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Erdbebenforscher am Pranger

Italienische Forscher protestieren gegen die Verurteilung von sieben Wissenschaftlern

Von Thomas Migge

Zukünftig werden sich Erdbebenforscher wohl damit zurückhalten, überhaupt noch Hinweise auf mögliche Beben zu geben.
Zukünftig werden sich Erdbebenforscher wohl damit zurückhalten, überhaupt noch Hinweise auf mögliche Beben zu geben. (dapd / Landesamt fuer Geologie Baden-Wu)

In Italien wurden sieben Wissenschaftler zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Ihnen wird vorgeworfen, Anzeichen für das große Erdbeben von L'Aquila erkannt, aber verharmlost zu haben. Gegen das Urteil wehren sich nun viele Kollegen der Verurteilten. Ihr Argument: Erdbeben seien nun einmal nicht voraussagbar.

"In Italien sieht es immer Düstererer aus: Nicht nur, dass man uns Wissenschaftlern immer mehr Finanzmittel kürzt, sondern dank dieses Urteils werden wir eines der großen nationalen Probleme nicht mehr wissenschaftlich thematisiert können."

Der italienische Physiker Luciano Maini von der Universität Rom ist fassungslos angesichts der Verurteilung seiner Kollegen. Er verweist auf den Umstand, dass sie international anerkannte Experten seien und man Erdbeben beim derzeitigen Stand der Forschung nicht voraussagen könne. Das Urteil ist seiner Meinung nach einfach nur "dumm". Auch Paolo Clemente, Erdbebenforscher am staatlichen Energieinstitut ENEA, ist davon überzeugt, dass dieses Urteil auf keiner wissenschaftlich tragbaren Grundlage getroffen wurde:

"Die von uns erstellten Erdbebenlandkarten können dabei behilflich sein, eventuell etwas voraussagen zu können. Darüber hinaus ist es aber vollkommen unmöglich, genaue Informationen darüber zu liefern, wo, wann und wie es zu einem Erdbeben kommt."

Clemente ist davon überzeugt, dass das Urteil in l'Aquila dramatische Folgen haben werde. Zukünftig werden sich Erdbebenforscher damit zurückhalten, überhaupt noch Hinweise auf mögliche Beben zu geben. Schließlich müssen sie ja damit rechnen, bei einer sogenannten Falschdiagnose vor Gericht gestellt zu werden. Auch Stefano Gresta, Präsident des nationalen Instituts für Geophysik, glaubt, dass man sich in Zukunft hüten werde, der Öffentlichkeit und Regierenden gegenüber irgendwelche Voraussagen zu machen.

Unter zahlreichen italienischen Erdbebenforschern geht jetzt die Furcht um: im Fall des schweren Erdbebens in der Region Emilia Ende Mai, mit einer Stärke von 5,9 auf der Richter-Skala, stehen seit Monaten Erdbebenforscher am Pranger. Hatten sie doch Jahre lang behauptet, dass die Emilia erdbebensicher sei. Schon ist die Rede, seitens einer Vereinigung von Erdbebenopfern aus der Emilia, jetzt auch diese Experten vor Gericht zu stellen. Giuliano Panzo, Professor für Erdbebenforschung an der Universität Triest, begrüßt es, dass endlich über die Vorhersehbarkeit von Beben gesprochen wird:

"Wir müssen anders denken lernen und nicht einfach nur jede Möglichkeit einer Voraussage negieren. Man kann Erdbeben nicht mit 100-prozentiger Genauigkeit aber mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit voraussagen."

Das sieht auch Giampaolo Giuliani so. Das Urteil, meint der Techniker am Gran-Sasso-Forschungsinstitut, bestätige seine Thesen. Giuliani wies Tage vor dem Beben in l'Aquila - mithilfe eines von ihm entwickelten Radon-Messgeräts - Geologen und Lokalpolitiker auf eine bevorstehende Katastrophe hin.



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