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StartseiteKommentare und Themen der WocheDeutsche Anbiederung gegenüber dem Despoten ist unwürdig29.03.2016

Erdogans Umgang mit deutschem BotschafterDeutsche Anbiederung gegenüber dem Despoten ist unwürdig

Hinter der Einberufung des deutschen Botschafters in der Türkei stecke mehr als nur TV-Satire, meint Kemal Hür. Erdogan habe den Vertreter Deutschlands einbestellt, weil der die Gerichtsverhandlung gegen kritische Cumhuriyet-Journalisten besuchte. Die deutsche Regierung müsse Erdogan endlich in seine Schranken weisen.

Von Kemal Hür

Angela Merkel und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara. (TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE/dpa)
Angela Merkel und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara. (TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE/dpa)
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"Satire darf alles!" Diesen Satz von Kurt Tucholsky kennt in Deutschland wohl jeder halbwegs gebildete Mensch. Dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan dürfte er nicht bekannt, oder aber ziemlich egal sein. Erdogan ließ kürzlich den deutschen Botschafter einbestellen. Grund: Satire. Das NDR-Fernsehen hatte in seiner Sendung "Extra 3" ein Lied auf den türkischen Despoten Erdogan angestimmt und ihn darin wegen seiner Angriffe gegen die Pressefreiheit aufs Korn genommen. Erdogan, der in der Türkei mehrmals Karikaturisten verklagte, ließ den deutschen Botschafter wissen, dass das Lied seine Person herabsetze und nicht zu akzeptieren sei.

Kleingeistig und größenwahnsinnig

Erdogan Vorgehen ist kleingeistig genauso wie größenwahnsinnig. Kleingeistig, weil er nicht staatsmännisch über einem satirischen Lied stehen kann. Größenwahnsinnig, weil er meint, ein Botschafter könne die Berichterstattung in seinem Land beeinflussen. In seinem eigenen Denken ist das nicht unüblich. Und hier wird der Hintergrund der Geschichte klarer. Erdogan lässt kritische Journalisten willkürlich einsperren, lässt ganze Medienhäuser schließen, wenn sie nicht auf seiner Linie sind.

Zwei Journalisten der Tageszeitung Cumhuriyet hatten über türkische Waffenlieferungen an Islamisten berichtet. Erdogan stellte höchstpersönlich Strafanzeige. Ihnen droht lebenslange Haft. Den Prozess gegen die kritischen Journalisten hatten mehrere Diplomaten im Gerichtssaal beobachtet, darunter der deutsche Botschafter. Das ist es, was Erdogan zur Weißglut treibt.

Satire als Vorwand

Das satirische Lied ist nur ein Vorwand. Erdogan bestellte den deutschen Botschafter ein, weil der den Prozess besuchte. Doch der Despot vom Bosporus scheint eine selektive Wahrnehmung zu haben. Als er Ende der 90er-Jahre selbst öffentlich ein islamistisches Gedicht rezitiert hatte und deswegen von einem Staatssicherheitsgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, hatten seinen Prozess auch Diplomaten besucht. Damals war er aber nur der Oberbürgermeister von Istanbul, heute ist er Staatspräsident. Und nicht weniger wichtig: Er ist Partner der EU in der sogenannten Flüchtlingskrise. Wohl deswegen schweigt die deutsche Regierung über den eigentlich skandalösen Vorgang, dass ihr Botschafter einbestellt wird.

So viel Anbiederung vor einem kleingeistigen Despoten ist unwürdig. Erdogan hat nicht die geistige Größe, auf ein satirisches Lied mit Achselzucken zu reagieren und macht sich mit seinem Sultans-Gebaren zu einer Witzfigur, ja. Aber die deutsche Regierung muss Erdogan endlich in seine Schranken weisen. Sonst bestraft auch sie - die Satire.

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