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Erdogans Spiel mit dem Feuer

Die Türkei lässt den Konflikt mit Syrien eskalieren

Von Gunnar Köhne, freier Journalist

Türkische Soldaten auf Panzerpatrouille an der Grenze zur Syrien
Türkische Soldaten auf Panzerpatrouille an der Grenze zur Syrien (picture alliance / dpa / Aykut Unlupinar / Anadolu Agency)

Die Türkei besitzt die zweitgrößte NATO-Armee. Innerhalb einer halben Stunde würden wir mit den Syrern fertig, tönte ein nationalistischer Abgeordneter nach dem Beschuss einer türkischen Ortschaft durch syrische Artillerie. Sie könnten - wenn sie wollten. Aber niemand in der Türkei will einen Krieg mit Syrien.

Ein paar Mal wurde zurückgeschossen, Truppen zusammengezogen. Eine Drohkulisse, nicht mehr. Vollmundig hatte sich Ministerpräsident Erdogan an die Spitze der Assad-Gegner in der Region gestellt - darauf hoffend, damit seinen Einfluss in der arabischen Welt mehren zu können. Er ließ die bewaffnete Opposition von türkischem Territorium aus gewähren und nahm großzügig syrische Kriegsflüchtlinge auf.

Doch je länger der Konflikt im Nachbarland anhält, desto tiefer wird die Türkei in den gewaltsamen Strudel der Ereignisse hineingezogen. Da wäre die Flüchtlingskrise. Sie droht, außer Kontrolle zu geraten - die von Ankara angegebene Kapazitätshöchstgrenze von 100.000 Menschen könnte schon in wenigen Wochen erreicht sein. Was dann? Die Türkei will für die Menschen eine militärisch gesicherte Zone auf syrischem Gebiet einrichten. Doch UN und westliche Verbündete - allen voran die USA - ziehen nicht mit. Werden die Türken also bald Hilfesuchende an der Grenze abweisen? Das wäre ein großer Imageschaden für Erdogan, besonders in der arabischen Welt.

Der Krieg in Syrien facht auch die innertürkischen Spannungen zwischen Religionen und Ethnien mehr und mehr an. Die Kurden in Nord-Syrien bereiten sich mithilfe der militanten PKK auf eine Autonomie nach Assad vor. Ein autonomes Kurdistan im Irak und in Syrien - aber nicht in der Türkei? Kaum denkbar - darum haben die Kämpfe zwischen der Armee und der PKK wieder zugenommen. Mal reagiert der türkische Staat mit Härte und lässt selbst gewaltlose Kurden einsperren, mal bietet die Regierung der PKK Gespräche an. Wenn Ankara das Kurdenproblem nicht bald friedlich löst, hat sie auch noch die Kurden Syriens zum Feind. Erdogan kann dabei nur verlieren. Schon jetzt hat die PKK einige kurdische Gebiete in der Türkei zu "befreiten Zonen" erklärt.

Auch das Verhältnis zwischen der großen sunnitischen Mehrheit und der liberalen alewitischen Minderheit in der Türkei wird durch den Krieg immer mehr belastet. Die zehn Millionen Alewiten werden haftbar gemacht für den Alawiten Assad. Es gab erste Brandanschläge auf alewitische Einrichtungen. Erst Kurden, nun Alewiten - der ohnehin brüchige gesellschaftliche Frieden in der Türkei steht auf dem Spiel. Damit taugt das Modell Türkei auch immer weniger als Vorbild für die arabische Welt. Der wirtschaftliche Erfolg allein reicht für eine solche Vorbildfunktion nicht aus. Erdogan steht innen- und außenpolitisch ohne Konzept da. Und immer mehr Türken wollen ein Ende des Abenteuers Nahost. Jahrzehntelang waren sie es gewohnt, dass sich ihre Regierungen aus den Konflikten des Nahen Ostens strikt heraushielten - nun haben sie mit Syrien und seinem Verbündeten Iran wieder zwei Feinde an ihren Grenzen. Als sich Erdogan den arabischen Nachbarn annäherte und der neue Handel Geld brachte, fanden das noch die meisten gut. Aber nun wünschen sich immer mehr eine Wiederbelebung der europäischen Ausrichtung des Landes.

Darum darf die Türkei in dieser schwierigen Situation gerade von Europa nicht allein gelassen werden. Außer mit markigen Solidaritätserklärungen sollten Brüssel, Berlin und Paris den Türken insbesondere bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise helfen. Warum nicht die Hälfte der Hilfesuchenden in die EU aufnehmen? Das würde zum inneren Frieden in der Türkei beitragen. Bundeskanzlerin Merkel und der französische Staatspräsident Hollande könnten durch Besuche in Ankara und in der Grenzregion ihre Solidarität bekräftigen. Assad, aber auch der iranische Machthaber Ahmadinedschad würden verstehen, dass sie die Türkei nicht durch Provokationen aus dem westlichen Bündnis herauslösen können. Der Türke hat nur den Türken zum Freund, lautet ein türkisches Sprichwort. In diesen schwierigen Tagen sollte Europa die Türkei nicht im Stich lassen.

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