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StartseiteBüchermarktIm Bauch von Amazon04.11.2014

ErfahrungsberichtIm Bauch von Amazon

Mit ihrem Buch "Saisonarbeit" hat die Leipziger Autorin Heike Geißler einen radikal subjektiven und doch hoch politischen Erfahrungsbericht über ihre Zeit beim weltgrößten Online-Versender vorgelegt. Die Autorin arbeitet sich nicht an plakativen Feinbildern ab. Sie zielt tiefer und schildert den bedrückenden, alle Lebensbereiche infizierenden Alltag.

Von Nils Kahlefendt

Päckchen und Pakete laufen in der Halle der neuen Zustellbasis des Postzustellers Deutsche Post DHL in Norderstedt (Schleswig-Holstein) auf einem Band.  (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
Heike Geißler ist eine Genauigkeits-Fanatikerin, der die Abgebrühtheit des kühlen Rechercheurs fehlt. Sie ist verletzbar, alles andere als ein Möchtegern-Wallraff. Mit seismografisch genauem Blick registriert sie die Zurichtungen der Arbeitswelt. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
Weiterführende Information

Frankfurter Buchmesse - Kleine Händler entdecken das Online-Geschäft
(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 07.10.2014)

Streitgespräch - Wie hältst du's mit Amazon?
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 06.10.2014)

Konsum und Macht - Triumph des digitalen Kaufens
(Deutschlandradio Kultur, Sein und Streit, 28.09.2014)

Amazon - Die Streikbewegung wächst
(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 22.09.2014)

Autorenproteste gegen Amazon - "Nicht mehr mit Amazon kooperieren"
(Deutschlandfunk, Interview, 19.08.2014)

Amazon, der weltgrößte Online-Händler, ist ins Gerede gekommen, vielleicht sogar in Verruf. Vom Wachdienst schikanierte Mitarbeiter, Streiks in den Logistikzentren, Buchhändler, Autoren und Verleger, die gegen die erdrückende Marktmacht des Online-Riesen protestieren. Kaum ein Tag, da die Firma von Jeff Bezos nicht in den Schlagzeilen ist. Einem Text, der uns in die von der Außenwelt abgeschotteten Hallen blicken lässt, sollte Aufmerksamkeit sicher sein - über seine Qualitäten ist damit noch nichts gesagt. Im Frühjahr etwa sorgte das Buch des französischen Journalisten Jean-Baptiste Malet für Wirbel, der sich als Zeitarbeiter bei Amazon eingeschleust hatte. Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren und als Autorin und Übersetzerin in Leipzig lebend, schlägt gleich zu Beginn ihres Erfahrungsberichts einen anderen Ton an:

"Geht es hier eigentlich um Leben und Tod? Ich sage einstweilen Nein und komme später auf die Frage zurück. Dann werde ich sagen: Nun, nicht direkt, aber irgendwie ja doch, es geht darum, wie sehr der Tod ins Leben darf. Oder das Tödliche. Also das, was uns umbringt. Um genau zu sein: Gegen das Tödliche ist der Tod ein Waisenknabe. Oder: Der Tod ist gegen das Tödliche ein Herr mit wirklich guten Manieren und einer kleinen Schüchternheit im Blick."

Strukturen, an denen Kopf und Herz Schaden nehmen

Mal halblang, liegt einem da auf der Zunge, und: Das Leben ist kein Ponyhof. Doch schon bald ist klar, dass man es sich damit zu einfach macht. Geißler arbeitet sich nicht an plakativen Feinbildern ab. Sie zielt tiefer, direkt auf die Strukturen unserer Dienstleistungsgesellschaft; Strukturen, an denen Kopf und Herz Schaden nehmen: Amazon als Fallbeispiel.

"Sie werden bald etwas über das Leben wissen, das Sie vorher nicht wussten, und es wird nicht nur mit der Arbeit zu tun haben, sondern auch damit, dass Sie älter werden, dass Ihnen jeden Morgen ein Kind hinterherweint, Sie mögen doch nicht zu dieser Arbeit gehen, und damit, dass mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist."

In elf Kapiteln - vom ersten Vorstellungstermin bis zum vorzeitigen Abbruch der Beschäftigung - macht Geißler den Leser zum Komplizen ihrer Beobachtungen und Gedanken. Ein rhetorischer Trick, aus dem der Text seine Dynamik bezieht.

"Sie gehen los, ich begleite Sie und sage Ihnen, wie alles ist und was Ihnen passiert. Sie sind ja jetzt als ich unterwegs."

Bedrückender Alltag

Was wie ein Ausflug, ein Abenteuer beginnt - Einblicke in ein Unternehmen zu bekommen, dem man gewöhnlich nur im Netz begegnet - wird für die Autorin in Geldnot sehr bald zum bedrückenden, alle Lebensbereiche infizierenden Alltag. Ironie taugt nur bedingt, sich die Dinge vom Leib zu halten. Im Bauch des Unternehmens ist Distanz kaum möglich.

"Sie tragen nun die orange Warnweste, die viel zu leicht wirkt, um so zu leuchten. Sie rutscht Ihnen, egal wie sehr Sie am Verschluss ziehen, immer wieder von den Schultern. Gleich betreten Sie die Versandhalle, vor Ihnen, hinter Ihnen Mitarbeiter, die ebenso Warnwesten tragen. Das ist eine Art Wandertag, ein Ausflug in fremde Gefilde, aber es ist ein Wandertag, der sich über einige Wochen erstrecken wird, und natürlich werden Sie vergessen, dass es ein Wandertag ist, Sie werden eben mit Schnaufen und dergleichen beschäftigt sein. Aber vorerst wandern Sie, froh, dass nun endlich Bewegung ins Spiel kommt."

Das Gefühl bleiernder Müdigkeit

Geißler ist eine Genauigkeits-Fanatikerin, der die Abgebrühtheit des kühlen Rechercheurs fehlt. Sie ist verletzbar, alles andere als ein Möchtegern-Wallraff. Mit seismografisch genauem Blick registriert sie die Zurichtungen der Arbeitswelt: Die "Mitarbeitergespräche" zwischen Fahnenappell und Motivationskreis, die subtile Hackordnung von den Klemmbrett tragenden Chefs bis hinunter zur Leiharbeiterin mit 6,75 Euro Stundenlohn. Hastig verschlungene Pausen-Mahlzeiten, die Toilette als unbeobachteter Zufluchtsort. Der untaugliche Versuch, sich hellwach zur Kinderschlafenszeit in einen "vernünftigen Arbeitnehmerschlaf" zu begeben - und das Gefühl bleierner Müdigkeit, das dennoch nicht vergehen will. Der Prosa der Verhältnisse trotzt Geißler immer wieder Bilder von poetischer Kraft ab.

"Die Dinge in den Regalen, um die herum Stille herrscht, weil niemand unterwegs ist, um sie zu holen und dem Kunden näher zu bringen, strahlen Ernst aus und sind etwas wie die Tupfen eines Gemäldes, das nichts Bedrohliches hat, nichts Maschinelles, die Produkte wirken wie mittlerweile pensionierte Arbeiter dieses Weltunternehmens."

Großartiges, nachdenkliches Buch

In ihrem Text, der die Grenzen zwischen Literatur und Journalismus, Erzählung und Reportage mühelos sprengt, gelingt Geißler das Kunststück, mit den Mitteln der Sprache das Politische ins Persönliche zu holen. Auf die Frage, wie sich Erwerbsarbeit so gestalten ließe, dass sie "möglich und nicht tödlich" ist, hat auch sie keine Antwort. Kraft wächst ihr aus den Büchern zu. Nicht unbedingt aus den Tonnen Vampir-Romanen und albernen Ratgebern, die täglich durch ihre Hände gehen. Es sind Gedanken von Künstlern, Philosophen und Autorinnen wie Hannah Arendt oder Friederike Mayröcker, die kleine Leuchtfeuer der Hoffnung zünden – und natürlich auch ein Satz von Elfriede Jelinek: "Wer lebt, stört." Uns Leser entlässt Heike Geißlers schmales, großartiges Buch nachdenklich - und sehr lebendig.

Heike Geißler: Saisonarbeit, herausgekommen als Band 2 der bei Spector Books (Leipzig) erscheinenden Reihe "Volte"; 270 Seiten, 14 Euro.

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