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StartseiteBüchermarktErdgeschichte für junge Leute30.04.2005

Erdgeschichte für junge Leute

Gregor Markl: "Die Erde. Eine Reise durch ihre Geschichte"

Gregor Markl, Professor für Gesteinskunde in Tübingen, führt junge Leser mitten hinein in die Entstehungsgeschichte der Erde. Und wie aufregend diese sein kann, beweist Markl in seinem Buch das von Vulkanausbrüchen, dem allertiefsten Meeresgrund und Gestirnen erzählt. Man erfährt eine ganze Menge in Markls Buch. Und dazu muss man sich nicht einmal anstrengen.

Von Kersten Knipp

Stromboli im Jahr 1955 (AP)
Stromboli im Jahr 1955 (AP)

Zum Abendessen erschienen sie leicht verspätet; genauer gesagt, um die Kleinigkeit von einer Million Jahre. Die am Tisch Wartenden waren einigermaßen verärgert, doch ihr Unmut wäre verflogen, wenn sie nur in erdgeschichtlichen Zusammenhängen gedacht hätten. In diesen nämlich zählt eine solche Verspätung wenig, ja eigentlich nichts. 4556 Millionen Jahre ist die Erde alt - was also sollte es da auf eine Millionen mehr oder weniger ankommen?

Der so argumentiert, heißt Gregor Markl, wurde 1971 geboren und war bei seiner Berufung Deutschlands jüngster Professor. Er lehrt Petrologie, also Gesteinskunde, in Tübingen - ein Fach, das von weit mehr als nur Bergen, Felsen, Kieseln handelt. Es führt nämlich mitten hinein in die Entstehungsgeschichte der Erde. Und wie aufregend diese sein kann, hat Markl nun in einem eigens für junge Leser verfassten Buch über die Entstehung und die weitere Entwicklung der Erde gezeigt.

Ein Buch für junge Leser - das heißt zunächst einmal dieses: Es ist ganz wunderbar bebildert. Zahlreiche Fotografien, von Gestirnen über Vulkanausbrüche bis hin zu Aufnahmen vom allertiefsten Meeresgrund illustrieren nicht nur das Gelesene, sie sind auch wunderbar anzuschauen. Ein Buch für junge Leser, das heißt in diesem Fall aber auch: Es hat eine ganz besondere Erzählform. Markl präsentiert zwei junge Schüler, Paul und Melanie. Sie sind es auch, die mit der erwähnten kleinen Verspätung zum Abendessen erscheinen. Zur Schule gehen die beiden an einem für uns Erdbewohner recht entlegenem Ort, nämlich einem Planeten außerhalb unseres Sonnensystems; aber das ist schon eine ganze Weile her, genauer gesagt: 4556 Millionen Jahre. Exakt vor jener Zeit also, als – plus minus die bereits bekannte Kleinigkeit von einer Millionen Jahre – die Erde entstand.

Versetzen wir uns also in jene Zeit: Vor den großen Ferien erhalten die beiden die Aufgabe, Referate zur Entstehung und Entwicklung von Planeten zu schreiben. Dazu unternimmt man Exkursionen, und die machen ungeheuren Spaß, vor allem dann, wenn man so ausgerüstet ist wie Paul und Melanie. Die beiden verfügen nämlich über einen FORD – nicht eines der auf unseren Straßen üblichen Modelle allerdings, sondern ein ungleich flotteres: FORD steht für Fast Orbital Racing Device, auf gut Deutsch also: eine Zeitmaschine. Die bringt es auf schlappe 10 Lichtjahre pro Stunde. Mit ihr rasen die beiden durch die Zeiten, hin zur Entstehung der Erde und dann allmählich zurück bis zu unserer Gegenwart – was hier so viel heißt wie bis in die letzten anderthalb Millionen Jahre. Danach ist nämlich erdgeschichtlich nichts Entscheidendes mehr passiert.

So sehen die beiden, was uns, die wir nur herkömmliche Fords fahren, alles verborgen bleibt. Die Entstehung unseres Sonnensystems etwa. Das ist zunächst nichts anderes als eine große Gas- und Staubwolke, die sich, angezogen von der Schwerkraft, immer mehr verdichtet und schließlich ineinander stürzt, dabei jede Menge Licht aussendend. Aus dieser schweren Masse entwickeln sich dann die Himmelskörper, wobei es bei der Verteilung zu einigen Ungerechtigkeiten kommt: 99,9 Prozent der gesamten Masse gehen an einen einzigen Körper, nämlich die Sonne. Den größten Teil der Reste wiederum erhalten die Riesenplanenten Jupiter und Saturn. Und was dann noch übrig bleibt, darum können sich die übrigen Planeten balgen. Kein Wunder, dass unsere Erde sich im Vergleich wie ein kleines Staubkorn ausnimmt.

Dafür aber hat sie sonst ein paar Vorteile: Sie steht in genau dem Abstand zur Sonne, in dem es für uns Erdbewohner nicht zu heiß und nicht zu kalt wird. Denn so zwischen Minus 50 und Plus 130 Grad sollten die Temperaturen schon sein, damit sich unsereiner hier entwickeln kann. Darüber oder darunter wird es dann ernsthaft ungemütlich. Jedenfalls für die meisten von uns: Einige Formen niedersten Lebens, Mikroben etwa, halten es auch in Höhe des absoluten Nullpunkts, also bei Minus 273 Grad, aus. Die igeln sich dann einfach ein, und wenn es irgendwann wieder wärmer wird, tauen sie wieder auf. So einfach ist das. Eines aber verbindet die possierlichen Tierchen mit uns: Auch sie kommen ohne Kohlen-, Wasser- und Sauerstoff nicht aus. Und die gibt es in unserem Sonnensystem in dieser Dosierung eben nur auf der Erde.

Damit ist zugleich noch etwas gesagt: Es ist keineswegs ausgeschlossen, ja sogar einigermaßen wahrscheinlich, dass es irgendwo im Universum noch anderes Leben gibt. Wohlgemerkt. Das jedenfalls schreibt Markl; und der hat keine Ufos gesehen, sondern geht schlicht von der Statistik aus: Es gibt Milliarden von Galaxien mit einigen Trillionen Sonnensystemen und Milliarden von Sternen darin: Sollten da nicht auch anderswo ein paar Lebewesen auf ihren Planeten hocken können? Auch wenn sie vielleicht drei Beine statt zwei haben, oder vielleicht nur eins? Und dafür vielleicht fünf Arme und zwei Köpfe? Oder drei? Oder auch gar keinen? An einem jedenfalls zweifelt Markl nicht. Er geht davon aus, Zitat, "dass es mit großer Wahrscheinlichkeit noch Millionen von Himmelskörpern gibt, die belebt sind (vielleicht auch mit einer anderen Form von Leben, als wir es kennen), aber die wir wohl nie zu Gesicht bekommen werden und mit denen wir vermutlich auch nie in Kontakt treten können."

Das muss nicht schlimm sein, denn wir haben ja genug mit uns und dem Planeten zu tun, auf dem wir hausen. Der hält uns nämlich hinreichend auf Trab, wie die weitere Reise von Paul und Melanie zeigt. Die sind inzwischen wieder in ihren FORD gestiegen und rasen weiter durch die Erdgeschichte. So können sie sehen, wie die Kontinente auf lange Reisen über die Weltmeere gehen. Dabei verschieben und verhaken sie sich, drücken aneinander, bis es nicht mehr auszuhalten ist und der ganze Druck durch Erdbeben und Vulkanausbrüche weicht.
Doch so katastrophal es auch sein mag, wenn man gerade am falschen Ort ist und ein ausbrechender Vulkan einem jede Menge Asche um die Ohren schleudert oder wenn ein ausgewachsenes Erdbeben einen mit kräftigen Stößen von den Beinen reist – in größeren Zusammenhängen erweist sich die gewaltige Unruhe unseres Planeten als enorm vorteilhaft. Durch sie zerbröseln nämlich die verschiedenen Gesteinsmassen, vermischen sich, formen neue Landschaften, die den Aufenthalt auf Erden erst möglich, auf jeden Fall aber angenehmer machen. Ohne die so genannte Plattentektonik, so Markl, wäre unsere Erde eine einzige gleichmäßige Staubfläche. Das wäre zwar schön für die gesamten Putzfrauen dieser Welt, denn denen ginge nie die Arbeit aus. Für den Rest der Mannschaft aber wäre das eine staubtrocken-langweilige Geschichte.

Gut also, dass die Erde so unruhig ist. Und auch, dass sie jenen großen Verlust überstanden hat, der ihr relativ kurz nach Entstehung des Sonnensystems widerfahren ist. Damals stieß sie mit einem gewaltigen Meteoriten zusammen, und zwar in einer solchen Wucht, dass ihr ein riesiges Stück herausgerissen wurde und zehntausende Kilometer weit ins All geschossen wurde. Das Stück heißt heute "Mond". In anderen Worten: Der Mond war einst ein Teil der Erde.

Man erfährt also eine ganze Menge in Markls Buch. Und dazu muss man sich nicht einmal anstrengen. Es tauchen zwar viele Fachbegriffe auf, aber der Autor nimmt sich Zeit, sie zu erklären. Und verwendet dabei eine Sprache, die jedermann versteht. Man liest das Buch recht zügig, so zügig, dass man auch pünktlich zum Abendessen erscheinen kann. Auf jeden Fall dürfte die Verspätung deutlich weniger als eine Million Jahre betragen. Aber auch das ist ja, wir wissen es inzwischen, praktisch so gut wie nichts.

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