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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturErfindergeist und Niedergang - Eine kritische Bestandsaufnahme der USA31.10.2011

Erfindergeist und Niedergang - Eine kritische Bestandsaufnahme der USA

Thomas Friedman und Michael Mandelbaum: "That used to be us", Farrar Straus & Giroux Verlag

Die USA stecken mitten in einer wirtschaftlichen und politischen Krise. Die Elite sucht nun aufgeschreckt im Ausland nach neuer Orientierung. "That Used To Be Us" – auf Deutsch übersetzt etwa: "Das waren wir früher" - ist eine Streitschrift, die in dem Land seit Wochen für Diskussionen sorgt.

Von Tobias Armbrüster

Wohin geht die Reise? Die "Statue of Liberty" auf der New Yorker Insel  "Liberty Island" (AP)
Wohin geht die Reise? Die "Statue of Liberty" auf der New Yorker Insel "Liberty Island" (AP)

Amerika-Kritik hat eigentlich immer Konjunktur: Es scheint ja auch alles so einfach – eine ehemalige Supermacht wird dekadent und stürzt ab. Wer so ein Strickmuster erwartet, der liegt bei diesem Buch falsch. "That Used To Be Us" ist eine kritische Bestandsaufnahme der USA – eine Abrechnung allerdings, die immer wieder daran erinnert, mit welcher Mischung aus Erfindergeist und kluger Politik die USA frühere Krisen gemeistert haben. Aus heutiger Sicht, schreiben die beiden Autoren, blicke ihr Land zurück auf ein verlorenes Jahrzehnt. Zu viel sei geredet worden über Osama bin Laden – und zu wenig über das chinesische Wirtschaftswunder. Thomas Friedman im amerikanischen Sender NBC:

"Der 11. September 2001 hat uns auf eine völlig falsche Spur gebracht. Wir haben ein ganzes Jahrzehnt damit verbracht, den Verlierern der Globalisierung hinterherzulaufen, anstatt den Gewinnern. Und ähnlich wie so manch ein Baseball-Spieler haben wir uns bei diesem Lauf mit Steroiden nur so voll gespritzt. Unsere Steroide, das waren Kredite, geliehenes Geld – nur damit konnten wir unsere Immobilienblase finanzieren und unseren Arbeitsmarkt."

Das Buch von Friedman und Mandelbaum wird seit Wochen in amerikanischen Medien diskutiert. Für die beiden ist das nichts Ungewöhnliches - Thomas Friedman hat als New York Times -Journalist dreimal den Pulitzer-Preis gewonnen, Michael Mandelbaum ist Professor an der John Hopkins Universität, beide gehören seit Jahren zu den Taktgebern im politischen Diskurs der USA. Ihr Buch trifft auch deshalb den Nerv der innenpolitischen Debatte, weil im Land der Tea Party derzeit alles möglich erscheint – nichts ist klar im Jahr vor der nächsten Wahl. Mandelbaum und Friedman plädieren in diesem Vakuum für Lösungen, die man selten hört in ihrer Heimat: Sie wünschen sich mehr Regulierung, vor allem in der Umweltpolitik, Deutschland wird da häufig als Beispiel zitiert. Außerdem fordern sie Steuer-Erhöhungen. Das Land werde von Politikern regiert, die keine Ahnung von Haushalts-Arithmetik haben. Nur so ließe sich erklären, dass man unter George W. Bush zwei Kriege begonnen und gleichzeitig Steuern gesenkt habe.

"Leider haben zwei Gruppierungen die amerikanische Politik zwei Jahrzehnte lang dominiert. Die einen haben sich dabei ein Wirtschaftsmodell gebastelt, das auf einer Art Wünsch-Dir-Was-Mathematik basiert - das Modell der anderen basiert auf überhaupt keiner Mathematik. Das Problem, das sie so gemeinsam geschaffen haben, lässt sich jetzt nur noch lösen, indem wir uns langsam und unter Schmerzen wieder an die Realität gewöhnen."

Ähnlich wie amerikanische Politiker das explodierende Staatsdefizit ignoriert hätten, seien sie im Augenblick dabei die andere wichtige Großbau-Stelle verrotten zu lassen: das Bildungs-System. Mit den Defiziten in den Lehrplänen halten sich die beiden Autoren dabei gar nicht lange auf. Junge Amerikaner, ihre Eltern und Bildungs-Politiker schreiben sie, hätten es jahrelang verpasst, die ausländische Konkurrenz zu beachten, auch auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt: Inzwischen seien es die brillanten Schüler aus Staaten wie China, Indien und Singapur, die die Plätze an den besten Hochschulen ergattern und anschließend Karriere machen würden. Junge Amerikaner, schreiben Friedman und Mandelbaum, seien längst abgehängt.

"Hillary Clinton hat uns nie nach einem Karriere-Tipp gefragt. Wenn sie es jemals gemacht hätte, dann hätten wir ihr Folgendes gesagt: Als Präsident Obama sie gebeten hat US-Außenministerin zu werden, hätten sie besser ablehnen sollen. Und zwar mit der Begründung, dass sie lieber den wirklich wichtigen Posten in der amerikanischen Sicherheitspolitik haben wollen. Und das ist nun mal der des Bildungsministers."

Es ist gerade dieses Bildungs-Kapitel, das auch dem deutschen Leser viel Stoff zum Nachdenken gibt, denn auch wenn sich die Globalisierung auf dem Arbeitsmarkt bei uns noch nicht so bemerkbar macht, so steuern wir doch langfristig in eine ähnliche Richtung. Die Konkurrenz wächst. Und die USA könnten dabei als Verlierer enden. Aber Friedman und Mandelbaum wären keine Amerikaner, wenn sie ihre 350-Seiten-Kritik nicht mit einem Hauch von Optimismus abschließen würden: So wie amerikanische Schüler lernen müssten, kreativ zu sein – so müssten auch amerikanische Politiker ihre Blockade-Haltung aufgeben – welche Art von Kreativität Mandelbaum und Friedman meinen, dafür geben sie selbst mit diesem Buch ein Beispiel: Es ist eine raffinierte Kombination aus wissenschaftlichem Material, persönlichen Reise-Berichten und Zitaten von George Clooney bis Alexis de Tocqueville.

Kurz: ein Gewinn für jeden, der verstehen will, was Amerika ein Jahr vor der nächsten großen Wahl antreibt.


Thomas L. Friedman und Michael Mandelbaum: "That used to be us: How America Fell Behind in the World We Invented and How We Can Come Back"
Farrar Straus & Giroux, 400 Seiten, 18,95 €
ISBN-13: 978-0-374-28890-7

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