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Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarktEpochenverschlepper09.07.2008

Epochenverschlepper

Gerhard Köpfs neuer Roman "Käuze in Pfeffer und Salz"

Gerhard Köpf, Meister des ironischen Erzählens, begibt sich erneut in die dämmerige und skurrile Welt emeritierter Wissenschaftler und alt gewordener Professoren, die in ihrer Zeitverlorenheit die merkwürdigsten Geistesblüten hervor bringen.

Von Harro Zimmermann

Käuze in Pfeffer und Salz zwischen den Seiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Käuze in Pfeffer und Salz zwischen den Seiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Ein handverlesenes Häuflein betagter Gentlemen, Buben und Könige, einst Prinzen von Arkadien, distinguiert in Rang und Erscheinung, entfernt gekitzelt von einem vagen republikanischen Herrengefühl, kreuzfidel und verschworene Partisanen wider das sozial verträgliche Frühableben, das uns zu Wegwerfrentner machen will. Bald werden wir aussterben, aber aussterben ist vornehm, sagt Keyserling. Vielleicht sind wir schon tot, denn wir leben nach der Devise – the best is yet to come. Steht übrigens auf dem Grabstein von Frank Sinatra."

Gerhard Köpf ist ein Meister des ironischen Erzählens, mit allen Wassern der literarischen Tradition ist er gewaschen, und kennt sich aus im Theorie-Wurzelwerk der einschlägigen Wissenschaften. Seit je glitzert und funkelt es hochkomisch in seinen Büchern. Ob er sich heiter melancholisch in den satirischen Erzählort "Thulsern" einspinnt, sich in Sprach- und Wortexperimenten zu verlieren droht, oder sich novellistisch der so grotesken wie traurigen Sterbenskrankheit eines einsamen Professors annimmt. Allerdings, die Ironie des Gerhard Köpf ist - bei aller Brillanz - milder geworden, ihre Gewagtheiten haben abgenommen, ihre Witzausschläge pendeln sich ein auf dem Niveau eines – vielleicht – beginnenden Alterswerks.

Schon vor knapp zwei Jahren hat er uns in der Novelle "Ein alter Herr" vertraut gemacht mit dem Phantasiegelände seiner allerjüngsten Erzählgelüste. Es ist die etwas dämmerige und skurrile Welt emeritierter Wissenschaftler, alt gewordener Professoren, die in ihrer Zeitverlorenheit die merkwürdigsten Geistesblüten hervor bringen. In dem neuen Roman "Käuze in Pfeffer und Salz" geht es gleich um eine ganze "Societät" von Emeriti, sechs an der Zahl, die sich regelmäßig einmal pro Woche zu so genannten "Abendandachten" treffen, auf denen sie nicht nur jeweils einem ausgesuchten Whisky zusprechen, sondern ihren Feinsinn und ihre Auserlesenheit zelebrieren. Ihre Losung: "Noblesse, Stil, Eleganz". Was ist das für ein außergewöhnliches Sextett, das zumeist aber als Quintett zusammentrifft, weil der Kollege Abel M. von der Tränk nur als korrespondierendes Mitglied per Brief gegenwärtig zu sein pflegt. Schon die liturgischen Ritualien dieser Abendandachten geben zu erkennen, wes Geistes die hier versammelten sind. Jeder von ihnen muss mindesten 65 Jahre oder älter sein und den Titel "Professor emeritus" führen, Frauen sind nicht zugelassen, jedes Mitglied darf nur in Tweed oder Cord gewandet sein, die Treffen im Séparée eines Grandhotels finden unter strengstem Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und an die Stelle des Messweins hat Whisky zu treten, die "Milch der Greise". Wie englische Landlords, wie reiche Kolonialbesitzer drapieren sich diese sechs Auserwählten, sie betonen die Etikette genau so wie ihren exquisiten Bildungsstatus, ja sie befinden sich in einer permanenten Distinktionsanstrengung gegenüber der Verkommenheit und Verblödung der Massengesellschaft um sie herum. Aber was treibt diese Abkömmlinge aus einer verflossenen Zeit eigentlich im positiven Sinne um? Sind sie nicht fadenscheinige Geisterreiter, die in ihrem Besonderheitsgefühl eine überalterte Epoche verschleppen? Köpf fabelt dies alles aus in wunderbaren Suaden, Anekdoten, Debatten und Briefen seiner wahrhaft kauzigen Protagonisten:

"Besser als alle anderen wissen wir, was wir in den Augen des gehobenen Seifenoperfeuilletons sind, verknöcherte alte Säcke, für die es nur eine Endlösung gib: Marsch Marsch zurück in die Urne. Wir wollen nicht länger von dieser Gegenwart belästigt werden. Auf den ersten trügerischen Blick sind wir noch immer Mitglieder einer Gesellschaft der Sieger, der Starken und der Schönen. Als wir noch ex cathedra lehrten und schier unter den Masken erstickten, die uns die deutsche Universität aufzwang, als wir unsere Antithesen wie das Pendel eines Geistheilers bedienten, da hatten wir genügend Mut zur Lücke, jetzt bekennen wir uns zum Mut zur Endlichkeit, und wir würden nicht weiter auffallen, wenigstens nicht auf Münchens Prachtboulevards, trügen wir nicht alle wie verabredet ein Monokel, durch das wir den Rest der Welt mustern wie die Stilikone des New Yorker. Das Einäugige steht uns zu, und es steht uns gut. Mit dem anderen Auge wird geblinzelt. Der Bürger hat ja gar kein Auge mehr, wir dagegen haben unseren Weltschliff. Weil unsere Zukunft lediglich aus den Stunden besteht, die uns noch bleiben, sind wir rückwärtsgewandt. Wir sind keine Rebellen, sondern bestenfalls ein wenig sonderlich oder schrullig gewordene Epochenverschlepper. Mancher mag uns für ignorante Dickschädel halten, aber das trifft die Sache nicht. Jedenfalls wissen wir noch, was unter einem gesellschaftlichen Comment zu verstehen ist, derlei Reminiszenzen an untergegangene Umgangsformen sind uns ebenso Grundlage wie die stete Verfügbarkeit unserer Klassiker. Unser Bildungskanon, der uns vom Pöbel ringsum unterscheidet, sichert uns die Zugehörigkeit zu einer kulturellen Überlieferung, die mit einem Begriff wie Traditionsbewusstsein nur unzulänglich umschrieben ist. Daraus versteht sich aber auch unsere Enerviertheit. Es ist die groteske Diskrepanz zwischen unseren Idealen und der Welt, in der wir alt sein müssen. In manchen Augen macht uns das anmaßend. Nun, die Bourgeoisie hat ja nie tief aus dem Becher der Erkenntnis getrunken, wie schon Fontane anmerkt. Dabei verhalten wir uns im Grunde genommen nur treuhänderisch."

Nicht nur das Problem, nein das Lebensenergetikum dieser sechs gelehrten alten Männer besteht darin, dass sie ein streitbares, ja manchmal galliges Verhältnis zur allgemeinen Unkultur und Banalität unterhalten, und wenn sie es mit einem Gegner aufnehmen, dann muss es schon die verödete Welt als ganze sein. Denn was besagt deren Wirklichkeit, gemessen am subtilen Ressentiment ihrer eloquenten Verächter. Einen herrlichen Spaß hat sich der Erzähler Gerhard Köpf gemacht in diesem vor Komik sprühenden Buch. Ereignisreich ist das Leben der fünf versammelten Emeriti nicht, aber eben auf ganz besondere Weise unterhaltsam. Dafür sorgt schon ihre unbändige Sprach- und Spottlust, ihre "Enerviertheit bis hin zur Affektinkontinenz", wie der Erzähler sagt. Nur von außen und von Fall zu Fall dringen banale Ereignisse der realen Welt herein, viel interessanter sind die Histörchen des Schwerenöters und Mitgiftjägers von der Tränk, der seine Kollegen in regelmäßig eintreffenden Briefen köstlich unterhält. Aber ist diese Sozietät tatsächlich ein "Bollwerk wider den Zeitgeist", wie der Roman nahe zu legen scheint?

Auf den ersten Blick mag einem das ganze vorkommen wie die Beschwörung eines obsoleten Akademikerklüngels, doch schon der zweite Blick belehrt darüber, dass hier eine geradezu schamanische Ironie am Werk ist. Eine, die das Altvordere und Überständige an ihren Helden so sehr auf die stilistische Spitze treibt, dass ein ungewöhnliches Gegenlicht auf die Realität fällt. Diese Ironie als "Erinnerungskunst" arbeitet sich mit angespitztem Temperament hinauf auf den schmalen Grat zwischen gestern und morgen, die Gegenwart dazwischen wird von einer Erzählintensität erfasst, die unser Zeitbewusstsein ins Schweben bringt. Ein raffiniertes Entlarvungsspiel treibt Gerhard Köpfs Roman mit all jenen, die sich von bloßer Gegenwärtigkeit blenden lassen, oder womöglich mit der Gesinnungskonfektion des Jugendwahns durch die Welt laufen:

"Machen wir uns also nichts vor und seien wir ehrlich, und uns im Rahmen des geltenden Unsinns darüber einig, dass ein Bekenntnis immer verlogen ist. Damit träumen wir uns doch bloß in eine Rolle hinein. Wir sind ja nicht die Helden, sondern nur die Schauspieler unserer Phantasie. Wir schmieren unsere Rollen herunter, um uns selbst davon zu überzeugen, dass sie uns auf den Leib geschrieben sind. So spricht übrigens mein verehrter Lehrer und Meister Hilarius, und er fährt fort: Je klarsichtiger der Schwindel durchgeführt wird, als desto legitimer stellt er sich heraus."

Gerhard Köpf: Käuze in Pfeffer und Salz. Klöpfer & Meyer 2008. 19,90 Euro

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