstruiert Epikur einen Antagonismus von Erwerbstätigkeit und Wohlbefinden:

"Ein freies Leben vermag nicht viel Geld zu erwerben, weil die Sache nicht leicht ist ohne Knechtsdienst beim Pöbel oder den Mächtigen."

Epikur lässt sich immer wieder Geld von seinem Vater schicken, Hans Castorp von seinem Onkel in Hamburg. Die Frage nach der Bestreitung des Lebensunterhalts ist im Epikureismus nachgerade häretisch.

Epikurs Gärten sind keine Gärten der Lüste, insbesondere nicht der sexuellen. Der Philosoph stellt dazu klar:

Keinen Nutzen in der Sexualität

"Ich erfahre von dir, dass deine körperliche Erregbarkeit ziemlich häufig nach Erfüllung im Liebesgenuss verlangt. Sooft du nun weder Gesetze brichst noch konventionelle Anstandsgebote verletzt, keinen der dir Nahestehenden kränkst, nicht deinen Körper zerrüttest und kein Geld verschleuderst, geh so, wie du willst, deiner Neigung nach! Unausweichlich ist es in der Tat, sich nicht zumindest in eines dieser Hemmnisse zu verstricken."

Epikur erkennt in der Sexualität keinen Nutzen und empfiehlt, wenn man die Erregung nicht sublimieren oder wenigstens unterdrücken kann, eine schnelle und geordnete Triebabfuhr. Das Dogma einer gesunden Lebensweise, der Vorrang der Sicherheit, die logische Ausklammerung des Todes aus dem Leben, das unverständige Kopfschütteln gegenüber jedweder Art von Ausschweifung: Das sind die Bausteine eines Reduktionismus, der für Erkenntnis hält, was letztlich doch bloß Bekenntnis bleibt. Im prototypischen Sanatorium des Zauberbergs findet sich ebenso eine prüde Ablehnung der Sexualität einerseits und ihre Verwissenschaftlichung andererseits, die man nicht nur als Zustandsbeschreibung der wilhelminischen Zeit lesen darf. In den Gedanken des jungen Castorp gerinnt die Sexualität zum Bild, das gegenüber der physischen Realität (dem laut kopulierenden Ehepaar im Zimmer nebenan) eine völlige Eigenständigkeit bestreitet. Der Schritt zur Erkenntnis gelingt hingegen nur durch ein Überschreiten von Grenzen, durch existenzielle Erfahrungen.

Das schauererregenste Übel - der Tod

"Die Lust wäre verächtlich, wenn es nicht ein überwältigendes Überschreiten wäre, das nicht nur der sexuellen Ekstase vorbehalten ist. [...] Das Sein wird uns gegeben in einem unerträglichen Überschreiten des Seins, das nicht weniger unerträglich ist als der Tod."

So der französische Philosoph Georges Bataille. Ohne die Obszönität des Todes, ohne die Obszönität im sexuellen Akt, dem petite morte, gäbe es keine Suche nach der Wahrheit. Die Sehnsucht nach Vollkommenheit kann es nur in einer prekären Welt geben, und die größte Gefahr für Epikurs Gärten droht ihnen daher durch sie selbst, indem ihre Bewohner nämlich an Langeweile zugrunde gehen werden. Das ist die Krankheit aller perfektionistischen Utopien: dass sie unendlich langweilig sind. Über den Tod schreibt Epikur:

"Das schauererregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht; wenn ‚wir' sind, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind ‚wir' nicht."

Das Sanatorium, das ganz von dieser logischen Exklusion des Todes lebt, darf weder Gewinner noch Verlierer kennen, das Scheitern überhaupt ist ihm unbekannt. Wenn der Begründer der Nationalökonomie Adam Smith im 18. Jahrhundert die große Wende in der Ökonomie verkündete, nämlich von der Bedarfsdeckung zur Bedarfsweckung, dann vollzieht sich mit der Sanatoriumsgesellschaft erneut eine große Wende, die die Bedarfsdeckung wieder in den Mittelpunkt rückt. Allerdings nicht im Sinne einer antiken Autarkie, die die materielle Grundlage für die Eudaimonia, die individuelle Glückseligkeit war, sondern als kollektives Pflegeprogramm. Es sind inzwischen die wenigsten, die mit ihrer Arbeit noch etwas produzieren, wirklich etwas herstellen, was dann auch Bestand hat. Wir befehligen Maschinen, Automaten, Systeme. Der Produktivcharakter der Arbeit hatte einst auch ihre Ordnungsfunktion hervorgebracht. Mit der Übertragung der Produktivität auf die Automaten bleibt der Ordnungscharakter der Arbeit als Hülle zurück. Die geordneten Abläufe im Sanatorium, im Pflegeheim sind diese Hülle. Die Frage der Zimmerpreise stellt sich nur, wenn man den Aufenthalt dort als den Konsum einer Leistung versteht. Wenn man darin aber generell eine Lebensform sieht, löst sich die Frage auf. Das Leben eines Kapitalisten kostet nicht mehr oder weniger als das eines Sozialisten, das eines buddhistischen Mönches nicht mehr oder weniger als das eines Managers. Man bezahlt das Personal im Wesentlichen dafür, dass es einem sagt, wie man den Tag füllt. Wenn das Haus nicht mehr mit der Wirtschaft verbunden ist, dann wird die Seniorenresidenz zur paradigmatischen Wohnform. Wir bewundern die Rationalität des Ameisenhaufens und fürchten zugleich, selbst zu Insekten zu werden, weil wir die gefühlte Autonomie so sehr schätzen. Unser neues Telos seien demnach Komfortsysteme mit etwas Rest-Individualität. Die pensionierte Mehrheit ist insofern Avantgarde des post-fossilen Zeitalters, weil sie mit sehr begrenzten Ressourcen leben muss: Begrenztes Budget, begrenzte Lebenszeit, begrenzte Mobilität.

"Was ist denn das für eine Erkältung, he?' fragte die Oberin. ‚Wir lieben solche Erkältungen nicht. Sind Sie öfter erkältet? Wie alt sind Sie denn? Vierundzwanzig? Das Alter hat's in sich."

Im Berghof kann Hans Castorp ein Thermometer für drei Franken fünfzig und eines für fünf Franken kaufen. Das ist der letzte Rest von Freiheit, den man ihm im Sanatorium zugesteht. Keines zu kaufen, "sich nicht zu messen" (wie es im Jargon heißt), ist hingegen undenkbar. Die Bewohner messen ihre Temperatur und tragen sie in eine Tabelle ein, die vom medizinischen Personal regelmäßig überprüft wird, die man sich aber auch untereinander gerne zeigt: Schau, ich habe einen Wert. Das Sanatorium setzt die Idee des Überwachungsstaates mit anderem Vorzeichen fort. Die Überwachung ist nicht mehr Teil des Systems der Strafe, sondern Teil eines Systems der Sorge. Jeremy Benthams 200 Jahre alter Entwurf eines Panoptikums, eines Gebäudes, in dem die Überwachung aller Zellen von einem zentralen Punkt aus möglich ist, würde heute nicht mehr als Idealkonstruktion eines Gefängnisses angepriesen, sondern eines Pflegeheims. Epikur hat diesen Wandel schon antizipiert:

Epikur kannte schon "quantified self"

"All jene, die die Macht haben, sich das Gefühl der Sicherheit zu verschaffen, leben aufs lustvollste."

Wer noch argwöhnt, die heutige allgegenwärtige Überwachung, die jeden Spitzelstaat des 20. Jahrhunderts wie eine Kinderei erscheinen lässt, mache jeden zum Verdächtigen, der steckt noch im alten System, der hat den Vorzeichenwechsel noch nicht vollzogen – der sorgt noch für sich selbst, der sorgt sich noch um sich selbst. Wer potenzielle Straftäter überwacht, tut das nicht aus Sorge um den Straftäter; wer alle überwacht aber gerade um ihretwillen. Hier wie dort zielt die Überwachung indes auf Disziplinierung ab, nicht nur das Gefängnis, auch das Sanatorium ist eine Disziplinaranstalt.

"Viele Deutsche leben ungesund, vor allem in jungen und mittleren Jahren. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln im Auftrag der DKV Deutsche Krankenversicherung."

Die Idee des "quantified self" findet sich ebenso schon bei Epikur:

"Für all dies ist die Einsicht Ursprung und höchstes Gut. Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie, weil sie lehrt, dass ein angenehmes Leben ohne ein genaues Leben nicht möglich ist."

Auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt es:

"Analysiere dein Essverhalten selbst. Deine Daten berechnet der Computer und wertet sie aus. Die Ergebnisse kannst du sofort auf dem Bildschirm lesen und auch ausdrucken."

Die Fixierung auf die Gesundheit dient dabei auch der sozialen Abgrenzung und der Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen. Weil Gesundheit so positiv konnotiert ist, wird ihr ausgrenzender Charakter leicht übersehen. Epikur schrieb:

"Die schlechten Gewohnheiten wollen wir wie minderwertige Menschen, die uns lange Zeit schwer geschädigt haben, endgültig vertreiben."

Wehe also dem, der es noch wagt, unter freiem Himmel zur Zigarette zu greifen. Die damalige mecklenburgische Gesundheitsministerin Monika Schwesig kommentierte das Ansinnen, rauchen am Ostseestrand zu verbieten mit den Worten:

"Wir sind Gesundheitsland. Jede Initiative gegen das Rauchen können wir daher nur begrüßen."

Die Sanatoriumsbewohner sind von den beiden großen natürlichen Disziplinatoren Arbeit und Krieg befreit und bedürfen daher eines künstlichen Hemmungssystems. Bei Thomas Mann besteht es aus der eingeschränkten Wahl zwischen zwei Thermometern und der Temperaturtafel, die jeder Bewohner bei sich zu tragen hat. Im Berghof 2.0 ist es die automatisierte Überwachung von Bewegungen und elektronischer Kommunikation in Verbindung mit staatlich verordneter Diät. Die Sorge, vor allem die Sorge um sich selbst, ist zu einer res publica, zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden.

Freundschaft als dritte Säule

Neben Gesundheit und Sicherheit erscheint die Freundschaft als dritte Säule des Wohlbefindens zunächst etwas deplatziert, zumal wenn man sie wie der griechische Philosoph Aristoteles, erklärter Gegner des Hedonismus, als eine humanisierende Beziehung versteht, in der der Mensch am Anderen zu sich selbst kommt. Im Denken Epikurs spielt es dagegen keine Rolle, ob eine Freundschaft in diesem Sinne hoch- oder minderwertig ist; allein, dass der Mangel an sozialen Bindungen dem Wohlbefinden abträglich ist, gibt hier den Ausschlag.

"Jede Freundschaft ist um ihrer selbst willen zu wählen. Ihren Anfang jedoch nimmt sie beim Nutzen."

Peinlichkeiten vermeiden

Oder mit den Worten Nietzsches: "Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald - sonst verdirbt es den Magen." Neuropsychologen wie Joachim Bauer haben herausgefunden, dass positive soziale Bindungen bestimmte Botenstoffe im Gehirn erzeugen, die uns ein Wohlgefühl bereiten. Noch schreckt man allerdings davor zurück, Freundschaften durch Pharmazeutika zu ersetzen. Ein bekanntes Seniorenheim wirbt:

"Unabhängigkeit, soziale Kontakte und Sicherheit im Fall der Pflege sind die Säulen, die das Augustinum seit mehr als 50 Jahren zur ersten Adresse unter den Anbietern für betreutes Wohnen machen."

Epikur empfiehlt seinen Anhängern, nichts zu tun, was ihnen peinlich werden könnte, sollte es entdeckt werden. Und warnend fügt er hinzu, dass die Gefahr der Entdeckung erst mit dem Tod verschwinde. Also: keine Geheimnisse! Während Epikur hier noch an den Ethos des Einzelnen appellieren musste, wird die Transparenz in den neuen Gärten durch Technologie hergestellt. Durchgehende Videoüberwachung sorgt für Sicherheit und die Kampagnen gegen Tabakkonsum, fettes Essen und Alkohol sind bloß die Fassaden einer Gesundheitsindustrie, die jeden zum Patienten macht, über den sie alles weiß.

Noch einmal Friedrich Nietzsche:

"Man ist es seiner Gesundheit schuldig' - so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald soweit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. - Nun!"

Der Epikureismus ist ein Regiment der Verordnungen im Namen der Gesundheit und der Sicherheit. Selbst die Geselligkeit wird verordnet, und man wird sich bald rechtfertigen müssen, wenn man nicht an einer Frühsportgruppe teilnimmt.

Unser Verhältnis zur Gesundheit zeigt sich an den hygienischen Funktionsbauten der jeweiligen Zeitalter. Die Antike kannte die Therme, die Neuzeit erfand die Klinik, nun betreten wir das Zeitalter des Sanatoriums. Während die Klinik, die aus dem Seuchenhaus hervorging, ihren Blick auf die Krankheit und ihre effiziente Verwaltung richtete, also ganz eine Erscheinung des industriellen Kapitalismus ist, ist das Sanatorium ein Menschenpark, ein Garten mit artifizieller Natur, nach Sanftheit als oberstem Gestaltungsprinzip angelegt.

"Nach der Behandlung dann ein entspannender Kräutertee auf der Lederliege, vor dem großen Fenster mit Sicht auf die gegenüberliegende Talseite, mit den kleinen, in der Landschaft verstreuten Ställen."

Die heutigen Techniken und Technologien machen den Ethos des Einzelnen, die individuelle Anstrengung überflüssig. Als Gegenspieler der Verordnung wird das Individuum geradezu beargwöhnt. Die Veräußerung des Innen, die schon länger eingesetzt hat, wird sich bis zu einem Punkt fortsetzen, wo alles, was unsere Person ausmacht, aus uns heraus nach außen, in die Speichermedien des Netzes verlagert worden ist. Auf der Website der AOK heißt es:

"Mithilfe des Fettfallenfinders können Sie das Erfolgsprinzip testen: Finden Sie zuerst heraus, wie fettreich Sie essen. Er zeigt ihnen für jede ‚Fettbombe' eine leckere und leichte Alternative an. Außerdem bekommen Sie mit dem Fettfallen Tagebuch eine genaue Auswertung nach Mahlzeit, Tag und Woche. Weitere Funktionen wie zum Beispiel der Fitness-Manager sorgen gleichzeitig für mehr Bewegung im Alltag. - available on the iphone app store."

Was hier gerade passiert, beschrieb der schottische Philosoph David Hume, ein zu Übergewicht neigender Genießer, so:

"Ihr gebt vor, mich durch Vernunft und nach Regeln der Kunst glücklich zu machen. Ihr müsst mich folglich nach Kunstregeln neu schaffen."

Wir werden also nichts mehr wissen müssen, wir werden uns nichts mehr merken müssen, wir werden nicht mehr kritisch sein müssen. Unsere ewige Präsenz als Zeichen lässt den Tod schamhaft durch die Hintertür verschwinden. Die neuen Gärten Epikurs sind Gärten des Vergessens, der Demenz.

Das Sanatorium, das Heim wird kein Ander-Ort mehr sein, keine Kolonie, in die die Überflüssigen, Unbrauchbaren abgeschoben werden, sondern es wird die Wiedergewinnung des Ortes im Raum bedeuten. Versuche, in abgelegenen Kolonien eine Gesellschaft zu gestalten, hat es genug gegeben, reale wie fiktive, von den Jesuiten in Paraguay bis zu Burrhus Skinners Walden Two. Sie gingen entweder an Langeweile zugrunde oder scheiterten daran, dass sie den Widerspruch von Freiheit und Zwang nicht zu überwinden vermochten: Die Gestaltung einer Gesellschaft, ob sie sich nun auf eine katholische Doktrin, den Behaviorismus oder sonst eine Ideologie beruft, bleibt ein schöpferischer und damit freiheitlicher Akt. Die Sozialdesigner der vorigen Jahrhunderte nahmen also für sich in Anspruch, was sie ihren Gesellschaften verweigerten.

Die Kolonien als Utopien waren auch immer Gegenentwürfe zur Körperlichkeit, sie waren Orte der schönen Menschen, Orte, an denen man nicht alterte, nicht verfiel. Für sie war der Körper nicht der erste Ort überhaupt, sondern er sollte zum Nicht-Ort werden, zum bloßen Funktionsbereich. Auch daran scheiterten die alten Kolonien, weil ihnen die Techniken zur Entkörperlichung fehlten. Dem kontingenten, zufallsanfälligen des Körpers hielt Epikur entgegen:

"Ich habe dir vorgebaut, du Dämon des Schicksals und dein verborgenes Eindringen ganz eingedämmt. Und weder dir noch irgendeinem anderen Strudel werden wir uns selbst preisgeben."

Erst jenseits des Bewusstseins und jenseits der Körperlichkeit, dachte B., würde die Kolonie das Altland gleichsam annektieren und es in sich auflösen. Man war auf einem guten Weg: Die Konversion von Anthropologie und Technik, die Substitution von Hardware durch Software, die kleinen Geräte, die zunehmend die Funktion von Bewusstsein und Körper übernahmen, waren deutliche Zeichen. Dass die wenigsten seiner Zeitgenossen realisierten, was hier gerade passierte, stimmte B. in dieser Hinsicht hoffnungsfroh. Eine Tür öffnete sich und er trat ein.

Matthias Gronemeyer , Jahrgang 1968, ist freier Autor und Publizist. Er lehrt Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und hat dort 2014 das Theater des Denkens begründet. Zuletzt erschien sein Buch "Trampelpfade des Denkens. Eine Philosophie der Desorientierung".

 

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