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StartseiteCampus & KarriereHoffen auf Rückkehr29.06.2017

Erasmus und die SchweizHoffen auf Rückkehr

Die Schweiz ist zwar kein EU-Mitglied, dennoch nahm das Land am Erasmus-Programm teil – bis 2014. Denn vor drei Jahren stimmten die Schweizer für eine Einschränkung der Personenfreizügigkeit - und damit gegen einen Grundpfeiler der EU. Die EU-Kommission beschloss daraufhin den Ausschluss der Schweiz aus dem Erasmus-Programm.

Von Thomas Wagner

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Symbolbild zum Referendum in der Schweiz zur Begrenzung der Zuwanderung (imago / Ralph Peters)
Das Referendum "Gegen Masseneinwanderung" in der Schweiz hat die Beziehungen zur EU belastet - unter anderem wurde das Land aus dem Erasmus-Programm ausgeschlossen (imago / Ralph Peters)
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Für Professor Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, war das ein rabenschwarzer Tag: Jener 9. Februar 2014, als sich die Schweiz in einer Volksabstimmung von der Personenfreizügigkeit der Europäischen Union verabschiedete.

"Dann war von einem Tag zum anderen plötzlich klar. In diesem Erasmus-Austauschprogramm sind wir nicht mehr dabei."

Rausschmiss aus Erasmus als Strafmaßnahme

Denn mit dem Volksentscheid im Februar 2014 hatte die Schweiz den Zorn der EU-Kommission auf sich gezogen: Weil, so der Inhalt des Beschlusses, EU-Bürger sich zukünftig nicht mehr ohne Einschränkungen in der Schweiz niederlassen und arbeiten dürfen, wurde im Umkehrschluss die Schweiz aus dem Erasmus-Programm ausgeschlossen, als eine Art ‚Strafmaßnahme‘.

Die Schweizer Hochschulen mussten seinerzeit schnell reagieren, erinnert sich Uni-der Züricher Uni-Rektor Michael Hengartner:

 "Wir mussten dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über drei Wochen hunderte von bilateralen Verträgen wieder neu aushandeln mit unseren Partnern und Partnerinnen, um sicherzustellen, dass der bilaterale Austausch, also auch Incoming, wieder möglich war."

Ein bilateraler Austausch mit Studierenden aus anderen EU-Ländern, auf den die Schweizer Hochschulen trotz allem Krach mit der EU nicht verzichten wollten – im Interesse ihrer Studierenden.

 "Jedes Land hat andere Kulturen. Und das schlägt sich auch nieder auf die Psychologie. Und eigentlich ist es auch für den kulturellen Austausch sehr wichtig."

Austausch für Schweizer Studenten nur über separate, bilaterale Abkommen

Stefanie Santé studiert an der Universität Zürich Psychologie – und weist als eine von vielen daraufhin, wie wichtig der studentische Austausch für ein erfolgreiches Studium geworden ist.  Den Rausschmiss der Schweiz aus Erasmus hält sie für einen großen Nachteil.

"Also ich find es also schade, dass wir ausgeschlossen wurden, dass die Schweiz da nicht dazugehört."

…zum offiziellen Erasmus-Programm. Umso wichtiger das Bemühen der Schweizer Hochschulen, abseits dieses offiziellen Programms über separate bilaterale Abkommen mit EU-Partnerhochschulen abseits des offiziellen EU-Programms studentischen Austausch zu ermöglichen. Daneben gab es aber noch ein weiteres Problem zu lösen:

"Für Erasmus kriegen Sie als Student, als Studentin Geld von Brüssel. Wenn jetzt aber jemand von Holland in die Schweiz kommen möchte, kriegt er von Brüssel nichts."

Schweiz musste eigenes Austauschprogramm auflegen – und finanzieren

Will heißen: Die Erasmus-Zuschüsse wurden für die Schweiz gestrichen. Die Schweizer Bundesregierung musste quasi über Nacht ein eigenes Förderprogramm auflegen,

"Wo sowohl unsere Studierenden, die ins Ausland gehen, und wo sowohl auch Studierende, die vom Ausland in die Schweiz kommen, von Bern finanziert werden."

Über 52 Millionen Schweizer Franken, umgerechnet knapp 50 Millionen Euro, hat die Schweizer Bundesregierung seit 2014 aus eigenen Mitteln für den europäischen Studierendenaustausch eingesetzt.

"Ich wollte gerne nach Skandinavien, nach Norwegen zum Beispiel."

"Ich dachte mir vielleicht, Berlin, die Humboldt-Universität oder die Freie Universität – da bin ich noch am Abwägen."

Seit 2014 mehr Bürokratie für Austausch-Interessierte 

Soweit Stimmen vom Campus der Uni Zürich, die eines belegen: Schweizer Studierende zieht es nach wie vor ins EU-Ausland – trotz des Rauswurfs aus dem Erasmus-Programm der EU. Allerdings:

"Das macht es sicherlich ein Stück weit schwieriger. Und es ist sicherlich auch ein Stück weit bürokratischer geworden, das alles zu erledigen. Also ich höre von vielen, dass es megalange geht, bis man alle Papiere hat. Das ist sicherlich schwieriger."

Betont Kajo Schäffner, der an der Universität Zürich Volkswirtschaft studiert. Dass die bürokratischen Hürden über das nationale Schweizer Programm höher geworden sind, ist allerorten zu hören. Das lässt bei einigen die Lust auf einen Auslandsaufenthalt schwinden, so Michael Hengartner als Rektor der Universität Zürich:

"Die UZH war die einfache Hochschule der Schweiz, die die Austauschzahlen halten konnte. Bei allen anderen haben wir Einbrüche gesehen seit 2014."

Hoffen auf die Zeit nach 2020

Einbrüche, die sich in jüngster Zeit aber wieder erholen: Wurden 2014, dem ersten Jahr nach dem Aussetzen von Erasmus in der Schweiz, etwa 7.600 Austauschstudierende über das nationale Programm finanziert, waren es 2016 bereits 1000 mehr.

Dennoch baut Michael Hengartner fest darauf, dass auch die Schweiz in absehbarer Zeit wieder dabei sein wird bei Erasmus:

"Unsere Forderung an den Bundesrat ist ganz klar: Für FB 9, also das Folgeprogramm ab 2020/21, müssen wir wieder voll dabei sein. Wir werden abgehängt sein, wenn wir nicht dabei sind. Es geht nicht nur um den einzelnen Studierendenaustausch, sondern um internationale Zusammenarbeit, gemeinsame Studiengänge und so weiter."

 

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